Malocher Schüttler streift Anzug über
Düsseldorf - Seit vier Wochen hat Rainer Schüttler kein Tennis mehr gespielt.
"Keine Zeit", sagt er, "ich habe so viele andere Sachen im Kopf."
Er hat die Seiten gewechselt, der einst beste deutsche Profi will an seiner zweiten Karriere als Turnierveranstalter künftig ebenso hart arbeiten wie er es auf dem Center Court stets getan hat.
Wehmut spürt er nicht: "Es muss auch mal gut sein. Mit 36 Jahren ist es Zeit für was Neues."
Olympia in London hätte er gerne noch mitgemacht, doch schon Ende 2011 war klar, dass es dafür nicht reichen würde.
Finalist bei den Australian Open
Da ist Rainer Schüttler dann mit ein paar Freunden ans andere Ende der Welt gereist, zu seiner "ganz persönlichen Abschiedstournee", wie er es nennt.
Doha hat er noch einmal gespielt, dort gewann er 1999 das erste von insgesamt vier Turnieren. Danach ging es nach Melbourne, zu den Australian Open, wo er 2003 als bis dato letzter Deutscher im Finale eines Grand-Slam-Turniers stand. Dann war Schluss.
Mit 19 hatte Rainer Schüttler, der stille Blondschopf aus dem hessischen Korbach, sich der Profitour angeschlossen. Von Beginn an behutsam gefördert und gefordert von seinem langjährigen Manager, Trainer und Mentor Dirk Hordorff.
Immer bodenständig geblieben
"Ohne Dirk wäre ich niemals dort, wo ich heute bin, ihm habe ich unendlich viel zu verdanken", sagt er. Dazu kam das bodenständige Elternhaus, Klara und Karl Schüttler blieben, was sie waren, auch als der Sohn immer öfter gewann und immer mehr Geld verdiente.
In der Weltrangliste arbeitete sich der "Shaker" unaufhaltsam nach oben. Jahr für Jahr verbesserte er sich, erreichte die Top Ten, am 26. April 2004, seinem 28. Geburtstag, war er dann die Nummer fünf.
Weiter ging es nicht, der ganz grosse Wurf blieb dem Mann mit den schnellen Beinen versagt.
Tragischer Held bei Olympia
Im selben Jahr, bei Olympia 2004 in Athen, wurde Schüttler an der Seite von Nicolas Kiefer zum tragischen Helden. Im Finale des Doppelturniers spielten die beiden bis morgens um drei gegen die Chilenen Nicolas Massu und Fernando Gonzalez, sie hatten Matchbälle, und doch war es am Ende "nur" Silber.
"Erst war er ganz furchtbar", erinnerte sich Schüttler, "aber mit etwas Abstand war es vielleicht das grösste sportliche Ereignis in meinem Leben."
Nun also hat Rainer Schüttler, der mit seiner Freundin am Zürichsee lebt, kurze Hose und Tennishemd gegen Anzug und Krawatte eingetauscht.
Tiriac als neuer Lehrmeister
"Aber nur manchmal", sagt er und zeigt dieses berühmte Lächeln, das ihm im Laufe seiner Karriere unzählige Heiratsanträge einbrachte.
Angenommen hat er noch keinen, auch mit Freundin Jovana gibt es keine diesbezüglichen Pläne.
Dafür will er jetzt als Turnierveranstalter an der Seite von Ion Tiriac alles lernen, was es in dem Metier zu lernen gibt. Die Beiden haben die Lizenz für ein ATP-Turnier der 250er-Kategoerie im Rochusclub erworben.
"Ich kann keinen besseren Lehrmeister haben", sagt er: "Und ich weiss, dass viel Arbeit vor mir liegt, bis ich wirklich angekommen bin."
Aber daran wird es bei Rainer Schüttler ganz sicher nicht scheitern.
SPORT1










