Krampf und Kampf: Heat mit Mavs-Rezept zum Titel?
Von Eric Böhm
München/Miami - Hat LeBron James endlich den Umschwung geschafft?
Nach seiner starken Allround-Leistung beim 104:98 im vierten Finale gegen die Oklahoma City Thunder steht der Superstar der Miami Heat kurz vor Erreichen seines grossen Ziels.
Nur ein Sieg (Spiel 5: Fr., ab 3 Uhr) fehlt ihm noch, um den bitteren Nebensatz zu streichen, der seine öffentliche Wahrnehmung bestimmt. "James ist grossartig, aber er hat keinen Titel", könnte bald der Vergangenheit angehören.
"LeBron ist einer der dominantesten Spieler der Welt. Er beweist seinen unbedingten Willen und geht über die Schmerzgrenze hinaus", lobte Teamkollege Dwyane Wade.
Lob von Magic Johnson
Mit seinen grandiosen Auftritten in den besonders wichtigen Playoff-Partien hatte James schon vor den NBA-Finals nahezu alle Kritiker mundtot gemacht.
Gegen Oklahoma City setzt der MVP noch eins drauf und schickt sich an, im neunten Anlauf sein Titel-Trauma endlich zu beenden.
Durchschnittlich erzielt James überragende 29,3 Punkte, 10,0 Rebounds, 6,0 Assists sowie 1,8 Steals pro Partie und bringt selbst Magic Johnson ins Schwärmen.
"LeBron spielt eine der besten Finalserien aller Zeiten. Neben dem Angriff dominiert er auch in der Abwehr", adelte ihn der heutige TV-Experte.
"Dreier war schierer Wille"
Die Endphase von Spiel 4 lieferte darüber hinaus auch noch den Stoff für Legenden. Von Krämpfen geplagt quälte sich James über den Court und traf auch noch den wichtigen Dreier zum 97:94.
Die Dimensionen von Willis Reed - er spielte 1970 im siebten Finale seiner New York Knicks mit einem Muskelriss im Oberschenkel - erreichte der "King" zwar nicht, aber die Message kam an.
"Der Dreier nach der ersten Auswechslung war schierer Wille. LeBron ist ein beinharter Wettkämpfer. Das wird ihm nicht immer angerechnet", sagte Coach Erik Spoelstra.
Weiterentwicklung nach Dallas-Vorbild
Nachdem ihn Veteran Juwan Howard vom Feld tragen musste, kam der achtmalige All-Star nach kurzer Erholungspause zurück, um den letztlich entscheidenden 7:0-Lauf der Gastgeber einzuleiten.
Noch wichtiger als die in den USA umgehend zum Heldenmythos aufgebauschte Schlusssequenz, war jedoch erneut der neue Stil der Heat.
Wo im vergangenen Jahr hilflose Einzelkämpfer gegen die harmonische Einheit von Dirk Nowitzkis Dallas Mavericks noch regelmässig die Kraft ausging, wird heuer Teambasketball um einen selbstlosen Superstar gespielt.
Cole trumpft auf
Die Thunder versuchten diesmal James oft zu doppeln, der exzellente Passer fand aber immer wieder seine freien Mitspieler, die bereits vor der Pause acht seiner insgesamt zwölf Vorlagen nutzten.
Neben Wade (25 Punkte) und Chris Bosh (13) profitierten vor allem Mario Chalmers und Rookie Norris Cole von den flüssigen Kombinationen.
Cole egalisierte mit acht schnellen Punkten in der ersten Hälfte fast im Alleingang den zwischenzeitlichen 17-Punkte-Vorsprung der Thunder.
"Ich liebe diesen Jungen. Er ist bereit, wenn er gebraucht wird. Er hat ein grosses Selbstvertrauen und benötigt keine Anlaufzeit", sagte Spoelstra.
Chalmers bestätigt seinen Beinamen
Dazu kam der unverhoffte Ausbruch des Aufbauspielers Chalmers, der 25 Zähler beisteuerte. Es war das erste Mal seit 1985, dass drei Teamkollegen diese Marke in einem Finalspiel erreichten.
Damals schafften das die Lakers-Stars Magic Johnson, Kareem Abdul-Jabbar und James Worthy. Chalmers' Coolness in den letzten Minuten überraschte die Teamkollegen dagegen nicht.
"Er hat nicht umsonst das Tattoo 'Mr. Clutch' auf dem Arm. Es steckt in seiner DNS. Er ist ein Mann für die wichtigen Treffer", erklärte Wade.
Auch Chicagos Derrick Rose kann ein Lied davon singen. 2008 verhagelte ihm Chalmers mit einem Buzzer-Beater die sicher geglaubte College-Meisterschaft.
Während Miami mit dem Rezept der Mavs Richtung Titel stürmt, präsentieren sich die Thunder als Kopie der Heat des Jahres 2011.
Harden als Sorgenkind
Die notgedrungene Two-Men-Show von Kevin Durant und dem überragenden Russell Westbrook (43 Zähler) reicht nicht aus.
War der ausgeglichene Kader in den Playoffs der Western Conference noch der grosse Trumpf, ist die Finals-Bühne für die Nebenakteure Serge Ibaka oder James Harden noch zu gross.
Abgesehen von einer starken Hälfte in Spiel 2 bekommt der beste Sixth Man der Liga kein Bein auf die Erde. In den 14 übrigen Vierteln sammelte er ganze 26 Punkte bei einer miesen Wurfquote.
"Wir haben noch eine Chance. Wir haben hier zwei ordentliche Spiele gemacht, müssen aber unsere Chancen besser nutzen ", meinte Harden, der sich zu oft in der Verteidigung gegen James aufreibt.
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