Erstrundensieg bringt Stein ins Rollen
Linz/München - In den Tagen von Linz hatte sich Andrea Petkovic eben mal so ein grünes Tapeband auf die Stirn geklebt.
Die darauf gekritzelte Botschaft in roten Buchstaben war unmissverständlich: "Don't ask" (Frag' nicht).
Dazu riss die Darmstädterin die Augen weit auf und zog eine Grimasse. Es war auf den ersten Blick einer dieser typischen "Petko"-Witze - cool, frech, vor Selbstvertrauen strotzend.
Dass sich hinter den mageren Worten nach einem Seuchenjahr wohl auch viel Frust und tiefe Verunsicherheit verbargen, liess die Reaktion der 25-Jährigen nach ihrem 7:6 (7:3), 6:2-Erstrundensieg gegen Barbora Zahlavova Strycova (Tschechien) beim WTA-Turnier in Linz erahnen.
Petkovic zeigt Gefühle
Beim Interview auf dem Court der TipsArena brachen bei Petkovic, die es hasst, die Kontrolle zu verlieren, alle Dämme.
Die Tränen flossen ob des ersten Erfolgserlebnisses nach zuvor drei Auftaktpleiten in Serie.
"Für mich ist das sehr emotional, ich war lange verletzt und habe speziell zu Österreich eine besondere Beziehung", sagte Petkovic sichtlich ergriffen: "In Bad Gastein habe ich mein erstes Turnier gewonnen."
Zwei schwere Verletzungen
Das war im Sommer 2009. Es war der Startschuss für den Durchbruch der Einser-Abiturietin in die Weltelite und die persönliche Belohnung für die knochenharte Arbeit nach ihrem Kreuzbandriss Anfang 2008.
Auch jetzt, nach zwei schweren Verletzungen in den vergangenen neun Monaten, insgesamt rund sieben Monaten Zwangspause und etlichen Rückschlägen steht Petkovic wieder am Anfang einer langen Reise.
Bollettieri hat Bedenken
Die Belohnung soll diesmal der Sprung zurück in die Top Ten sein - oder der ersehnte erste grosse Titel.
Ihr Coach Petar Popovic rechnet damit, dass Petkovic "mindestens zwölf Monate" brauchen wird, um wieder dorthin zu kommen, wo sie schon mal war.
Auch Trainer-Guru Nick Bollettieri prophezeit der einstigen deutschen Nummer eins einen "steinigen Weg" zurück: "Eine solch schwere Rückenverletzung steckt man nicht einfach so weg. Das beeinflusst alles, den Bewegungsablauf bei den Schlägen und die Dynamik."
Absturz auf Platz 192
Petkovic ist eine grosse Kämpferin, aber sie wird geduldig sein müssen.
"Obwohl das noch nie meine Stärke war", meinte die Fernuni-Studentin, der zurzeit nichts erspart bleibt. Das Erstrundenaus in Peking vor knapp zwei Wochen hatte zur Folge, dass die Hessin, die genau vor einem Jahr die Nummer neun der Welt war, von Rang 61 auf Rang 192 abstürzte.
Vor zwölf Monaten war Petkovic erst im Finale der China Open gescheitert und zum Saisonfinale der besten acht Spielerinnen immerhin als Ersatzfrau angereist.
Derzeit steht sie im Ranking noch hinter den deutschen Talenten Dinah Pfizenmaier und Anna-Lena Friedsam .
Drei Deutsche noch dabei
Ins Hauptfeld von Linz schaffte es "Petko" nur, weil sie der Veranstalter mit einer Wildcard ausgestattet hatte.
Fed-Cup-Teamchefin Barbara Rittner war deshalb auch sehr zufrieden mit dem Achtelfinaleinzug ihres Sorgenkindes - es war der sechste Erfolg im 14. Match der Saison.
"Das war für Andi ein wichtiger Sieg. Sie ist schön ruhig geblieben und hat sich gut bewegt", sagte Rittner.
In der Runde der letzten 16 wartet auf Petkovic am Donnerstag Ana Ivanovic (Serbien/Nr. 2) oder Monica Niculescu (Rumänien).
Julia Görges (Bad Oldesloe) und Sabine Lisicki (Berlin) sind in Linz am Mittwoch im Einsatz. Mona Barthel (Bad Segeberg) ist bereits ausgeschieden.
Petkovic als "Mensch gewachsen"
Im Rampenlicht steht in Österreich aber Andrea Petkovic.
Kurioserweise scheinen die hartnäckige Rückenblessur zu Beginn des Jahres und die Knöchel-OP im Frühling die konstanteste Grand-Slam-Spielerin von 2011 abseits des Courts wieder zurück auf den Pfad der Tugend geführt zu haben.
"Aus schlechten Dingen können gute werden. Ich bin als Mensch gewachsen. Ich war zuletzt egozentrisch und selbstsüchtig geworden", sagte die Darmstädterin, die derzeit keine ausführlichen Interviews geben möchte.
"Petko" möchte Taten sprechen lassen - als Abschreckung für allzu hartnäckige Fragesteller dient der selbstgebastelte Kopfschmuck: "Don't ask".
