Polnische Lektion: Kerbers Finaltraum geplatzt
London - Als die deutschen Hoffnungen auf das erste Wimbledonfinale seit 13 Jahren geplatzt waren, brauchte Angelique Kerber nicht lange, um ihre Enttäuschung zu überwinden.
3:6, 4:6 hatte sie das Halbfinale auf dem heiligen Rasen des All England Clubs gegen Agnieszka Radwanska verloren und damit die Chance vergeben, in die Fussspuren ihres Jugend-Idols Steffi Graf zu treten.
Kerber liess kurz die Schultern hängen, schlich zum Netz und gratulierte ihrer guten Freundin fair zum verdienten Finaleinzug.
Radwanska spielt trickreich
Die Kielerin fand aber schnell ihr Lächeln wieder und winkte zum Abschied ins Publikum.
Und das, obwohl sie in ihrem zweiten Grand-Slam-Halbfinale nach den US Open 2011 weitestgehend chancenlos war.
Nicht einmal ihr einzigartiger Kampfgeist, der Kerber das Viertelfinale gegen Sabine Lisicki aus einer aussichtlosen Situation noch gewinnen liess, half ihr gegen die trickreiche Polin weiter .
Hoher Besuch von Graf
Wie Lisicki im vergangenen Jahr scheiterte Kerber auch an den grossen Erwartungen, die das Erbe der 22-maligen Grand-Slam-Siegerin Graf mit sich bringt.
Dabei hatte die siebenmalige Wimbledonsiegerin Kerber am Tag vor dem Halbfinale noch einen überraschenden Besuch abgestattet. Die Linkshänderin sass gerade beim Mittagessen, als sie in die Umkleidekabine gerufen wurde.
Graf wollte Kerber mit warmen Worten auf das Halbfinale einstimmen.
"Bisher kenne ich sie nur vom Fernsehen", hatte die 24-Jährige noch am Tag zuvor gesagt.
Graf wichtiger als Erdbeeren
Die 15 Minuten, die sich Graf Zeit nahm, beeindruckten Kerber: "Es war unglaublich. Wie soll ich das beschreiben? Ich hatte Gänsehaut."
Kerber vergass über ihre erste Begegnung mit der grössten deutschen Tennisspielerin der Geschichte ihr Hühnchen mit Reis und liess auch die klassischen Erdbeeren liegen, die tonnenweise serviert werden, wenn im Londoner Bezirks SW19 Tennis gespielt wird.
"Das ist schon okay", sagte Kerber: Graf zu treffen, sei "wichtiger als die Erdbeeren".
Starker Auftakt für Kerber
Das Treffen mit dem Vorbild früherer Tage wird Kerber ein wenig über die verpasste Gelegenheit auf dem Centre Court hinwegtrösten.
Dabei hatte die Partie so gut begonnen. Kerber, die ab Montag auf Platz sieben der Weltrangliste geführt wird, war bei ihrem zweiten Auftritt auf dem Centre Court kaum nervös und ging 3:1 in Führung.
Doch Radwanska, die ihr erstes Halbfinale bei einem der vier Grand Slams spielte, steigerte sich schnell, machte fünf Spiele in Serie und gewann Satz eins 6:3.
Viele Fehler bei Kerber
Kerber fand kein Rezept gegen die 23-Jährige, die ihr auf dem Platz und ausserhalb so ähnlich ist. Beide Spielerinnen bleiben lieber in der Deckung, sind zurückhaltend und kontern herausragend dank ihrer glänzenden Beinarbeit.
Radwanska schaffte es, ihr Spiel durchzusetzen. Kerber fand sich in der ungewohnten Rolle der Angreiferin wieder. So unterliefen ihr mehr vermeidbare Fehler als in den Runden zuvor .
Lob von der Polin
Der erste Aufschlag funktionierte zudem nicht so, wie sie es sich wünscht und wie sie ihn braucht. Beim zweiten Service ist Kerber anfällig, gegen Radwanska war es kaum schneller als 122 Stundenkilometer.
Dementsprechend viele Punkte erzielte die Weltranglistendritte dagegen.
Kerber kämpfte, zeigte die Faust und riss die Arme nach episch langen Ballwechseln in die Luft. Gegen Radwanskas präzises und variantenreiches Spiel war sie dennoch letztlich machtlos.
"Ich habe heute so gut gespielt. Es ist immer hart gegen Angie", sagte Radwanska.
Williams oder Asarenka?
Nur noch ein unnötiger Fehler unterlief ihr im zweiten Satz - das war der Schlüssel zum Sieg.
Als erste Polin in der Open Era (seit 1968) steht Radwanska nun in einem Grand-Slam-Endspiel und trifft dort entweder auf Serena Williams (USA/Nr. 6) oder Viktoria Asarenka (Weissrussland/Nr. 2).
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