''Schaffhausen war der richtige Schritt''
Von Annette Bachert
München - 351 Tage lang war das wohl grösste Talent im deutschen Handball zum Zusehen verdammt.
Nach seinem Kreuzbandriss im Oktober 2011 ist der 20-jährige Christian Dissinger nun wieder zurück auf dem Handballfeld. Und es scheint fast so, als wäre der Junioren-Weltmeister und WM-MVP von 2011 nie weg gewesen.
Bei seinem Schweizer Klub Schaffhausen erhielt der Rückraumlinke sofort wieder grosse Spielanteile, zeigte sich treffsicher und avancierte in der Champions League gegen Zagreb bereits zum Matchwinner.
Vor der Partie der Kadetten in der Königsklasse bei den Füchsen Berlin spricht Dissinger im SPORT1-Interview über seine Leidenszeit, das Reha-Programm mit NFL-Akteuren, die Nationalmannschaft und Gedanken an die DKB Handball-Bundesliga.
SPORT1: Herr Dissinger, vor gut drei Wochen haben Sie Ihr Comeback gegeben. Wie hat es sich angefühlt?
Christian Dissinger: Es ist ein gutes Gefühl, wieder spielen zu dürfen und der Mannschaft helfen zu können, nachdem das knapp elf Monate nicht der Fall war.
SPORT1: Wie schwer war es, immer nur zuschauen zu müssen?
Es war nicht einfach - speziell in den Partien, in denen ich helfen hätte können. Aber ich habe immer nach vorn geschaut, und das war Motivation genug, um weiter zu machen und zurückzukommen.
SPORT1: Einen Teil der Reha haben Sie in den USA absolviert. Inwiefern hat Sie das vorangebracht?
Ich habe auf so einem hohen Niveau vorher noch nie trainiert, vor allem was das Körperliche angeht. Das sind etwas andere Methoden als in Europa. Das Ganze war sehr professionell und ist normalerweise auf Basketball, Football, Baseball und Eishockey ausgerichtet. Aber es passte auch perfekt in den Bereich Handball, und man hat neben anderen Sportlern wie zum Beispiel NFL-Footballern trainiert.
SPORT1: In der Partie gegen Barcelona haben Sie sich erneut verletzt. Bekommt man es da kurzzeitig mit der Angst zu tun, weil die alte Verletzung gerade erst ausgestanden ist?
Es war sicherlich ein Schockmoment. Aber so schlimm, wie es zunächst dargestellt wurde, war es nicht. Es war lediglich eine Prellung.
SPORT1: Jetzt haben Sie keine Beschwerden mehr?
Ich bin voll einsatzbereit, aber erst bei 80 bis 85 Prozent. Es fehlt mir noch einiges an Spiel- und Trainingspraxis.
SPORT1: Wann ist mit der Topform zu rechnen?
Ich habe mir vorgenommen, bis Ende 2012 möglichst nahe beim Optimum zu sein, um mich dann in der WM-Pause nochmals gut vorzubereiten. Ob das klappt, weiss ich nicht, aber ich trainiere hart.
SPORT1: Sie sind gegen Barcelona zum "Best Player" gewählt worden - und das so schnell nach Ihrem Comeback.
So gut war ich da gar nicht. Ich habe mir den ein oder anderen Wurf zu viel genommen und bin zu weite Wege gegangen. Aber ich habe mich schon in der Vorbereitung gut gefühlt und konnte Akzente setzen. Ich merke, dass ich körperlich auf einem anderen Niveau bin als vergangenes Jahr, das gibt mir viel Selbstvertrauen. Ich weiss, dass viele andere hatten Probleme hatten, schnell auf ein gutes Niveau zu kommen. Daher bin ich glücklich, dass es bei mir recht fix ging.
SPORT1: In der Schweizer Liga läuft es bisher mit sieben Punkten aus sieben Spielen nicht so rund. Woran hapert es noch?
Ich denke, der Sprung von Champions League zur Liga ist in der Schweiz recht extrem. In der Champions League spielen wir gegen die Topstars, Teams wie Barcelona vor 3000 Zuschauern. Und zwei Tage später sind es dann 400. Das ist doch ein Unterschied und vor allem Kopfsache. Und wir machen zu viele dumme Fehler und haben noch nie mit dem kompletten Team spielen können.
SPORT1: Die Kadetten sind doch aber der Meisterschafts-Favorit schlechthin?
Ja, auf jeden Fall sind wir der Topfavorit, aber es wird kein Spaziergang. Wir dürfen uns nicht das Leben selbst schwer machen, sonst kommt es zu Ausrutschern. Die anderen Vereine haben allerdings auch gut aufgerüstet. Letztlich müssen wir die Meisterschaft gewinnen.
SPORT1: Nach rund einem Jahr Kadetten: Wie lautet Ihr Fazit?
Für mich war es auf jeden Fall der richtige Schritt. Es gibt eine gute Infrastruktur mit der neuen BBC Arena und einem Trainingszentrum. Alles ist an einem Ort, und das ist in Europa wohl einmalig. Die Mannschaft ist super und eine gute Mischung aus jung und alt, und die Stimmung ist perfekt. Es gibt nie Reibereien.
SPORT1: Werden wir Sie in absehbarer Zukunft wieder in der Bundesliga sehen?
Langfristig wahrscheinlich schon. Aber im Moment ist das für mich kein Thema.
SPORT1: In der Champions League gab es bisher durchwachsene Ergebnisse. Wie lautet das Ziel?
Wir wollen das Achtelfinale erreichen. Dazu müssen wir die Heimspiele in unserer schweren, aber attraktiven Gruppe gewinnen. Sollten wir weiterkommen, und in der Auslosung Glück haben, ist auch das Viertelfinale drin. Aber wir müssen unsere Fehler dafür abstellen - ich inklusive .
SPORT1: Nun warten die Füchse Berlin. Sie haben gesagt, die sind schlagbar. Was macht Sie da so sicher?
Ich habe drei oder vier Spiele gesehen. Letztes Jahr haben sie besser gespielt. Sie sind keine Übermannschaft. Sicher macht mich nichts, aber an einem guten Tag, an dem vieles perfekt läuft, ist Berlin schlagbar.
SPORT1: Auf wen oder was kommt es an?
Zu allererst müssen wir alle unsere leichten Fehler abstellen. Das war auffällig in den ersten Spielen. Wir werden auch ein bisschen mit Risiko spielen müssen, um eine Chance zu haben. Aber mit guter Abwehr und Torhüter ist vieles möglich.
SPORT1: Ist die Nationalmannschaft schon wieder ein Thema?
Mit dem Bundestrainer stehe ich in Kontakt. Aber ich will erst einmal wieder komplett fit werden und Spielpraxis sammeln. Wenn ich dann über Wochen konstant Leistung bringe, ist es Sache des Bundestrainers.
SPORT1: Wie stehen die Chancen schon bis zur WM in den DHB-Kader zu rutschen?
Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht, aber es wäre schön, für Deutschland spielen zu dürfen - oder alleine nur im Kader bei der WM zu sein und die Erfahrung für die Zukunft mitzunehmen. Aber das wird nur passieren, wenn der Bundestrainer das Gefühl hat, dass ich zu dem Zeitpunkt fit bin und der Mannschaft auch wirklich weiterhelfen kann.
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