Papa Federer hat es allen gezeigt
London - Auf der Tribüne klatschten Myla Rose und Charlene Riva fröhlich in ihre kleinen Händchen. In ihren Blümchenkleidern verstanden die Zwillinge nicht, warum ihr Papa plötzlich weinte.
Sie verstanden auch nicht, warum der fremde Mann, mit dem der Papa da dreieinhalb Stunden gespielt hatte, so seltsam redete .
Erst in ein paar Jahren werden die beiden Mädchen begreifen, welche Bedeutung dieses Wimbledonfinale 2012 für Roger Federer, Andy Murray und die Tennisnation Grossbritannien hatte.
Pokal vom Herzog
Myla Rose und Charlene Riva werden sich das Endspiel auf dem heiligen Rasen vielleicht irgendwann einmal anschauen und sagen: Wir waren dabei, als Papa es allen gezeigt hat.
Wir haben gesehen, wie er zum siebten Mal den goldenen Pokal aus den Händen des Herzogs von Kent bekommen hat, drei Jahre nach seinem sechsten Sieg im All England Club.
Damals waren die Zwillinge noch gar nicht geboren.
Magischer Moment
An diesem Finalsonntag im verregneten Londoner Südwesten erlebten nicht nur Federers Töchter den "magischen Moment" des erfolgreichsten Spielers der Tennisgeschichte.
14.979 Zuschauer unter dem geschlossenen Dach des Centre Court, Tausende auf dem "Mount Murray" vor der grossen Leinwand und Millionen zu Hause vor den Fernsehschirmen im ganzen Königreich hatten verfolgt, wie Federer ihren Traum zerstörte.
Den Traum vom ersten britischen Wimbledonsieger seit 76 Jahren .
"Es stand so viel auf dem Spiel"
Federer durfte nicht daran denken. "Es stand so viel auf dem Spiel", sagte der 30-Jährige. Nach dem 4:6, 7:5, 6:3, 6:4 hat er nun mit seinem Idol Pete Sampras gleichgezogen und das wichtigste Tennisturnier der Welt siebenmal gewonnen.
Er steht auch wieder auf Platz eins der Weltrangliste, erstmals seit zwei Jahren und in der 286. Woche insgesamt.
Da die Top-Spieler in der kommenden Woche Pause machen, wird Federer auch die 287. Woche an der Spitze erleben und damit Sampras endgültig in den Geschichtsbüchern ablösen.
Niederlagen in den grossen Duellen
Der Schweizer gilt mit all seinen Rekorden, zu denen nun 17 Grand-Slam-Titel gehören, als bester Spieler der Geschichte.
Dabei hatten ihn die Experten in den vergangenen Jahren bereits abgeschrieben. Federer verlor die grossen Duelle gegen Novak Djokovic und Rafael Nadal, wenn es darauf ankam, Er unterlag zwar stets knapp, doch galt seine Zeit als längst abgelaufen.
"Ich habe immer gesagt, das geht vorbei. Ich habe diese Zeit als Phase meiner Karriere begriffen. Es ist unmöglich, dass ich Jahr für Jahr 90 Prozent meiner Spiele gewinne", sagte Federer: "Ich habe immer an mich geglaubt."
Seine Töchter natürlich auch. Für sie war Papa ohnehin immer der Grösste, auch ohne Grand-Slam-Sieg.
Kate verdrückt ein paar Tränchen
"Die Leute vergessen oft, welchen Einfluss meine Zwillinge auf mein Leben haben", sagte Federer: "Sie sind für mein Spiel wichtiger als alles andere. Denn gerade spiele ich so gut wie selten zuvor in meinem Leben und das bereits ziemlich lange."
Myla Rose und Charlene Riva, das hatte Federer während der zwei Wochen im All England Club einmal erzählt, können noch nicht zwischen Spass und Ernst unterscheiden. Papa spielt Tennis, das wissen sie. Sie müssen allerdings erst noch lernen, zu begreifen, welche Emotionen dieser Sport auslösen kann.
Irgendwann werden sie auch die Bilder der Herzogin von Cambridge sehen, die in der ganzen Welt viel besser unter ihrem bürgerlichen Namen Kate Middleton bekannt ist .
Der Liebling der Nation fieberte aus der Royal Box mit, schickte ein Stossgebet zum Himmel und verdrückte sogar ein paar Tränchen, als Murray mit seiner bewegenden Rede nach dem Matchball die Herzen des ganzen Inselreichs eroberte.
Andy kann Fluch nicht brechen
Er hat den Wimbledonfluch nicht brechen können, der Name Fred Perry wird weiterhin über London SW19 schweben, doch Murray, der Schotte, hat die Nation im Glauben daran vereint, dass ein Heimsieg irgendwann wieder möglich ist.
"Ich komme näher", sagte der 25-Jährige, bevor ihn die Tränen übermannten. Schluchzend bedankte er sich für die Unterstützung der Fans im ganzen Land.
"Er wird ein Major gewinnen - und nicht nur eins", sagte Federer später. Vielleicht sind seine Töchter dann gross genug, um zu verstehen, welche Bedeutung das Wimbledonfinale 2012 auch für Murrays Laufbahn hatte.
SPORT1
