Roddick tritt ab - die TV-Frau weint
New York - Erst die ernüchternde Ankündigung aus dem Hause Graf/Agassi, jetzt der Schock über den künftigen Rentner Andy Roddick:
Jedes Jahr zur US-Open-Zeit wird das zuletzt so leidgeplagte amerikanische Männer-Tennis von neuen Hiobsbotschaften erschüttert.
Dieses Mal trieb die Rücktrittsankündigung des letzten einheimischen Grand-Slam-Siegers der Nation die Tränen in die Augen.
Die frühere Nummer eins Roddick wird nach Flushing Meadows die Karriere beenden. An seinem 30. Geburtstag und einen Tag vor dem Zweitrundenmatch gegen Bernard Tomic (Australien) gab der US-Open-Sieger von 2003 seine Entscheidung im Bauch des Arthur-Ashe-Stadiums bekannt.
"Es ist die richtige Zeit"
"Das hier wird mein letztes Turnier sein. Ich spüre, dass es die richtige Zeit ist", sagte der verletzungsgeplagte "A-Rod". Er wolle "nicht nur auf der Tour existieren."
Der Sportsender "ESPN" übertrug die überraschend anberaumte Roddick-Pressekonferenz live - und Co-Kommentatorin Mary-Joe Fernandez konnte die Tränen vor laufender Kamera nicht mehr zurückhalten.
Grosses Gefühlskino zur Primetime - Made in the USA.
Williams traurig - Federer geschockt
Auch Roger Federer ("Ich bin geschockt") und Serena Williams wussten, was die Stunde geschlagen hatte.
"Es ist traurig, einen weiteren erfolgreichen Mann von uns gehen zu sehen", sagte Wimbledonsiegerin Williams.
Die 14-malige Grand-Slam-Gewinnerin hält seit Jahren zusammen mit ihrer Schwester Venus die Fahne der amerikanischen Tennisfrauen hoch. Der Nachwuchs tut sich schwer.
Graf/Agassi verkünden "Hiobsbotschaft"
Da passt es ins Bild, dass vor exakt einem Jahr Steffi Graf, seit 2001 verheiratet mit US-Ikone Andre Agassi, am Rande der US Open die sportbegeisterte Nation um eine Illusion ärmer gemacht hatte.
In Sachen Tennis ist von den beiden gemeinsamen Kindern der einstigen Weltbesten wohl nicht viel zu erwarten. Der mittlerweile zehnjährige Sohn Jaden Gil spielt zuhause in Las Vegas lieber Baseball und Golf - und Tochter Jaz Elle (8) reitet und tanzt.
Breite im US-Tennis fehlt
Nach den glorreichen Achtziger und Neunziger Jahren hatte die selbsternannte Tennis-Nation im Mai 2011 ein historisches Break kassiert, als erstmals seit Einführung der Weltranglisten in den Jahren 1973 (Männer) und 1975 (Frauen) kein US-Profi mehr in den Top 10 stand. Mittlerweile ist 2,06-m-Hüne John Isner immerhin Zehnter.
Neben der Spitze lässte aber auch die Breite zu wünschen übrig: Während lediglich neun Amerikaner unter den besten 100 des Rankings stehen, besitzt beispielsweise Spanien 13 "Top 100"-Spieler - Deutschland ist mit sieben Profis vertreten.
Die Angst geht schon um im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, was passiert, wenn die beiden Williams-Schwestern Serena (30) und Venus (32) früher oder später ebenfalls das Racket in die Ecke legen.
McEnroe: Stephens nächster Superstar
Dass es aber durchaus neue Hoffnungsträger gibt, beweisen die Tage von New York.
Über die 19-jährige Sloane Stephens, die in der zweiten Runde Tatjana Malek (Bad Saulgau) ausschaltete, sagt John McEnroe: "Sie wird der nächste Superstar." Bei den Männern trauen viele Ryan Harrison (20) den Sprung nach ganz oben zu .
Roddick vs. imaginärer Boris Becker
Andy Roddick jedenfalls, derzeit noch zweitbester US-Boy im Ranking (22.), darf sich bald zurücklehnen und seinen Erben die Daumen drücken. Und er kann ihnen die Storys erzählen, wie zum Beispiel Boris Becker ihn in der heimischen Garage zu Höchstleistungen trieb.
"Andy hat sich als kleiner Junge immer einen imaginären Gegner kreiert, gegen den er gespielt hat. Dann sagte er zum Beispiel 'Hey Mom, der Boris hatte aber heute keinen guten Tag'", berichtete Roddicks Mutter Blanche.
Dass der dreimalige Wimbledon-Finalist Roddick grosses Durchsetzungsvermögen besitzt, hatte er schon als Achtjähriger bewiesen - in Flushing Meadows.
"Ich hatte zum Geburtstag eine Karte für die US Open geschenkt bekommen und war mit meinen Eltern hier. Und ich habe es geschafft, mich ohne Akkreditierung in die Players Lounge zu schleichen", erzählte Roddick. Was er sah: "Da war Pete Sampras - und er spielte ein Videospiel."
