Wende im Nervenkrieg? Miami bekämpft Trauma
Von Eric Böhm
München - Zehn Minuten vor Schluss führen die Miami Heat in Dallas mit neun Punkten und stehen kurz vor der 3:1-Vorentscheidung der NBA-Finals 2011.
Der folgende kolossale Einbruch gegen Dirk Nowitzkis Mavericks hat das Starensemble seitdem ein Jahr lang verfolgt und ihnen eine einzigartige Welle an Spott und Häme eingebracht.
Vor Finalspiel 4 gegen die Oklahoma City Thunder sind sich die Heat bewusst, dass sie mit ihrer 2:1-Führung im Rücken in eine ähnliche Situation kommen könnten.
"Das hat uns natürlich über das gesamte Jahr in den Knochen gesteckt. Wir sind jetzt ein völlig anderes Team. Wir nutzen das als Motivation", erklärt LeBron James.
James: Aus Fehlern 2011 gelernt
Der MVP steht besonders im Fokus, denn er lieferte damals mit nur acht Punkten eines seiner schwächsten Spiele überhaupt und leitete das Desaster so ein.
Die mittlerweile schon legendäre 39-Grad-Fieber-Gala Nowitzkis brachte die Trendwende. Dallas gewann auch die folgenden beiden Partien und krönte sich zum Meister.
"Ich denke, wir haben unsere Weiterentwicklung bewiesen. Wir verstehen jetzt, was nötig ist, um solche Spiele zu gewinnen", behauptet James.
"Erfahrung kannst du nicht ersetzen"
In der Tat präsentiert sich sein Team speziell in den Playoffs 2012 deutlich reifer und abgeklärter - abgesehen von einigen Rückfällen.
In den Conference Finals gegen die Boston Celtics brillierte vor allem James in den Spielen 6 und 7, die Miami unbedingt gewinnen musste, um in die Endspielserie zurückzukehren.
Dazu kamen die Verletzung Chris Boshs und notgedrungene Veränderungen in der ersten Fünf. Auch der erste Heimsieg gegen die jungen Thunder unterstrich die neue psychische Belastbarkeit.
Trotz schwacher Quote und acht Ballverlusten blieben sie im Schlussviertel vor allem in der Abwehr und von der Freiwurflinie cool und entnervten OKC.
"Wir haben an uns geglaubt. Im letzten Jahr hätten wir so ein Spiel verloren. Erfahrung kannst du eben nicht ersetzen", meint Dwyane Wade.
Miami als Comeback-Spezis
Auch der offene Umgang mit der bitteren Erfahrung von 2011 deutet die erarbeitete mentale Stabilität der Truppe an. Von der verspielten Führung in Spiel 1 liessen sich "Miami Thrice" nicht schocken.
Die Heat könnten das erste Team der NBA-Geschichte werden, das drei Playoff-Serien in Folge nach Rückstand noch umdreht.
James ist auch für das möglicherweise vorentscheidende vierte Finale der Fixpunkt. Bosh und Wade spielen ihren soliden Part und suchen LBJ, der bisher durchschnittlich 30,3 Punkte, 10,3 Rebounds sowie 4,0 Assists pro Partie sammelt.
"Er ist schon in der gesamten Postseason unglaublich aggressiv. Er ist gross, stark und ein schwieriges Matchup. Fehler in der Verteidigung bestraft er sofort", lobt Oklahoma Citys James Harden.
Durant unzufrieden
Nach dem starken Finals-Auftakt sind es nun plötzlich die Thunder, die mit den Nerven und dem Druck zu kämpfen haben.
Der leichtfertig verspielte Vorsprung im dritten Viertel der letzten Partie ging gleichermassen auf das Konto der Spieler und des Coaches Scott Brooks.
Dessen Wechselfehler mit seinem All-Star-Duo Russell Westbrook und Kevin Durant - er liess beide während Miamis Aufholjagd auf der Bank - leitete die Pleite ein, Durants schwacher Schlussabschnitt (4 Zähler) besiegelte das Schicksal der sonst so unverkrampften Jungspunde.
"Fouls, schlechte Pässe, verpasste Freiwürfe. Wir haben viel falsch gemacht. Trotzdem hätte ich gern im dritten Viertel weitergespielt. Ich muss mit der Entscheidung leben", übt Durant erste leise Kritik an Ziehvater Brooks.
Brooks gibt Versprechen
Der Topscorer der NBA muss zudem mit der schweren Krankheit seines Onkels Tyrone Pratt klarkommen, der auf der Intensivstation eines Krankenhauses in Washington liegt.
Auf dem Court macht der starke Verteidiger James dem MVP der WM 2010 das Leben extrem schwer. Zudem schafft es Miami auch den besten Sixth Man James Harden zu kontrollieren.
Der drittbeste Scorer der Thunder kam nur in der ersten Hälfte von Spiel 2 zur Geltung. In den restlichen zehn Vierteln markierte er insgesamt nur auf 18 Punkte und wies eine äusserst schwache Wurfquote auf.
"Wir lagen gegen San Antonio schon 0:2 hinten. Jeder hat uns abgeschrieben, aber wir sind zurückgekommen. In diesem Team steckt viel Kampfgeist. Wir werden die Welt wieder überraschen", erinnert Brooks an die Finalserie der Western Conference.
SPORT1










