Letztes Turnier von Clijsters: Super-Mom sagt Goodbye
New York - Kim Clijsters zögerte keine Sekunde. Auf die Frage nach dem Warum antwortete sie mit einem einzigen Wort.
"Hier", sagte die einst weltbeste Tennisspielerin und klopfte sich gleichzeitig mit der Faust auf die linke Seite des Brustkorbs. Das Herz hat gesprochen.
Die Aussage ist unmissverständlich, Clijsters trennt sich von einer grossen Liebe.
Aus dem tiefsten Inneren kommt die unwiderrufliche Entscheidung der blonden Belgierin, ihre 15-jährige Profikarriere nach den am Montag beginnenden US Open . zu beenden.
Abgang an einem Ort mit Magie
Dass sich Clijsters ausgerechnet New York als grosse Bühne für ihren Abgang ausgesucht hat, ist folgerichtig.
"Dieser Ort besitzt eine Magie für mich. Ich habe hier so viele wunderschöne Erinnerungen", sagte die 29-Jährige, derzeit die Nummer 26 im Ranking.
Im Big Apple hatte "KimPossible" vor drei Jahren eines der unglaublichsten Comebacks der Sportgeschichte perfekt gemacht - als Mutter und Kämpferin, die den Tod ihres Vaters Lei auf ihre Weise verarbeitete.
Grand-Slam-Sieg mit Wildcard
Nach 27-monatiger Pause und ihrem ersten Rücktritt war Clijsters damals erst vier Wochen vor dem Grand-Slam-Turnier in Flushing Meadows auf die Tour zurückgekehrt.
Und sie verliess NYC nicht nur als US-Open-Siegerin, sondern auch als erste Wildcard-Starterin, die eins der vier grossen Major-Turniere gewann.
Schon bei der Siegerehrung im grössten Tennisstadion der Welt wurde deutlich sichtbar, dass die Liebe zu ihrem Sport Konkurrenz bekommen hatte, in Person von Clijsters' Tochter Jada.
Tochter Jada tanzt auf dem Court
Die damals Anderthalbjährige tanzte nach Mamas Heldentat auf dem Court und testete im Blitzlichtgewitter die Stabilität des Pokals. "Es ist das schönste Gefühl, Mutter zu sein", sagte Clijsters in ihrer Siegesrede: "Das ist meine Priorität."
Clijsters, die 2010 ihren US-Open-Coup wiederholte und 2011 die Australian Open gewann, wurde auch deshalb zum Vorbild. Sie ist seitdem das beste Beispiel dafür, dass man Profisport und Familie erfolgreich unter einen Hut bringen kann.
"Kim hat ein gutes Werteverständnis. Das schätze ich an ihr", sagt French-Open-Gewinnerin Maria Scharapowa über die verletzungsgeplagte Konkurrentin, die von Olympiasiegerin Serena Williams nur "Super-Mom" genannt wird.
Als einzige Mutter an der Spitze
Als erste und bislang einzige Mutter stand die mit dem US-amerikanischen Ex-Basketballer Brian Lynch verheiratete Clijsters an der Spitze des 1978 eingeführten WTA-Rankings. Dabei hatte Clijsters, die insgesamt 25 Millionen Dollar an Preisgeld kassierte, im März 2007 ihre Laufbahn wegen chronischer Lustlosigkeit auf den Wanderzirkus schon beendet.
Was folgte, waren die Hochzeit und die Geburt von Jada im Februar 2008. Doch das scheinbar perfekte Glück wurde knapp ein Jahr später erschüttert, als ihr Vater und Förderer Lei, ein ehemaliger Profifussballer, mit 52 Jahren an Lungenkrebs starb.
Toter Papa wacht über sie
Clijsters spürte plötzlich den Wunsch, ihre Karriere fortzusetzen. Wohlwissend, dass der Papa über sie wacht. "Ich spüre jeden Tag seine Präsenz", berichtete die Belgierin über Ereignisse, "die kein Zufall sein können."
Oft hatte sie mit ihrem Vater über das Gefühl gesprochen, die Nummer eins zu sein. Vor ihrem märchenhaften Triumph in New York 2009 wachte sie nachts im Hotelbett auf und schaute auf die digitale Anzeige des Weckers. Es war elf Minuten nach eins: 1:11 Uhr.
Wenige Tage später lief es im Viertelfinale gegen Venus Williams nicht wirklich rund. Clijsters: "Ich gucke nach meinem Aufschlag sonst nie auf die Geschwindigkeitsanzeige. Aber diesmal habe ich es gemacht. Und da stand die 111. Das hat mich ungemein beruhigt."
Sie gewann das Match.
"Es war wie im Disneyland"
Am Montag wartet nun im Arthur-Ashe-Stadium die erst 16-jährige Victoria Duval (USA) als Erstrundengegnerin auf Clijsters. Vielleicht wird die 13 Jahre Ältere dem Teenie nach dem Match erzählen, wie sie sich damals als Neueinsteigerin auf der Tour fühlte: "Es war wie im Disneyland."
Eine grosse Karriere steht vor dem Ende. Von den märchenhaften Erfolgen der Kim Clijsters wird man sich noch lange erzählen.










