''Lasse mir den Spass am Skifahren nicht nehmen''
Von Andreas Kloo
München - Für Maria Höfl-Riesch war der Winter 2011/12 kräftezehrend. Sportlich lief es anfangs nicht, im Gesamt-Weltcup war Konkurrentin Lindsey Vonn schnell enteilt.
Dazu musste sie sich Kritik von aussen anhören. Experten wie Martina Ertl-Renz waren der Meinung, Höfl-Rieschs PR-Auftritte wären ein Grund für die durchschnittlichen Leistungen der Slalom-Olympiasiegerin.
In der zweiten Hälfte des Winters fand die 27-Jährige dann zwar zu alter Stärke und feierte immerhin noch drei Saisonsiege .
Doch am Saisonende fühlte sie sich leer: "Nach der Saison war ich total platt, die Motivation war raus", gesteht sie im Gespräch mit SPORT1.
Gedanken ans Karriereende wurden wach, die Höfl-Riesch aber schliesslich doch ad acta legte.
Für den Weltcup-Start am Samstag in Sölden ist sie bereit. Eine Erkältung hat sie rechtzeitig überwunden.
Im Interview der Woche erklärt die Gesamt-Weltcupsiegerin von 2011, wie sie sich wieder neu motivierte. Ausserdem spricht die Oberbayerin über ihr neues Buch und die Chancen im Duell mit Lindsey Vonn.
Und sie nennt eine deutsche Geheimfavoritin.
SPORT1: Frau Höfl-Riesch, viele denken, Skisportler können es im Sommer ruhig angehen lassen. Wie ruhig war denn Ihr Sommer wirklich?
Maria Höfl-Riesch: Das ist eine weit verbreitete Meinung, die überhaupt nicht stimmt. Wir haben nur im April zwei, drei Wochen wirklich Urlaub. Im Mai und im Juni folgte intensives Konditionstraining, da war ich täglich acht Stunden aktiv. Ende Juli ging es schon wieder auf die Skier, ich war dann in Zermatt und schliesslich sechs Wochen in Neuseeland und Chile. Von Ruhe kann also keine Rede sein.
SPORT1: Darüber hinaus waren Sie auch noch als Buchautorin aktiv. Warum haben Sie den Titel "Geradeaus" für Ihre Biographie gewählt? Als Slalom-Weltmeisterin und Olympiasiegerin beherrschen Sie es ja auch, Hindernisse zu umkurven.
Der Titel hat weniger mit meiner Art, Ski zu fahren zu tun. Gemeint ist geradeaus im Sinne von direkt, ehrlich, so wie ich einfach bin.
SPORT1: Sie mussten sich im letzten Jahr viel Kritik anhören, nachdem Sie vor dem Winter Ihr Gewicht reduziert hatten und es dann anfangs sportlich nicht lief. Wie sehr hat Sie diese Kritik getroffen?
Na ja - viel Kritik? Es waren zwei, drei, die immer wieder dasselbe schrieben. Mit konstruktiver Kritik habe ich überhaupt kein Problem. Oder wenn es um meine sportliche Leistung geht. Aber es wurden einfach Lügengeschichten verbreitet. Zum Beispiel, ich würde mich nicht mehr genug um den Sport kümmern. Und ich hätte mich dünn gehungert. Das hat mich natürlich geärgert.
SPORT1: So sehr, dass Sie sogar an Rücktritt dachten. Wie knapp standen Sie vor dem Karriereende?
Ich habe mit dem Gedanken gespielt. Nach der Saison war ich total platt, die Motivation war raus. Es war mir ein Graus, dass nach dem kurzen Urlaub alles wieder von vorn losgehen soll. Deshalb habe ich über das Karriereende nachgedacht.
SPORT1: Was hat Sie davon abgehalten?
Ich habe es mir im Urlaub gut gehen lassen, habe neue Kraft getankt und wieder Motivation gefunden. Ausserdem habe ich mir gesagt: Ich bin eine Kämpferin, es kann nicht sein, dass ich mir von anderen den Spass an meiner liebsten Beschäftigung nehmen lasse.
SPORT1: Was konkret motiviert Sie denn noch? Sie sind Weltmeisterin, Doppel-Olympiasiegerin und Gesamt-Weltcupgewinnerin, haben also alles erreicht.
Das stimmt, aber das ist doch ein gutes Gefühl, wenn man sich alle sportlichen Ziele und Träume schon erfüllt hat und trotzdem noch Spass am Skifahren hat. Dann kann man das Ganze ohne den ganz grossen Stress und Druck angehen. Das Leben nach der Karriere ist lang genug. Deshalb möchte ich die nächsten zwei, drei Jahre noch mal alles geben. 2013 die WM und 2014 Olympia - das sind doch echte Herausforderungen.
SPORT1: Die Fans werden Sie also in Sotschi 2014 auf Skiern sehen?
Das ist der Plan. Auch wenn im Leistungssport immer unvorhergesehene Dinge passieren können.
SPORT1: Zunächst einmal steht aber die Saison 2012/2013 vor der Tür. Im letzten Jahr gab bei den Damen die Ein-Frau-Show der Lindsey Vonn. Können Sie uns Hoffnung machen, dass es in diesem Winter wieder zum spannenden Zweikampf zwischen Ihnen und Lindsey kommt wie im Jahr zuvor?
Hellsehen kann ich leider nicht. Aber wenn Lindsey annähernd die Form aus der vergangenen Saison erreicht, dann sehe ich niemanden, der eine Chance gegen sie haben könnte. Das muss man ganz realistisch so betrachten.
SPORT1: Was für Konkurrentinnen im Gesamt-Weltcup haben Sie sonst noch auf dem Zettel?
Die gleichen Namen wie im letzten Jahr: Tina Maze, Tina Weirather, Liz Görgl, Anna Fenninger. Alle, die in mindestens drei Disziplinen viele Punkte machen.
SPORT1: Der DSV-Plan war ja, auch Viktoria Rebensburg für den Kampf um die grosse Kristallkugel fit zu machen. Wie sehen Sie Ihre Chancen?
Vicky hat eine sensationelle Entwicklung gemacht, gerade in Abfahrt und Super-G. Ihr fehlen zwar nur die Disziplinen Slalom und Kombination, aber genau das dürfte es ihr schwer machen, in der kommende Saison schon um den Gesamt-Weltcup mitzufahren.
SPORT1: Viktoria Rebensburg und Sie waren zuletzt die einzigen beiden deutschen Siegfahrerinnen. Warum fehlt die Breite in der Spitze?
Wir sind ja nur ein kleines Team und waren von Verletzungen gebeutelt. Katy Hölzl und meine Schwester sind immer noch nicht wieder fit, auch Gina Stechert ist die ganze letzte Saison ausgefallen. Aber es gibt schon einige junge Fahrerinnen, die immer mehr nach vorne preschen. Lena Dürr ist in Slalom und Riesenslalom in den Top 15. Sie könnte in der neunen Saison um Siege mitfahren. Und Christina Geiger hat im Slalom auch grosses Potential.
SPORT1: Zwischen dem DSV und Ihnen gab es in der Vorsaison einige Probleme. Das führte zu Gerüchten, Sie wollten sich vom Verband lossagen. Wie ist aktuell das Verhältnis?
Es gab Konflikte, das stimmt. Aber vom Verband wollte ich mich nie lösen, das war auch eine von diesen Lügengeschichten, frei erfunden. Mit den Trainern und den anderen Fahrerinnen habe ich mich sowieso immer gut verstanden. Und auch in allen anderen Bereichen sind wir jetzt auf einem guten Weg.
SPORT1
