LeBron-Lenker Spoelstra: Von wegen Marionette
Von Eric Böhm
München - Seinen neuen Stellenwert hat Erik Spoelstra zwei Tage nach dem Titelgewinn der Miami Heat zu spüren bekommen.
Der junge Coach erhielt einen Anruf direkt aus der Air Force One von Präsident und Basketball-Fan Barack Obama, der ihm persönlich gratulierte und das Team ins Weisse Haus einlud.
Es war der vorläufige Höhepunkt in der Karriere des einzigen Cheftrainers mit asiatischen Wurzeln in den vier grossen Profiligen der USA.
"Erik hat unser Vertrauen mehr als gerechtfertigt. Es war für ihn nicht leicht, mit dem ganzen Rummel klarzukommen. Speziell in den Playoffs hat er einen grossartigen Job gemacht", adelte Teampräsident Pat Riley sein Protege.
Spoelstra trotzt Kritik
Seit Spoelstra die NBA-Legende 2008 auf Miamis Trainerbank beerbte, musste der Sohn einer philippinischen Mutter mit Vorurteilen kämpfen.
Immer wieder behaupteten Kritiker, er sei zu jung und ohnehin nur eine Marionette Rileys. Nach der Formierung von "Miami Thrice" im Sommer 2010 wurden diese Stimmen im Zuge der medialen Aufmerksamkeit noch lauter.
Jede Niederlage wurde neben LeBron James oder Chris Bosh vor allem Spoelstra angelastet. Im Frühjahr 2011 flog ihm nach einer Pleite die ehrliche Aussage, einige Spieler hätten in der Kabine geweint, um die Ohren.
"Genau wie wir hat auch 'Spo' viel durchgemacht. Wir haben immer gut zusammengearbeitet. In den Playoffs hatte er fast immer den richtigen Plan auf Lager", lobte Finals-MVP James.
Richtige Entscheidungen
In der K.o.-Runde 2012 bestand Rileys Lehrling seine Meisterprüfung. In der zweiten Runde kompensierte er gegen Indiana mit der Umstellung auf eine kleine Formation den Ausfall Boshs.
Danach zog er auch in den Conference Finals gegen Boston trotz 0:2-Rückstandes die richtigen Schlüsse, um die Lobpässe von Rajon Rondo auf Kevin Garnett zu verhindern und im Angriff James freie Würfe und mehr Unterstützung zu geben.
"Ich habe nur einen kleinen Teil beigetragen. Die Anerkennung gebührt unserem gesamten Team. Wir sind nach der Finals-Niederlage 2011 eng zusammengerückt und haben unser Ziel erreicht", gab sich Spoelstra bescheiden.
Thunder ausmanövriert
Seine stärkste Leistung bot der 41-Jährige im Finalduell mit Oklahoma Citys Trainer Scott Brooks.
Ohne konkurrenzfähigen Center zwang er den ungemein athletischen Thunder mit Bosh, James und Shane Battier im Frontcourt eine ungewöhnliche erste Fünf auf, die dem West-Meister seinen Vorteil unter den Körben raubte.
Battier trumpfte speziell in der ersten Endspielen in Oklahoma gross auf. Sein Nässchen für personelle Entscheidungen bewies Spoelstra später auch mit Rookie Norris Cole, der seinen längsten Playoff-Einsatz in Spiel 4 bekam und in Windeseile einen 17-Punkte-Rückstand fast im Alleingang egalisierte.
Schliesslich warf er in der entscheidenden Partie den chronisch angeschlagenen Scharfschützen Mike Miller ins Geschehen, dem bei dem deutlichen 121:106 gleich sieben Dreier und 23 Punkte - Playoff-Bestleistung des 32-Jährigen - gelangen.
"Er wurde geboren, um zu coachen"
Miamis Superstars beeindruckt vor allem Spoelstras akribische Arbeit. Seine Gegneranalysen sind legendär: "Er ist Batman. Er geht in seine Höhle und arbeitet", erklärte Wade.
Nicht zuletzt diese Qualität brachte ihm 1995 den Job als Videokoordinator der Heat ein. Vorher hatte Spoelstra zwei Jahre lang für den damaligen TuS Herten in Deutschlands zweithöchster Klasse gespielt.
1997 wurde er dann Assistenzcoach und später auch zum Chefscout ernannt. Mit Wade arbeitete er in dessen jungen Jahren erfolgreich an dem verbesserungswürdigem Sprungwurf.
Zwei Jahre nach dem Titelgewinn 2006 gegen Dirk Nowitzkis Dallas Mavericks in Rileys Stab machte ihn der heutige Teampräsident völlig überraschend zum Chefcoach.
"Es ist Zeit für junge Coaches mit frischen Ideen und innovativen Methoden. Er wurde geboren, um zu coachen", schwärmte Riley damals.
Druck fällt ab
Nur aufgrund der Fürsprache des 67-jährigen sechsmaligen NBA-Champions durfte Spoelstra auch nach der bitteren Finals-Enttäuschung 2011 bleiben.
Ein Jahr später fiel bei der grossen Meisterfeier der Ballast ab und der sonst so cool wirkende Trainer ging völlig ungewohnt aus sich heraus.
"Es war eine verrückte Achterbahnfahrt. Jetzt bin ich einfach nur glücklich. Champion zu sein, ist ein unglaubliches Gefühl", gestand Spoelstra ein.
SPORT1
