Stebe: ''Kohli sollte auf jeden Fall wieder mit''
Von Martin Hoffmann
München - Querelen, Zoff, Nebenkriegsschauplätze: Kein Bericht über das deutsche Davis-Cup-Team kam in den vergangenen Monaten ohne eins dieser Wörter aus.
Der sportliche Super-GAU drohte am Wochenende auch noch: Die Aufgabe, ihn zu verhindern hing im Relegations-Duell mit Australien an dem, der am wenigsten zu tun hatte mit all dem Ärger - von den Verstimmungen über die deutschen Olympia-Absager bis zum Rauswurf von Philipp Kohlschreiber.
Cedrik-Marcel Stebe, ein 21 Jahre altes Talent aus Vaihingen an der Enz, hielt dem Druck stand - obwohl er sein Auftaktmatch gegen Bernard Tomic klar verloren hatte.
Unbeeindruckt von allem fegte die Nummer 131 der Weltrangliste im entscheidenden Match mit 6:4, 6:1, 6:4 über die ehemalige Nummer eins Lleyton Hewitt hinweg - und sicherte Deutschland den Klassenerhalt.
Im SPORT1-Interview spricht Stebe über die grösste Sternstunde seiner jungen Karriere und bricht eine Lanze für Teamchef Patrik Kühnen und die deutschen Tennis-Herren im Allgemeinen.
SPORT1: Herr Stebe, hatten Sie denn Zeit ihren Sieg ein wenig zu feiern?
Cedrik-Marcel Stebe: Gestern haben wir uns natürlich schon ein bisschen die Zeit genommen, um uns ein wenig zu entspannen und es zu geniessen, dass wir den Klassenerhalt geschafft haben. Für mich persönlich war es natürlich ein Wahnsinn, im entscheidenden Spiel gegen Hewitt zu gewinnen.
SPORT1: Für Sie persönlich lief es turbulent: Erst verloren, dann sollten Sie durch Philipp Petzschner ersetzt werden, dann spielen Sie doch und dann sind Sie der Held. Wie haben Sie das Match erlebt?
Ich habe es einfach geschafft mit dem Druck besser umzugehen als zum Start gegen Tomic. Generell hat mich Patrik super vorbereitet und auch die Teamkollegen haben mich toll unterstützt.
SPORT1: Beim Stand von 0:3 im ersten Satz ist Teamchef Patrik Kühnen zu Ihnen gekommen und hat Sie gefragt: "Wie würdest du spielen, wenn das hier ein ganz normales Spiel wäre?" Hat es da Klick gemacht?
Ja. Bis dahin bin ich sehr nervös gewesen und habe mich mit tausend anderen Dingen beschäftigt, anstatt mit dem Ball selber. Es hat mir dann schon geholfen, dass ich selber nachgedacht habe, wie ich gegen ihn spielen muss.
SPORT1: Zählte zu den tausend anderen Dingen der ganze Trubel im Vorfeld?
Ich hatte davon nichts mitbekommen. Ich habe ja auch relativ kurzfristig erst von der Nominierung erfahren und wir haben dann mit der Anreise nicht mehr darüber geredet. Das alles war nie ein Thema für uns. Wir haben uns von Anfang an nur auf Australien konzentriert und wollten die weghauen.
SPORT1: Sie haben den Teamgeist also als sehr gut erlebt?
Auf jeden Fall. Wir hatten Zeit uns gut kennenzulernen und Spass zu haben. Das war sicherlich ein Schlüssel zum Erfolg. Es hat wahnsinnig Spass gemacht, dabei zu sein.
SPORT1: Es hängt nun einiges in der Schwebe. Kühnens Vertrag läuft aus. Wollen Sie, dass er weiter macht?
Auf jeden Fall! Er macht einen super Job. Er hat gezeigt, dass die Arbeit als Teamchef einfach sein Ding ist. Er sollte auf jeden Fall weitermachen.
SPORT1: Würden Sie es denn auch begrüssen, wenn Philipp Kohlschreiber wieder an Bord kommt, wenn sich der Staub gelegt hat?
Natürlich, warum nicht? Er ist ein super Spieler und er will sicherlich auch für Deutschland spielen. Wir sollten ihn auf jeden Fall wieder mitnehmen. Er ist auch ein Teamspieler und es ist wichtig, solche Spieler im Team zu haben.
SPORT1: Es wäre dann schwierig für Sie, dauerhaft die Davis-Cup-Einzel zu bestreiten. Stellen Sie sich fürs erste wieder hinten an?
Das kann natürlich sein. Ich werde einfach schauen, dass ich weiter an meinem Spiel arbeite und mich verbessere. Das ist die Hauptsache. Ansonsten muss ich schauen, dass es im Ranking weiter aufwärts geht und dann wird es auf jeden Fall klappen.
SPORT1: Sie waren im Februar auf Platz 71 der Weltrangliste, jetzt 131. Was muss sich bessern?
Es war ein schwieriges Jahr für mich bis jetzt. Ich habe viel auf der ATP-Tour gespielt und nicht mehr auf der Challenger-Tour wie im Vorjahr. Daher muss ich erst einmal schauen, dass ich mich auf diesem Level etabliere. Das ist ein grosser Schritt und das dauert natürlich seine Zeit. Ende des Jahres wird es auf jeden Fall wieder nach oben gehen. Beim Davis Cup habe ich jetzt wieder etwas mehr gelernt, vor allem auch wie man mit dem Druck umgeht. Vielleicht kann ich den Schwung mitnehmen.
SPORT1: Immer wenn ein junger deutscher Spieler auf sich aufmerksam macht, kommt schnell der Vergleich mit Boris Becker und Michael Stich. Sie sind 1990 geboren, nennen als Idole Marat Safin und David Nalbandian: Haben Sie überhaupt noch Bezug dazu?
Nein, nicht wirklich. Ich habe davon nicht mehr viel mitbekommen, aber ich weiss natürlich, dass damals ein sehr grosser Hype war und viel erwartet wird von einer Nachwuchshoffnung. Aber im Gegensatz zu der Zeit vor vier oder fünf Jahren sind jetzt viele Spieler in den Top 100. Im Moment sind wir, glaube ich, die Nation mit den meisten Spielern im Hauptfeld. Das heisst schon was. Man muss gucken, dass die Spieler alle kontinuierlich weiterarbeiten und dann wird das schon wieder was werden mit einem Top-Ten-Spieler.
SPORT1: Also ist das deutsche Herren-Tennis besser als der Ruf, der ihm von aussen angeheftet wird?
Es ist klar, wenn man mehrere Nummer-1-Spieler hatte, sieht man alle anderen natürlich etwas schlechter, aber wir haben mit Flo und Kohli schon zwei super Spieler da vorne. Ich bin sicher, dass in naher Zukunft noch vieles nachkommen wird.
SPORT1










