Mourinho will sich auspfeifen lassen
Von Christian Stüwe
München - Die Kräfteverhältnisse in der spanischen Hauptstadt sind für gewöhnlich klar verteilt.
An erster Stelle die Königlichen von Real Madrid, in gebührendem Abstand folgt der traditionelle Arbeiterklub Atletico.
Auch das "Derbi Madrileno" steht normalerweise im Schatten der "Clasicos" zwischen den grossen Rivalen Real und Barcelona.
Am Samstag allerdings ist das Stadtduell (ab 22 Uhr im LIVESCORES) brisant wie schon seit vielen Jahren nicht mehr.
Durch einen Sieg im Stadion Santiago Bernabeu könnte Atletico elf Punkte zwischen sich und Real packen, was für die Königlichen neben der Demütigung den wohl auch vorzeitigen K.o. im Meisterschaftsrennen bedeuten würde, da Barcelona mit einem Sieg am Abend gegen Bilbao (ab 20 Uhr im LIVESCORES) schon auf 14 Zähler davonziehen könnte.
Keine leichte Situation für die Mannschaft der deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Sami Khedira und vor allem für den nicht unumstrittenen Trainer Jose Mourinho.
Sollte Real nach der Niederlage bei Betis Sevilla am vergangenen Wochenende nun auch noch die Vorherrschaft in Madrid verlieren, würden die Diskussionen um den Portugiesen wohl an Intensität zu nehmen.
Mourinho war am Dienstagabend beim mühsamen 3:0-Sieg im Pokal gegen den Drittligisten Alcoyano von Teilen des eigenen Anhangs ausgepfiffen worden.
"Wenn sie pfeifen wollen, werde ich es mit Demut ertragen"
Nun kündigte der exzentrische Trainer an, 40 Minuten vor dem Anpfiff alleine den Innenraum des Estadio Bernabeu betreten, um den Real-Fans die Möglichkeit zu bieten, ihn auszupfeifen.
"Diejenigen, die das tun wollen, haben dann dazu die Gelegenheit. Die Leute, die später kommen, sollten dann die Mannschaft, sollten Real Madrid unterstützen, damit der Klub sein Ziel erreicht und das Spiel gewinnt", sagte Mourinho, der dem möglichen Spiessrutenlauf gelassen entgegensieht:
"Es ist in keinerlei Hinsicht eine Herausforderung. Wenn sie pfeifen wollen, werde ich es ruhig und mit Demut ertragen."
Mourinho betont lässig
Auf der Pressekonferenz zuvor hatte sich Mourinho noch betont entspannt präsentiert.
"Meine Beziehung zu den Spielern und dem Klub ist wie immer", sagte der 49 Jahre alte Coach: "Ich bin nur ein Angestellter des Klubs. Die Verantwortlichen müssen wissen, ob sie damit zufrieden sind, was sie bekommen. Aber ich habe ein sehr, sehr, sehr gutes Verhältnis zum Präsidenten und dem Aufsichtsrat."
Die dreifache Wiederholung des Wortes "sehr" sollte dabei wohl unterstreichen, wie sicher Mourinho im Sattel sitzt.
Die Zukunft von "The Special One" in Madrid scheint jedoch alles andere als sicher.
Casillas stärkt Mourinho den Rücken
Schon am Donnerstag sah sich Kapitän Iker Casillas dazu bemüht, seinem Coach den Rücken zu stärken (Bericht).
Doch während die Mannschaft nach wie vor hinter dem Trainer steht, war Mourinho im Umfeld des Klubs und bei den Fans noch nie sonderlich beliebt, die Erfolge wie Meisterschaft oder Pokal überdeckten jedoch das komplizierte Verhältnis.
Bei Real, wo schöner, offensiver Fussballer und Fairness die höchsten Gebote sind, lässt der Portugiese häufig den für ihn typischen Ergebnisfussball spielen.
Rabauke Pepe stand von Anfang an unter dem persönlichen Schutz Mourinhos, nicht nur die Finger-in-Auge-Attacke Mourinhos gegen den jetzigen Barca-Coach Tito Vilanova sorgte für viel Aufregung.
Zukunft in Paris oder Manchester?
Mourinho wird bei Paris St. Germain und Manchester City gehandelt, der Grossteil der Real-Fans ist laut einer Umfrage der "Marca" davon überzeugt, dass Mourinho Real spätestens am Saisonende verlassen wird.
Und nun droht neben Barca auch noch Atletico zu enteilen. Die Mannschaft spielt unter Trainer Diego Simeone äussert erfolgreich.
Atletico so stark wie lange nicht
Zuletzt gingen die Rojiblancos in der Saison 1995/96 mit acht Punkten Vorsprung in das "Derbi Madrileno".
Damals wurde Atletico Meister und Pokalsieger, Simeone stand noch als Spieler auf dem Platz.
Humorloser Simeone
Vor 17 Jahren räumte der Argentinier humorlos im Mittelfeld auf, nun verpasste er seiner Mannschaft eine Gangart, die an sein Auftreten als Spieler erinnert.
"Seit er da ist, erzählen wir uns keine Witze mehr", sagte Kapitän Gabi.
Dazu passt auch die Spielweise von Superstar Radamel Falcao. Der Stürmer verrichtet seine Arbeit mit äusserster Konsequenz, unerbittlich schlägt der Kolumbianer im Strafraum zu.
Kein Wunder, dass der Respekt bei Real gross ist. "Er ist der geborene Stürmer", sagte Casillas: "Atletico ist ein sehr starker Gegner."
Kampfansage von Falcao
Und Falcao machte gleich mal eine Kampfansage in Richtung des Nachbarn.
"Die Saison vor Real Madrid, unserem Hauptrivalen, zu beenden, wäre für jeden von uns von grosser Bedeutung", stellte der Angreifer klar.
Sollte Atletico dieses Kunststück tatsächlich gelingen, wäre dies aber nicht nur für die Rot-Weissen von grösster Bedeutung.
Auch bei Real dürfte ein zweiter Platz bei der Stadtmeisterschaft weitreichende Folgen haben.
Mourinho und seine Spieler sind also zum Siegen verdammt, um das Schreckenszenario nicht Wirklichkeit werden zu lassen.
SPORT1











