Evans: Entthront, ratlos, gejagt
Annonay - Allzu viel Fantasie war nicht notwendig, um der Szenerie einen gewissen Symbolcharakter beizumessen.
Während Cadel Evans wie ein geprügelter Hund kommentarlos vor TV-Teams und Journalisten flüchtete, rüsteten sich nur wenige Meter weiter der übermächtige Kontrahent Bradley Wiggins im Gelben Trikot und Evans' Helfer Tejay van Garderen als bester Youngster für die Siegerehrung.
Dem 35 Jahre alten Vorjahressieger blieb bei der 99. Tour de France einmal mehr nur die Rolle des Champions von der traurigen Gestalt - und wenig spricht dafür, dass sich daran auf den verbleibenden Etappen bis Paris noch etwas ändert. .
Evans ratlos
Als Evans dann am Abend doch noch reden wollte, wirkte er weitestgehend ratlos. "Ich habe viel Zeit am letzten Anstieg verloren. Das gefällt mir natürlich gar nicht", sagte Evans und wirkte dabei noch etwas leidlicher als sonst.
Die letzten 18 km hinauf ins Etappenziel nach La Toussuire hatten ihn bis ins Mark getroffen. 1:26 Minuten verlor er auf Herausforderer Wiggins, 3:19 beträgt der Rückstand in der Gesamtwertung. .
"Weit davon entfernt, vorbei zu sein"
"Natürlich ist das eine Menge. Aber es ist auch weit davon entfernt, vorbei zu sein", sagte Evans. Allein: So richtig nahm man ihm diese Zuversicht nicht ab.
Freilich, Evans hatte attackiert. Doch der Antritt am drittletzten Anstieg zum Col du Glandon, der ihm zeitweise 15 Sekunden Vorsprung brachte, war mangels Erfolgsaussichten eher eine Verzweiflungstat, die selbst Wiggins verwunderte: "Es war doch noch ein höllenlanger Weg. Und wir sind mit einigen Jungs richtig hohes Tempo gefahren."
Die Quittung gab es im Finale nach La Toussuire, als Evans Sekunde um Sekunde verlor und schliesslich schwer geschlagen ins Ziel rollte.
Übliche Durchhalteparolen
Aus dem Team des (Noch-) Champions kamen die üblichen Durchhalteparolen. "Es ist immer noch möglich. Wir kämpfen bis Paris weiter", sagte BMC-Teamchef Jan Lelangue.
Und Youngster van Garderen, der Evans bei seiner Attacke unterstützen sollte, meinte: "Es ist eine Schande, dass Cadel nicht die besten Beine hatte, der Tag war perfekt für eine Attacke." )
Kaum noch realistische Chancen
Realistisch gesehen war es das für Evans - 3:19 Minuten Rückstand auf Wiggins sind eine riesige Hypothek. "Das lange Zeitfahren, nur noch eine Bergankunft, das unglaublich starke Sky-Team - all dies macht es sehr kompliziert für uns", sagt Teamchef Lelangue angesichts von Wiggins' Dominanz.
Evans' designierter Nachfolger müsste schon in den Pyrenäen fürchterlich einbrechen, und selbst dann dürfte erstmal dessen junger Domestike Chris Froome die Favoritenrolle übernehmen.
Froome zurückgepfiffen
Der hatte nämlich auf Anweisung von Sky-Sportdirektor Sean Yates im Schlussanstieg noch Tempo herausgenommen. "Sie haben mir gesagt, ich solle langsam machen", bestätigte Froome, Gesamtzweiter mit 2:05 Minuten Rückstand auf Wiggins.
Wie Wiggins ist Cadel Evans bei BMC als Kapitän noch unumstritten.
Doch der erst 23 Jahre alte van Garderen zeigt sich in Frankreich zeitweise bereits als der bessere Evans, war schneller im Zeitfahren, am Donnerstag stärker am Berg und drängt in die Chef-Rolle - wenn nicht schon in der laufenden Tour, dann zumindest in naher Zukunft.
Van Garderen gibt alles für Evans - wie lange noch?
"Ich habe heute mein Bestes getan, um Cadel den Berg hochzuziehen und den Rückstand in Grenzen zu halten", sagte van Garderen in La Toussuire - dauerhaft wird er sich damit kaum zufrieden geben.
Wiggins in Gelb, van Garderen in Weiss, Evans in Zweifeln - an diesem Donnerstag deutete vieles auf eine endgültige Wachablösung hin.
"Riesigen Respekt vor Cadel - ein Champion bis zum Ende", twitterte Wiggins nach dem Rennen. Es klang fast schon ein wenig mitleidig.
SPORT1










