Fall Armstrong: Was wusste der Weltverband?
München - Der Radsport-Weltverband UCI steht mächtig unter Druck.
Der Bericht der US-Antidoping-Agentur USADA über die Doping-Praktiken von Lance Armstrong und des US-Postal-Teams (Bericht) droht den Radsport in die nächste Krise zu stürzen.
Die UCI wird in dem auf 202 Seiten ausgearbeiteten Bericht abermals in ein zweifelhaftes Licht gerückt. Das Denkmal des siebenmaligen Tour-de-France-Siegers Armstrong ist ohnehin längst zerstört.
"Ich habe Verständnis dafür, wenn die Leute jetzt alle Resultate im Radsport hinterfragen", sagte etwa Dave Brailsford, Chef beim Team Sky des diesjährigen Tour-de-France-Siegers Bradley Wiggins, dessen erstaunliche Erfolgsstory allerdings ebenfalls Fragen aufwirft.
Die Veröffentlichung, so Brailsford, seien "ein Schock".
Lob des WADA-Präsidenten
Präsident John Fahey von der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA den Amerikanern derweil seine Anerkennung ausgesprochen. "Wir loben die USADA für ihren Mut und ihre Entschlossenheit, zum Nutzen sauberer Athleten und der Integrität des Sports konzentriert an diesem schwierigen Fall dran geblieben
zu sein", sagte der Australier in einer Mitteilung seiner Agentur.
Zugleich verwies der WADA-Chef darauf, dass das Verfahren gegen Armstrong "zu jeder Zeit angemessen, mit notwendiger Sorgfalt und in Übereinstimmung mit dem Welt-Anti-Doping-Code" geführt worden sei.
Bericht liegt UCI vor
Jetzt richten sich die Augen auf den Weltverband. Die UCI hat den USADA-Bericht zur Überprüfung erhalten.
Er enthält Belege für ein wohl beispielloses Dopingsystem, mit dessen Hilfe Armstrong sein sportliches Denkmal aufbaute. Wenn der Weltverband dem Texaner seine sieben Tour-Titel nicht aberkennt, wäre die nächste Glaubwürdigkeitskrise perfekt.
"Wir werden alle Informationen auswerten, um Fragen hinsichtlich Einspruch und Bestätigung, Zuständigkeit und Verjährung innerhalb der nächsten 21 Tage zu erörtern", erklärte der Weltverband und versprach eine rasche Rückmeldung, um die "Angelegenheiten nicht länger als nötig zu verzögern".
Schwere Anschuldigungen Richtung Weltverband
Doch genau diese Gefahr scheint aus Sicht der USADA-Ermittler gegeben. Wohl auch um das Thema im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu halten, werden die an sich bekannten Vorwürfe gegen Armstrong immer wieder medienwirksam an die Öffentlichkeit gebracht.
Der Radsport-Weltverband und sein Ex-Chef Hein Verbruggen, heute IOC-Mitglied, sowie sein Nachfolger Pat McQuaid sympathisierten zumindest in der Vergangenheit stark mit dem Amerikaner. Die Vorwürfe reichen soweit, dass die UCI und sein Führungsduo dabei behilflich waren, positive Dopingproben Armstrongs zu vertuschen.
Der Weltverband also muss sich in der Causa schwerer Anschuldigungen erwehren.
"Die Beweise sind stärker als stark. Sie sind aussagekräftiger als in jedem anderen unserer Fälle", sagte USADA-Chefermittler Travis Tygart, der vom "zweifellos hochentwickeltsten, professionellsten und erfolgreichsten Dopingprogramm, das die Sportwelt jemals gesehen hat", sprach.
Zahlreiche Beweise
Der UCI, allen voran Präsident Pat McQuaid, dürfte dieses auf eidesstattliche Zeugenaussagen von elf früheren Armstrong-Teamkollegen und zahlreicher weiterer Personen, Nachweisen für Zahlungen in Millionenhöhe an den zwielichtigen Arzt Michele Ferrari, belastendem E-Mail-Verkehr und wissenschaftlichen Daten samt Labortests gestützte Fazit Magenschmerzen bereiten.
Eine solch massive Doping-Verschwörung ohne Wissen des Dachverbandes scheint unwahrscheinlich.
So soll Armstrong etwa bei der Tour de Suisse 2001 positiv auf das Blutdoping-Mittel EPO getestet worden sein und dafür ein als Spende getarntes Schweigegeld in Höhe von 100.000 Dollar an die UCI gezahlt haben.
Jaksche belastet McQuaid
Der frühere deutsche Radprofi Jörg Jaksche, ein geständiger Dopingsünder, belastet McQuaid im USADA-Bericht schwer.
Nach seinem Geständnis im Jahr 2007 habe er "Stunden mit der UCI gesprochen. Mit ihren Anwälten. Mit Anne Gripper, der Anti-Doping-Verantwortlichen bei der UCI und mit Präsident McQuaid."
Er habe vollständige Transparenz herstellen und dem Verband das Ausmass klar machen wollen, in dem Doping bei seinen Ex-Mannschaften wie dem Team Telekom, Once oder CSC betrieben worden sei."
Die UCI hat aber null Interesse daran gezeigt. McQuaid sagte mir, er hätte es lieber gesehen, dass ich die Dinge anders geregelt hätte", so Jaksche.
Cooler Armstrong
Lance Armstrong selbst gibt sich in der Affäre angesichts der neuen Berichte äusserlich cool.
"Was ich heute Abend mache? Ich hänge mit meiner Familie ab, unbeeinflusst, und denke an meine Stiftung", schrieb er über "Twitter".
In einem weiteren Tweet verlinkte Armstrong einen Song des verstorbenen US-Musiker Elliot Smith mit dem Titel "Coming Up Roses".
Übersetzt heisst es dort unter anderem: "Die Dinge, die du dir selbst erzählst, werden dich mit der Zeit zur Strecke bringen."
Vermutlich richtet sich die Botschaft an die USADA und ihre Ermittler. Eher unwahrscheinlich erscheint es, dass Armstrong bei diesem Teil des Liedes nachdenklich geworden ist.
