''Wir werden mit Keller neu angreifen''
Von Reinhard Franke
München - Das Beben bei Schalke 04 (Bericht) ging natürlich nicht spurlos an ihm vorrüber.
Doch Schalke-Boss Clemens Tönnies stellt sich der Situation und richtet auch in diesen schweren Tagen den Blick nach vorne.
Die Trennung von Trainer Huub Stevens sei "einvernehmlich" erfolgt, sagt der Aufsichtsratschef.
Nach dem Ende von Stevens' zweiter Amtszeit auf Schalke wollen die Königsblauen nun mit Interimscoach Jens Keller bis zum Saisonende weiterarbeiten.
Tönnies ist davon überzeugt, dass Keller die Mannschaft wieder in ruhigeres Fahrwasser führen kann und sieht für den ehemaligen Profi eine grosse Chance .
Im SPORT1 -Interview spricht Tönnies über Stevens' Aus, ein baldiges Treffen mit dem Niederländer, die Zukunft mit Keller, Schalkes Ziele und das Pokalspiel am Dienstag gegen FSV Mainz 05 .
SPORT1: Herr Tönnies, wie enttäuscht sind Sie, dass die Ehe Schalke und Huub Stevens in die Brüche gegangen ist?
Clemens Tönnies: Natürlich macht man das nicht gerne, zumal noch vor Weihnachten und dann noch in einer leitenden Position zu wechseln. Wir mussten Verantwortung für den Verein übernehmen. Wir hatten ein sehr vernünftiges Gespräch geführt und eins kann ich sagen: Seitdem ich Huub Stevens kenne, gehen wir ordentlich miteinander um und werden das immer tun. Das war auch jetzt so. Im Sinne des Vereins waren wir uns dann einig, dass wir diesen Schritt vollziehen.
Wie hat Huub Stevens diesen Schritt aufgenommen?
Er hat rund acht tolle Jahre auf Schalke gehabt. Sein Herz wird immer für diesen Klub schlagen. Huub sagte, dass es für den Verein und die Mannschaft besser ist. Er betonte, dass er die Entscheidung mitträgt und fuhr nach Hause. Anfang des neuen Jahres werden Horst (Schalkes Sportvorstand Horst Heldt, Anm. d. Red.) und ich uns mit Huub zum Essen treffen. Er hat eine grosse Fachkompetenz und wir denken darüber nach, wo wir ihn einbinden können. Den Termin nehme ich gerne wahr, weil ich den Huub für einen ordentlichen Kerl halte.
Warum musste auch Co-Trainer Markus Gisdol gehen?
Wir setzen jetzt auf den Jens Keller und er soll entscheiden, wie er die Co-Trainer zusammenstellt. Es war eine gute Sache, da einen sauberen Schnitt zu machen. Wir geben keine Ziele aus, die die Truppe belasten, sondern vollziehen einen Schnitt, der uns nicht leicht gefallen ist. Jens Keller übernimmt den Job und er wird die Truppe hoch motivieren und neu aufstellen.
Ist es kein Risiko, in so einer prekären Situation einen relativ unerfahrenen Mann wie Keller in die Verantwortung zu nehmen?
Jens Keller hat als Trainer Erfahrung und bekommt unsere volle Unterstützung. Er ist ein ordentlich gestandener Typ, der sofort gesagt hat: "Ja, das mache ich gerne, das ist eine tolle Aufgabe für mich." Wir setzen jetzt auf ihn und er entscheidet, mit welchen Co-Trainern er arbeitet. Ich bin zuversichtlich, dass der das meistert in der jetzigen Situation. Wir werden mit ihm neu angreifen.
Hatte sich die Trennung von Stevens in den letzten Tagen schon abgezeichnet oder erst nach dem Freiburg-Spiel?
Natürlich haben wir uns zuletzt die Frage gestellt, was denn eigentlich passiert ist. Ich habe die Jungs auf der Weihnachtsfeier gefragt: "Was ist los? Was hat bei euch den Hebel umgelegt?" Diese Frage haben wir uns oft gestellt und in den letzten Spielen verfestigte sich der Eindruck, dass es eine Schwächephase der Truppe ist. Wenn es dann nachhaltig immer so weiter geht, dann ist man verpflichtet die Reissleine zu ziehen.
Ab wann gab es konkret einen Bruch? War es das Leverkusen-Spiel, wo auch ein Jefferson Farfan ausflippte?
Den genauen Auslöser kann man wohl nicht benennen, es war wohl eher ein schleichender Prozess. Vielleicht hat Huub zu wenig gewechselt, zu wenig rotiert und wir waren am Ende zu ausrechenbar.
Machen Sie sich selber Vorwürfe, dass sie den negativen Trend nicht früher erkannt haben?
Schwer zu sagen. Wir haben die ersten schlechteren Spiele als vorübergehende Schwächephase definiert und gesehen, dass etwas nicht stimmt. Man darf Huub ganz bestimmt nicht die Alleinschuld geben. Es hat in den letzten Wochen irgendwas nicht gestimmt und ist dann auseinander gelaufen. Es ist ja sowieso ein Phänomen, dass man Trainer nicht 30 Jahre beschäftigen kann. Ich habe in meinem Unternehmen Leute, die sind 30 Jahre in gehobenen Positionen, leider ist das im Fussball nicht möglich.
Jetzt kommen Stimmen hoch, die sagen, dass die Mannschaft gegen Stevens gespielt habe. War dem so?
Nein, völliger Quatsch! Die Mannschaft wollte gewinnen und ist immer motiviert in die Spiele gegangen. Gerade am Samstag gegen Freiburg wollten alle die drei Punkte. Ich habe noch jeden Spieler abgeklatscht. Der Mannschaft kann man alles absprechen, aber nicht Charakter. Natürlich ist eine negative Entwicklung im Gange, wenn du immer eins auf die Mütze kriegst, doch diese muss man dann durchbrechen.
Ist es auf Schalke nicht auch ein Problem der Spieler, nicht nur des Trainers?
Unsere Trainer nehmen die Spieler schon ordentlich ran. Sie werden auf Schalke nicht verwöhnt. Wir fordern die Leistung ein. Das darf nicht so weit gehen, dass ein hochsensibler Spieler daran zerbricht, aber bei uns wird keiner verhätschelt. Das Problem haben wir nicht auf Schalke.
Wie zufrieden sind Sie insgesamt mit der Hinrunde?
Die ersten Spiele waren die besten Spiele, die ich je auf Schalke gesehen habe. Es hat nicht nur international gut geklappt, sondern auch in der Liga. Dann stellte sich Verletzungspech ein. Vielleicht fehlte durch die vielen Spiele auch etwas geistige Frische und dann sind wir in ein Loch gefallen. In der Bundesliga bin ich derzeit allerdings überhaupt nicht zufrieden. Wenn man von Platz zwei auf sieben abfällt, stimmt so einiges nicht. Wenn wir am Dienstag im Pokal gegen Mainz noch gewinnen, dann bin ich ganz zufrieden, dann können wir Weihnachten feiern.
Haben Sie keine Angst, dass ein Pokal-Aus die ganze Situation noch schlimmer machen könnte?
Überhaupt nicht. Wir wissen, dass Mainz eine starke Truppe hat, dass wir uns anstrengen müssen, aber wir gehen hochmotiviert und beherzt in dieses Spiel.
Was wünschen Sie sich für das neue Jahr?
Wir müssen alle miteinander gesund bleiben und weiter daran arbeiten unseren Verein nach vorne zu bringen. Mein grösster Wunsch ist, dass wir erfolgreichen Fussball spielen und einen Champions-League-Platz erreichen.
SPORT1



















