''Die Mannschaft hat nicht mehr für Magath gespielt''
Von Hardy Heuer
München - Dieter Hoeness weiss, wie es ist, der starke Mann in Wolfsburg zu sein - und er weiss, wie es ist, diese Position von einem Tag auf den anderen zu verlieren.
Der ehemalige Nationalspieler hat von Januar 2010 bis März 2011 beim VW-Klub die Geschicke als Geschäftsführer geleitet, ehe er von Felix Magath, der auch den Trainerposten übernahm, abgelöst wurde.
Nun ist es Magath, der nach acht Spieltagen seinen Hut nehmen musste. Und Dieter Hoeness - dessen Bruder Uli VW-Konzernchef Martin Winterkorn als Ratgeber geschätzt wird - ist nicht überrascht.
Im SPORT1-Interview spricht Dieter Hoeness über Magaths Scheitern und Nachfolger Lorenz-Günther Köstner, ausserdem legt er dem VfL strategische Entscheidungen nahe.
SPORT1: Herr Hoeness, wie bewerten Sie die Situation in Wolfsburg?
Dieter Hoeness: Für Wolfsburg ist es jetzt schwierig, weil sie natürlich ein Vakuum haben. Aber sie werden das schliessen. Ich hoffe, dass sie in aller Ruhe eine Entscheidung treffen werden und glaube, dass mit Lorenz-Günther Köstner ein Trainer geholt worden ist, der schon gezeigt hat, dass er so eine Situation lösen kann.
SPORT1: Mit dem deutlichen Sieg in Düsseldorf hat Köstner Werbung für sich gemacht. Hat sie die Leistung des VfL überrascht?
Hoeness: Nein, für mich war der Sieg keine Überraschung. Der ein oder andere Spieler ist mit Sicherheit über die Grenzen gegangen, auch um zu beweisen, dass er bei Magath zu Unrecht auf der Bank sass.
SPORT1: Was wurde Felix Magath denn zum Verhängnis?
Hoeness: Am Ende waren es natürlich die Ergebnisse, das ist ganz klar. Hätten diese gestimmt, dann wären die Diskussionen über die geleerten Wasserflaschen und sonstige Themen in den Hintergrund getreten. Beziehungsweise: Dann hätte man ihn wahrscheinlich sogar dafür gefeiert. Aber es war schon eine Mischung aus Führungsstil und Ergebnissen, die nicht gepasst hat.
SPORT1: Waren das dann auch die Gründe für die Entlassung?
Hoeness: Ich glaube, es ist einfach die Erkenntnis gereift, dass auf Sicht gesehen nicht mehr die Ziele erreicht werden können. Sowohl was die kurzfristigen Ziele angeht, mit dem Erreichen des internationalen Geschäfts, als auch die Nachhaltigkeit. Letztendlich war auch der Kredit, der durch die Meisterschaft 2009 da war, verspielt.
SPORT1: Hat am Ende die Mannschaft gegen den Trainer gespielt?
Hoeness: Das ist schwierig. Also ich bin lange genug in diesem Geschäft und habe bisher in 40 Jahren Profifussball noch nicht persönlich erlebt, dass eine Mannschaft gegen den Trainer gespielt hat. Aber es ist natürlich trotzdem ein Unterschied, ob man für einen Trainer spielt. Und das haben sie sicherlich nicht getan. Sie sind nicht über die Grenzen gegangen, weil sie unbedingt Magath halten wollten.
SPORT1: Waren die vielen Transfers vielleicht ein grosses Problem?
Hoeness: Es war teilweise schon überraschend, was Felix Magath gemacht hat. Er hat Spieler geholt, hat sie dann zu den Amateuren geschickt und dann wieder zurückgeholt. Aber ich möchte einschränkend sagen, dass Magath vorher auch nicht sehr viel anders agiert hat, und da hatte er Erfolg. Diesmal hat es einfach nicht geklappt.
SPORT1: War es also ein Fehler, Magath zurückzuholen?
Hoeness: Klar muss man sich die Frage stellen, ob das die richtige Entscheidung war. Dieser Erfolg von damals war einfach nicht zu wiederholen. Die Messlatte war sehr hoch und er wurde als Messias gefeiert, als er zurückkam. Diese Erwartungshaltung konnte er eigentlich nicht erfüllen.
SPORT1: Was muss jetzt in Wolfsburg passieren?
Hoeness: Zwei Dinge: Zum einen weiss die Mannschaft, dass sie in der Pflicht ist. Und es ist wichtig, dass die Führung jetzt eine strategische Entscheidung trifft - sowohl was die Besetzung des Sportdirektors anbelangt als auch die Trainerbesetzung.
SPORT1: Köstner soll ja angeblich nur bis zur Winterpause bleiben. Wen sollte der VfL als Trainer verpflichten?
Hoeness: Es kursieren ja viele Namen. Es ist die Frage, was die Vereinsführung will. Will sie einen langfristigen nachhaltigen Aufbau oder kurzfristigen Erfolg mit einem grossen Namen. Ich persönlich glaube, dass es für den VfL gut wäre, eine strategische Lösung im Auge zu behalten. Sie sollten einen Trainer verpflichten, der der Mannschaft eine klare Handschrift verpasst.
SPORT1: Was erwarten Sie von den "Wölfen" im Pokalspiel gegen den FSV Frankfurt?
Hoeness: Die Vorzeichen haben sich natürlich geändert. Nach dem Sieg in Düsseldorf hat Wolfsburg Rückenwind und ist klarer Favorit.
SPORT1: Werden wir Sie denn in Zukunft vielleicht mal wieder in einer Funktion sehen?
Hoeness: Ich bin ja ein Stück weit drin im Fussballgeschäft. Es war eine persönliche Entscheidung nach München zurückzukehren. Ich habe hier eine kleine Sportmarketing-Firma gegründet. 1860 kommt für mich natürlich nicht in Frage, aufgrund meiner Vergangenheit und Nähe zum FC Bayern. Und bei den Bayern sind die relevanten Positionen sehr gut besetzt. Zu 99 Prozent würde ich sagen, dass ich im Fussball operativ nicht mehr tätig werde.
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