''Tommy, das werde ich nie verstehen''
Von Katharina Blum
Hamburg/München - Manchmal genügt eine simple SMS: "Wenn du eine Wildcard willst, dann ruf mich an."
Verschickt hat die Nachricht mit diesem oder ähnlichem Wortlaut vor ein paar Wochen Michael Stich, Turnierdirektor am Rothenbaum, an Tommy Haas, deutscher Tennis-Profi in formidabler Spätform.
Haas sagte zu, besiegte schliesslich im Turnierverlauf in Titelverteidiger Gilles Simon (Frankreich) und dem Kroaten Marin Cilic zwei Top-15-Spieler, sein Davis-Cup-Kollege Florian Mayer war nach dem Aufeinandertreffen im Viertelfinale und seiner 1:6, 4:6-Pleite gegen den bis dato in der Weltrangliste 25 Plätze schlechter postierten Haas bedient:
"Das war peinlich, das ist mir bewusst. Das war unterirdisch", kommentierte die Nummer 24 der Welt.
"Eine wunderbare Woche"
Ganz am Ende erst musste sich der 34 Jahre alte Publikumsliebling Haas dem Argentinier Juan Monaco geschlagen geben.
"Es ist einfach Spitzenklasse, dass ich das noch einmal erleben durfte, hier im Finale stehen und vor euch alles geben zu dürfen", sagte der gebürtige Hamburger bei der Siegerehrung.
"Meine Verlobte und meine kleine Tochter sind das erste Mal dabei gewesen. Dass ich dies jetzt noch einmal mit meiner Familie erleben durfte, ist ein Traum. Es war eine wunderbare Woche."
Bilanz: Haas glücklich, Stich zufrieden. So einfach kann es sein.
Doch keine Klage gegen DOSB
Die Kommunikation mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und Tommy Haas läuft leider anders.
"Wenn ich noch nie bei Olympia gewesen wäre, hätte ich einen Anwalt eingeschaltet und geklagt", hatte Haas in einem Interview mit der "Welt" gewettert, nachdem der Verband ihn nicht für die Sommerspiele in London nominiert hatte.
Er sei "tierisch enttäuscht" und sprach gar von einer "Schande".
Den Rechtsweg, wie ihn Rainer Schüttler vor vier Jahren wählte, um die Teilnahme in Peking einzuklagen, wollte Haas dann doch nicht gehen: "Das ist es nicht wert. Ich muss es jetzt so akzeptieren."
Silbermedaille in Sydney
Doch das Akzeptieren fällt nicht leicht, nicht nur bei Haas. Vor zwölf Jahren schnappte er sich als junger Kerl die Silbermedaille in Sydney, dann kamen viele Rückschläge, Haas laborierte an vielen Verletzungen. Doch inzwischen war er mit seinem furiosen Sieg über Roger Federer in Halle erst in die Top 50 zurückkehrt, seit Montag wird er als Nummer 35 geführt, in der Saisonwertung ist er sogar die 22.
Nick Bollettieri, der wohl berühmteste Tennis-Trainer der Welt, sagte am Rande des Turniers in Wimbledon in einem Interview mit der "Abendzeitung": "Dass ihn seine eigenen Leute nun nicht mal für eine Wildcard vorgeschlagen haben: Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Er hätte sich das als Anerkennung für seine Karriere verdient gehabt."
Auch Roger Federer, siebenmaliger Wimbledonsieger aus der Schweiz, kritisierte die deutschen Vergaberegelung. "Wie hoch die Kriterien angesetzt sind, ist doch ein Witz", sagte er. Das Freiticket hätte keiner "mehr verdient als Tommy".
Und Fed-Cup-Teamchefin Barbara Rittner twitterte jetzt vor ihrer Abreise nach London: "Tommy, dass Du nicht nominiert worden bist, werde ich nie verstehen. Du wirst unserem Team bei Olympia fehlen."
Kein Härtefall-Ticket
Der Mann aber, der wirklich etwas zu entscheiden hat - DOSB-Chef Thomas Bach - erklärte dagegen nur knapp: Der Spieler habe die Leistungskriterien bis zum Stichtag am 11. Juni nicht erfüllt. Der Weltverband ITF fordert einen Platz unter den besten 56 Spielern der Welt. Die nationalen Kriterien sind mit mindestens Rang 24 noch höher gesetzt.
Aber: Der DOSB hätte eine Ausnahme machen können. Tat dies bei Haas aber nicht. Bei anderen aber schon. Wie bei Hochspringerin Ariane Friedrich, die ein Härtefall-Ticket ergatterte.
Doch während Haas in Hamburg nach einer verblüffenden Woche auch am Sonntag wieder eine starke Leistung ablieferte, liess die Ariane Friedrich über ihren Manager und Trainer mitteilen: "Sie will nicht in London abserviert werden und wird dort nur starten, wenn sie gut springen kann".
Haas, so scheint es derzeit, hätte sich in London nicht so leicht abservieren lassen.
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