EM 2020: Final-Poker, Fan-Frust und viele offene Fragen
Von Christian Paschwitz
München - Vorbei Heim-EM, her mit dem Turnier über den gesamten Kontinent:
Mit ihrem Beschluss, die EM 2020 in verschiedenen Metropolen in ganz Europas auszutragen , hat der Europäische Fussball-Verband UEFA, für eine Revolution gesorgt und eine hitzige Debatte losgetreten.
Doch viele Details sind noch ungeklärt.
SPORT1 gibt einen Überblick zu den wichtigsten Fragen:
* Warum hat die UEFA so entschieden?
Platini und Co. sind der Meinung, dass die Organisation eines Turniers über den gesamten Kontinent deutlich einfacher sei.
Man müsse "keine Flughäfen oder zehn Stadien" in einem Land bauen, so der UEFA-Boss.
Eine Anspielung auch auf genau diese Probleme im Vorfeld der jüngsten EM in Polen und in der Ukraine, die sich nun damit konfrontiert sehen, die Bauten anderweitig zu nutzen und gegenzufinanzieren.
Geeintes Europa als Aufhänger
Karl-Heinz Rummenigge, Klubvorstand des FC Bayern und zugleich Chef der europäischen Klubvereinigung ECA, führt ebenfalls öknonomische Gründe an: "In Zeiten der Eurokrise zwingt man nicht ein, zwei Länder dazu, Geld in infrastruktuelle Massnahmen zu stecken, sondern greift auf bestehende Strukturen zurück."
Im Jahr ihres 60-jährigen Bestehens gefällt es der UEFA zudem, eine "Jubiliäums-EM" austragen - "Euro for Europe" lautet das Motto. "Wir werden bei der EM 2020 die grösste Party feiern, die je bei einer Europameisterschaft gefeiert wurde", sagt UEFA-Generalsekretär Gianni Infantino.
"Ich halte diese Entscheidung in Zeiten eines vereinten Europas für gut", pflichtet Rummenigge bei.
* Welche Länder kommen überhaupt infrage?
Genau entschieden ist noch nichts, die Rede war zuletzt von 13 über den gesamten Kontinent verteilten Austragungsstätten.
"Ob zehn, zwölf, 13 oder 14 Städte das Turnier austragen, werden wir noch sehen", erklärt Infantino. Der Bewerbungsprozess für die Ausrichtung beginnt Anfang 2013 und dauert zwölf Monate - vor dem Frühjahr 2014 ist also nichts entschieden.
"Wir wollen so vielen Ländern wie möglich die Chance geben, Teil einer Europameisterschaft zu sein", kündigt Infantino an - und spricht dabei "von einem guten Mix aus Ländern, die noch nie eine EM hatten, und denen, die schon einmal ein solches Turnier ausgetragen haben."
Soll heissen: Die etablierten Fussball-Nationen wie Deutschland, England, Italien, Spanien, Frankreich kommen auf jeden Fall in den Genuss, als Ausrichter zu fungieren - Zwergstaaten wie Zypern und Malta sind zumindest hypothetisch denkbar.
* Was bedeutet die Entscheidung für Deutschland?
Nach jetzigem Stand könnten mindestens drei Spiele in Deutschland steigen - in wie vielen Städten, ist bis dato unklar. Allerdings ist zu vernehmen: Sollte sich das DFB-Team qualifizieren, dürfte es seine Gruppenspiele wohl in Berlin austragen. Auch Hoffnungen auf das Endspiel bestehen.
"Wir werden uns auf jeden Fall mit einer deutschen Stadt bewerben", so DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.
Auch der Süden der Republik macht sich Hoffnungen: "Ich hoffe und wünsche mir, dass München als einer dieser Austragungsorte nominiert wird", sagt Bayern-Boss Rummenigge.
* Welche Reaktionen gibt es?
Von den Funktionären verschiedener europäischer Länder ist bislang vorwiegend Positives zu hören.
"Wir haben die Entscheidung des Exko (Exekutivkomitees, Anm. d.Red.) so erwartet und bewerten sie absolut positiv", sagt nicht bloss der Deutsche Niersbach.
Steven Martens, Generalsekretär des Königlichen Belgischen Fussball-Verbandes, meint: "Nach der gescheiterten belgisch-niederländischen Bewerbung für die WM 2018 ist das eine etwas kleinere, aber realistische Möglichkeit, um ein grosses Fussball-Event nach Brüssel zu holen."
England schielt schon aufs Enspiel
In den Niederlanden gibt es ebenso Zustimmung.
"Wir sind dafür, dass auch kleinere Länder bei so einer Veranstaltung berücksichtigt werden", so ein Sprecher des Königlichen Niederländischen Fussball-Verbandes KNVB, der sich mit der AmsterdamArena und einem neuen Stadion in Rotterdam bewerben will.
Von den bisherigen Ausrichtern hat sich England mit Wembley bereits für die Austragung von Halbfinals und des Endspiels ins Gespräch gebracht.
"Ich denke, die UEFA hat uns auf dem Zettel, aber die Konkurrenz wird gross sein", meint David Bernstein, Vorsitzender des Englischen Fussball-Verbandes FA.
* Gibt es auch Gegner?
Die einzige Gegenstimme bei der Sitzung in Lausanne kam aus der Türkei, die das Turnier ursprünglich als alleiniger Gastgeber ausrichten wollte.
Das Land wird womöglich damit entschädigt, die Halbfinals und das Endspiel in Istanbul austragen zu dürfen - zumal die Finalwoche in einer Stadt stattfinden soll.
Ob es tatsächlich so kommt, steht auf einem anderen Blatt.
* Was sagen die Fans?
Die Debatte ist höchst kontrovers - auch bei den SPORT1-Usern, wobei die Basis das Vorhaben tendenziell eher kritisch sieht:
"Das ist der grösste Blödsinn, den man machen kann", meint etwa "Benji". "Das ist dann irgendwie wie Championsleague nur mit Nationalmannschafts. Das ist dann nicht wirklich mehr eine Identifikation mit einer EM."
User "Felix" befüchtet, das "gar keine richtige EM-Stimmung aufkommt", User "Nicht gut" wiederum verurteilt einen "Sieg für den Kommerz. Es ist einfach schade, dass man immer wieder neue und innovative Ideen umsetzen muss, um den Fussball vollkommen zu entfremden."
Bedenken wegen Stimmung und Reiserei
Dagegen hält User "hans" die Idee "für sehr gut" und ist "gespannt, welche Städte den Zuschlag bekommen. Das Hin- und Hergefliege interessiert bei Champions-League-Spielen auch niemanden."
Gianni Infantino versucht die Bedenken zu zerstreuen, vor allem die hinsichtlich grösseren Reisestresses und Reisekosten.
"Für die Fans wird das fantastisch sein. Bei komplizierten Reisen werden wir etwas machen. Aber wir machen das ja für die Fans, denn wir wollen die Euro zu den Fans bringen, nicht die Fans zur Euro", so der UEFA-Generalsekretär.
* Steigt die EM nun immer europaweit?
Offenbar ist 2020 ein Test-Ballon, denn Platini meint: "Das wird nicht immer so sein. Stand heute ist für die Zukunft alles offen."
Entscheidend wird sein, ob das Turnier in acht Jahren ein Top oder Flop wird.
Und auch schon für 2020 bleiben viele Fragen offen.
* Wird die EM im Sommer ausgetragen?
Davon ist auszugehen und nichts Gegenteiliges bekannt angesichts des dann wärmeren Klimas in Europa.
Gedankenspiele darüber, dass im Winter gekickt wird wie nicht ausgeschlossen bei der WM 2022 in Katar, gibt es keine.
Neben den klimatischen Gründen auch deshalb, weil die europäischen Ligen dann mitten in der Saison-Halbzeit stecken.
* In welchem Modus wird gespielt?
Die Frage ist bislang ebenso ungeklärt wie die des Qualifikationsmodus.
Offen ist ausserdem, ob in einem anderen Land gespielt wird, sollte sich der Ausrichter nicht qualifizieren und wie lange die EM dauern soll (bisher gut drei Wochen).
Wie schon an der nächsten EM 2016 in Frankreich werden wohl wieder 24 Teams am Turnier teilnehmen (zuletzt 16).
SPORT1

