Nur Dominator Harting ist Olympia-Gold wert
Helsinki - Nur die Weite von Diskus-Weltmeister Robert Harting (68,30 m) wäre unter den sechs deutschen EM-Siegen auch in London Gold wert .
Von 16 deutschen Helsinki-Medaillen haben nur sechs olympisches Niveau: Diesen Kurs hat in fünf Wochen in etwa das Edelmetall, das Deutschlands Leichtathleten in Finnlands Hauptstadt gewannen .
Sie siegten in Helsinki erstmals seit der Wiedervereinigung bei Europameisterschaften auch in der Nationenwertung.
"Russland war überwiegend nicht mit seiner Elite vertreten, auch die Briten hatten nur wenige grosse Olympiahoffnungen am Start. Aber das mindert nicht den Wert unserer Medaillen", sagt Thomas Kurschilgen.
Sportdirektor lobt Breite
Für den Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) war entscheidend, dass sich das Team (mit 198 Punkten klarer Sieger im Ranking der Plätze 1 bis 8 in 42 Disziplinen) in der Breite stark präsentierte, "und dass sich unsere jungen Athleten so gut bewährten."
Doch gemessen wird erst einmal an der olympischen Elle und hier kann man die sechs deutschen Siege wie folgt in Richtung London projizieren:
Neben Harting holt nur Kugelstoss-Weltmeister David Storl (21,58 m) Gold, wenn er bis London die ihm durchaus zuzutrauende Steigerung auf 22 m schafft.
Bayer und Behrenbruch überzeugen
Die 8,34 m von Weitspringer Sebastian Bayer und die 8558 Zehnkampf-Punkte von Pascal Behrenbruch könnten zur Medaille reichen.
Wohl nur Ränge unterhalb des Siegertreppchen könnten Nadine Kleinert (Magdeburg) mit 19,15 m im Kugelstossen und die 4x100-m-Staffel der Damen mit 42,51 Sekunden gegen USA, Jamaika und den Rest der Welt belegen.
Unter den sechs Silbermedaillen könnten vor allem die 5,92 m von Stabhochspringer Björn Otto (Uerdingen-Dormagen) auch in London Silber wert sein, mit Einschränkungen die 65,41 m der Weltranglisten-Ersten Nadine Müller (Halle/Saale/68,89) im Diskusring.
Obergföll muss zulegen
Steigerungsfähig wie sie scheint mit dem Stab auch die andere WM- und EM-Zweite, Martina Strutz (Neubrandenburg), nach 4,60 m im Regen. Kaum zu Bronze reichen würden die 65,12 m im Speerwurf für Christina Obergföll (Offenburg).
Endkampf-Niveau haben die 38,44 Sekunden der männlichen 4x100-m-Staffel, wohl nur Vorlauf-Qualität der 5000-m-Zweite Arne Gabius (Tübingen).
Das Leistungsniveau der vier Bronzemedaillengewinner reicht wohl nur zu Finalplatzierungen für Stabhochspringer Raphael Holzdeppe (Zweibrücken/5,77), die männliche 4x400-m-Staffel (3:01,77), Hindernisläuferin Antje Möldner-Schmidt (Cottbus/9:36,37) und die entthronten Speerwurf-Europameisterin Linda Stahl (Leverkusen/63,69).
Hoffen auf Heidler und Spiegelburg
"In London werden wir sicher eine andere Betty Heidler erleben. Unsere Hammerwurf-Weltrekordlerin bleibt trotz ihres Scheiterns in Helsinki eine ernsthafte Medaillenkandidatin", sagt Kurschilgen.
Er kann an der Themse auch auf eine glücklicher kämpfende Stabhochspringer Silke Spiegelburg (Leverkusen/4.) und die vollständige Genesung von Weitsprung-Ex-Europameister Christian Reif (Ludwigshafen/8,26) sowie Hürden-Hoffnung Carolin Nytra, einer Final-Anwärterin, hoffen.
Prominente Härtefälle
Und natürlich auf zwei Sorgenkinder, denen mit Hilfe des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) bei der Nominierung am Mittwoch in Frankfurt/Main eine Brücke nach London gebaut werden könnte.
Matthias de Zordo (Saarbrücken) hat schon 2011 vor dem WM-Sieg im Speerwerfen binnen kurzer Zeit zur Topform gefunden. Doch hinter Hochspringerin Ariane Friedrich (Frankfurt/Main) bleibt vorläufig ein Fragezeichen.
SPORT1
