Edelhelfer Froome: Tour-Sieger der Herzen
Brive-la-Gaillarde - Irgendwann platzte Bradley Wiggins der Kragen.
"Mein Name wird für immer in der Siegerliste stehen. Aber niemand steht auf und sagt: Hey Brad, gute Arbeit", motzte der Sky-Kapitän nach der vorentscheidenen 17. Tour-Etappe und verliess polternd die Pressekonferenz.
Es waren die Fragen, die ihn aufbrausen liessen, quälend, bohrend.
Nach dem Fehlen von Stars wie Andy Schleck und Alberto Contador, seiner Passivität in den Bergen - aber auch die nach der Stärke von Christopher Froome bei dieser 99. Frankreich-Rundfahrt , die Wiggins wohl gewinnen wird.
Froome macht seinen Job
Aber sein Edelhelfer Froome hatte Wiggins am Donnerstag am Berg erneut stehen lassen und gezeigt, dass in Paris wohl nicht der stärkste, nicht der kompletteste Fahrer im Peloton das Gelbe Trikot tragen wird.
"Ich bereue nichts. Ich mache nur meinen Job. Wir wollten das Gelbe Trikot auf dem Rücken eines Sky-Fahrers. Wir haben also genau das erreicht, was wir wollten", sagte Froome, der auf dem Schlussanstieg nach Peyragudes wie schon in den Alpen auf Wiggins warten musste und so wohl auch seinen zweiten Tageserfolg verpasste.
"Ein Witz", befand Froomes Lebensgefährtin Michelle Cound - und sprach damit vielen Zuschauern aus dem Herzen.
Froome pusht Wiggins
Immer wieder drehte sich Froome um.
"Komm schon, beeil dich", brüllte er Wiggins entgegen - eine Blossstellung des 32-Jährigen, der sich wie an allen schweren Anstiegen an Froomes Hinterrad klammerte und nun voraussichtlich als erster Brite die Tour gewinnen wird.
"Ich bin kein Bergfahrer, sondern ein starker Zeitfahrer, der passabel über die schweren Anstiege kommt", räumte Wiggins ein.
Tour-Sieg wäre möglich
Es wird ein am Reissbrett geplanter Triumph, den Wiggins neben der für ihn günstigen Streckenführung der Tour 2012 auch der Loylität und dem Verzicht von Froome verdankt.
"Es ist ein grosses Opfer für mich, denn ich weiss, dass ich die laufende Tour gewinnen könnte - allerdings nicht mit Sky", sagte der in Nairobi geborene 27-Jährige, "wir hatten uns aufgrund der vielen Zeitfahr-Kilometer auf Wiggins ausgerichtet und jeder respektiert das."
Es sei sein Traum, bei der Tour um den Sieg zu fahren: "Aber das ist etwas für die Zukunft."
Blick auf 2013
Schon im nächsten Jahr will Froome, der in Afrika aufwuchs und seit 2008 die britische Staatsbürgerschaft besitzt, die Kapitänsrolle bei Sky übernehmen und um den Tour-Sieg fahren.
Auch mit der Hilfe von Bradley Wiggins.
"Er ist ein Ehrenmann, er wird mich dann für meine jetzige Arbeit entlohnen und mir helfen."
Ähnlichkeiten mit Ullrich
Die Konstellation bei Sky erinnert an das Team Telekom rund 15 Jahre zuvor.
1996 führte der junge Jan Ullrich Kapitän Bjarne Riis ohne eigene Ansprüche zum Toursieg, ein Jahr später bekam er von seinem Mentor Grünes Licht und holte den Gesamtsieg.
Vorgeschmack auf nächstes Jahr
So weit ist es für Froome längst nicht.
Es bleibt abzuwarten, ob der Überflieger der Frankreich-Rundfahrt seine aussergewöhnliche Form halten kann und wie sich seine Wurmkrankheit Bilharziose entwickelt.
Einen Vorgeschmack auf das, was ihn im kommenden Jahr bei einem Erfolg erwartet, dürfte Froome jedoch schon am Sonntag bekommen.
Bei der Siegerehrung der Tour wird er aller Voraussicht nach neben Wiggins auf dem Podium stehen. Dann jedoch nur als der heimliche Sieger.
SPORT1
