Die Angst vor dem frostigen November
Vom FC Bayern berichtet Matthias Becker
München - Um eines direkt klarzustellen, die schlimmsten Befürchtungen um den Gemütszustand der Profis des FC Bayern sind unbegründet.
"Es ging schon mal besser, aber wir leben noch", sagte Thomas Müller am Montag zur Gefühlslage nach dem Ende der Rekordserie von acht Siegen aus acht Spielen.
1:2 mussten sich die Münchner am Sonntagabend Bayer Leverkusen geschlagen geben .
Neben den ersten Punktverlusten der Saison war es auch die erste Heimniederlage im Jahr 2012 - und für Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge Grund genug, mahnend den Zeigefinger zu heben .
Rummenigge fordert Besserung
"Die Mannschaft wird nach der Niederlage Druck kriegen, damit muss sie fertig werden", sagte Rummenigge und zog Parallelen zum Vorjahr:
"Wir müssen zeigen, dass wir mit dem Druck besser umgehen können als im letzten Jahr. Der November 2011 war auch kein guter Monat - das müssen wir jetzt besser machen."
Zwar ist der November strenggenommen ja noch gar nicht da.
Auch wenn Fussball keine Mathematik und schon lang keine astronomische Chronologie ist, war aber sofort jedem klar, was Rummenigge meinte.
Erinnerungen an die Herbstdepression
Schliesslich ist die Duplizität der Ereignisse erstaunlich. Am 23. Oktober 2011 hatten die Bayern bei Hannover 96 nach zuvor acht Spielen ohne Gegentor in Folge mit 1:2 verloren.
Fast genau ein Jahr später nun die Niederlage gegen Leverkusen .
Kurios: Damals wie heute stand Jerome Boateng sinnbildlich für das Ende der Serie. Gegen Bayer lenkte er den Kopfball von Sidney Sam unglücklich ins eigene Tor, in Hannover leitete er einst die Pleite durch einen überflüssigen Platzverweis nach einer Rangelei ein.
Binnen eines Monats folgte eine wahre Herbstdepression mit weiteren Niederlagen gegen Borussia Dortmund und beim FSV Mainz 05. Der schöne Vorsprung von acht Zählern auf den BVB war dahin.
"Wir müssen jetzt aufpassen"
Nun beträgt der Abstand zum Double-Gewinner aus Westfalen aktuell immer noch neun Zähler. Auf den ersten Verfolger, den FC Schalke 04 sind es aber nur noch vier.
Wie mit dieser Situation umzugehen ist, darin sind sich die Akteure nicht ganz einig. "Wir haben jetzt ein Spiel verloren, der Vorsprung ist immer noch da. Aber wir müssen jetzt aufpassen", warnt Kapitän Philipp Lahm.
Müller hingegen liegt eher auf der Wellenlänge seines Trainers Jupp Heynckes und versichert: "Wir konnten nicht davon ausgehen, 34 Spiele zu gewinnen. Davon lassen wir uns nicht aus der Bahn werfen."
Warnsignale sind sichtbar
Allerdings sind die Warnsignale wenige Tage nach dem Arbeitssieg in der Championsleague in Lille schon zu sehen.
Ohne den angeschlagenen Franck Ribery fehlte den Bayern der letzte kreative Impuls, um die eigene Überlegenheit frühzeitig in Zählbares umzumünzen.
"In der ersten Halbzeit haben wir den Ball zu langsam zirkulieren lassen und die Lösung nicht gefunden", gibt auch Müller zu.
Das erinnerte ein wenig an das leicht zu dechiffrierende Ballbesitz-Dominanz-Spiel aus der späten Van-Gaal-Ära, das die Münchner auch letzte Saison streckenweise so berechenbar gemacht hatte.
Heynckes packt sich Schweinsteiger
Hinzu kommen Kleinigkeiten, die sich im aufgeregten Münchner Umfeld schnell zu Streitthemen auswachsen können.
So stapfte Bastian Schweinsteiger bei seiner Auswechslung in der 74. Minute derart missmutig an Trainer Heynckes vorbei, dass der ihn mehr oder weniger zum Körperkontakt nötigen musste.
Bloss keine weitere Diskussion um einen verweigerten Handschlag, wird sich Heynckes gedacht haben.
Auch Robben warnt
Wenn es so etwas wie einen Gewinner am Sonntagabend in Reihen der Bayern überhaupt gab, dann war es Arjen Robben. Nach fast fünf Wochen Pause durfte der Niederländer endlich wieder auf den Rasen.
"Die Rückkehr hatte ich mir ein bisschen anders vorgestellt", gab Robben am Montag zu - und stimmte in Rummenigges Warnrede ein.
"Wir müssen jetzt hellwach sein, damit das kein Anfang ist", sagte Robben auf SPORT1-Nachfrage zur Möglichkeit eines weiteren Herbst-Einbruchs:
"Am besten starten wir jetzt gleich wieder eine Serie."
Badstuber fällt aus
Robben, der die Gala-Vorstellungen der letzten Wochen von der Tribüne aus ja bestens im Blick hatte, hatte erkannt, woran es gegen Leverkusen krankte.
"Wir haben dem Gegner das Leben nicht schwergemacht. Wir müssen immer von der ersten Sekunde an aggressiv sein", forderte er.
Der aufgeforstete Kader sollte, trotz des Ausfalls von Holger Badstuber (Muskelfaserriss), dazu in der Lage sein, diese Forderung im Pokalspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern und in der Auswärtspartie beim Hamburger SV umzusetzen.
Ob die Bayern aber wirklich aus dem schwarzen November 2011 gelernt haben, weiss Robben trotzdem nicht:
"Das kann man erst am Ende der Saison sagen."
SPORT1



















