Steve Guerdat gewinnt Olympiagold
Der 30-jährige Westschweizer mit Wohnsitz in Herrliberg ZH zeigte mit Franzosen-Wallach Nino des Buissonnets zwei souveränene Ritte ohne Makel.
Auch die (knapp bemessene) Zeitvorgabe bereitete Guerdat und seinem Wallach kein Kopfzerbrechen. Damit gelang Guerdat bei der dritten Olympia-Teilnahme endlich der grosse Wurf.
Guerdat: ''Es ist wunderschön''
''Das ist unglaublich. Seit ich lebe, habe ich immer davon geträumt'', sagte Guerdat nach der Medaillenzeremonie freudestrahlend ins ''SF''-Mikrofon. ''Ich wusste, dass ich eine gute Chance hatte. Das Gefühl, wenn man Olympiasieger wird, kannte ich nicht und konnte es mir auch nicht vorstellen. Es ist wunderschön''
In Athen (2004) verpasste Guerdat den Final, vier Jahre später in Hongkong/Peking realisierte er den 9. Platz. Eine Top-Klassierung war Guerdat im Einzel bislang nur am Weltcup-Final 2012 in 's-Hertogenbosch gelungen (2. Platz).
Konzentration aufs Stechen
Steve Guerdat musste nicht einmal durch die Nervenmühle Stechen gehen. Denn kein anderer Reiter blieb in beiden Umgängen ohne Fehler. Als Guerdat seinen zweiten Ritt absolvierte, war die Medaille bereits greifbar, allerdings hätten ihn noch drei Reiter ins Stechen ''zwingen'' können.
Auf die Frage, ob er es ausgehalten hätte, den anderen Springern zuzusehen, meinte Guerdat: ''Ich konnte ja nichts mehr ändern. Ich hatte Vertrauen in mein Pferd und war für ein allfälliges Stechen bereit.''
Guerdat: ''Das Gefühl ist unbeschreiblich''
Die Entscheidung habe er gar nicht recht mitbekommen. ''Ich war beim Ausreiten, denn ich wollte locker sein für das Stechen. Dabei sah ich eine Ecke des Fernsehers und habe den Lärm miterlebt'', so der frischgebackene Olympiasieger.
Danach habe er erst gar nich realisiert, dass er - nachdem auch der Brite Skelton patzte - die Goldmedaille auf sicher hatte. ''Ich habe das gar nicht geglaubt und wollte mit dem Trainer das Stechen besprechen.'' Mittlerweile sei ihm aber bewusst, was er erreicht hat. ''Das Gefühl ist unbeschreiblich, dafür gibt es keine Worte''.
Um zwei Hundertstel am Stechen vorbei
Dem Schweizer stand die Glücksgöttin Fortuna zur Seite, deren Beistand der Schweizer Delegation in London oftmals gefehlt hatte. So verpasste der Ire Cian O'Connor das Stechen um Gold im zweiten Durchgang nur wegen einer Zeitüberschreitung um zwei Hundertstel.
O'Connor hatte schon gejubelt; erst beim Verlassen der Arena realisierte er, dass er um einige wenige Zentimeter zu langsam geritten war. Der Holländer Gerco Schröder, der sich mit O'Connor in einem Stechen um Silber duellierte, hatte seine Zeitüberschreitung schon im ersten Umgang hinnehmen müssen. Das Stechen gewann Schröder, weil O'Connor das letzte Hindernis nicht mehr korrekt überspringen konnte.
Schwizer verpatzt den zweiten Durchgang
Insgesamt sechs Reiter waren im ersten Umgang ohne Fehler geblieben. Aber nur Guerdat und O'Connor gelang das "Nachdoppeln". Olivier Guillon (Fr), Scott Brash (Gb), Marcus Ehning (De) und Nick Skelton (Gb) warfen alle mindestens eine Stange ab.
Und die übrigen Schweizer? Pius Schwizer, der etwas gar laut von einer Medaille fabuliert hatte ("Alles andere als eine Medaille ist eine Riesen-Enttäuschung für mich"), musste sich mit Platz 12 bescheiden. Der Weltranglistendritte startete mit nur einem Strafpunkt in den zweiten Durchgang, verpatzte dort mit der Holsteiner-Stute Carlina die Dreierkombination (zwei Abwürfe).
Schwizer: ''Ein verdienter Olympiasieger''
''Man kann Fehler nicht vermeiden'', äusserte sich Schwizer kurz nach dem Wettkampf. Im ersten Durchgang sei es sehr knapp gewesen, im zweiten habe Carlina vergessen aufzuspringen. ''Manchmal ist es aber sehr schwierig, Fehler zu erklären.''
In seiner Enttäuschung vergass Solothurner aber nicht, seinem Teamkollegen zu gratulieren. ''Ich mag es Steve sehr gönnen, er ist ein verdienter Olympiasieger.'' Mit je fünf Strafpunkten pro Durchgang blieb Paul Estermann auf Eclipse der 17. Platz.
Guerdat wie Gemuseus
Steve Guerdat ist erst der zweite Schweizer Einzel-Olympiasieger im Springreiten. 1924 in Paris holte der Kavallerie-Offizier Alphonse Gemuseus die zuvor einzige Goldmedaille. 1996 in Atlanta holte Willi Melliger mit dem legendären Calvaro Silber. Ausserdem gab es noch zweimal Bronze: 1928 für Charles Kuhn in Amsterdam und 1984 für Heidi Robbiani-Hauri in Los Angeles. (Si)
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