Noch keine Hauptrolle für Foulkönig Martinez
München - Nein, Uli Hoeness hat noch keine Zweifel, nicht einmal ganz, ganz leise.
"Javi wird uns dabei helfen, sehr bald in Europa ganz nach oben zu kommen", sagte er vor wenigen Tagen über Javi Martinez, den mit 40 Millionen Euro Ablöse teuersten Spieler der Bundesliga-Geschichte.
Sehr bald, das sollte wohl heissen: Im Frühjahr 2013, wenn in der Königsklasse die entscheidenden Spiele anstehen - bis zum Finale im Londoner Wembley-Stadion am 25. Mai.
Seit acht Wochen in München
Im grauen Herbst-Alltag spielt Martinez noch nicht die erhoffte (Haupt-)Rolle. In den rund acht Wochen, die er jetzt in München ist, hat er sieben Bundesliga-Spiele bestritten, allerdings keines über die volle Distanz und nur 241 von 630 möglichen Minuten .
Immerhin: In dem Wettbewerb, in dem der 24-Jährige den Unterschied machen soll, in der Königsklasse, zog Trainer Jupp Heynckes ihn Konkurrent Luiz Gustavo stets vor. Am vergangenen Dienstag in Lille durfte er zum ersten Mal über die volle Distanz gehen.
Martinez für Bayer-Spiel fraglich
Wenn die Bayern am Sonntag (ab 17 Uhr im LIVE-TICKER) Bayer Leverkusen empfangen, dürfte aber wohl wieder Gustavo neben Bastian Schweinsteiger spielen - zumal Martinez Adduktoren-Probleme plagen.
"Man muss morgen sehen, ob er beschwerdefrei ist", sagte Heynckes auf der Pressekonferenz am Freitag.
Er bezeichnet die Anpassungsprobleme des Spaniers als "Eingliederungsprozess, der etwas länger dauert". Aus Sicht des Trainers hat das gute Gründe.
"Er hat nicht nur eine strapaziöse letzte Saison gespielt, mit Europameisterschaft, mit Olympischen Spielen, sondern auch nur zwei Wochen Urlaub gehabt, und auch keine Vorbereitung absolviert, das merkt man."
Heynckes vertraut Martinez
Dennoch habe er den Eindruck, betonte Heynckes, dass Martinez "langsam in Tritt kommt, sich steigert, und für uns, wenn die heisse Phase kommt, so spielt, wie ich ihn kenne".
Die heisse Phase - sie beginnt jetzt. Und sie hat den FC Bayern im vergangenen Jahr ausser Tritt und letztlich um die Meisterschaft gebracht. Dass es diesmal anders kommt, dafür soll auch Martinez sorgen. Er fühle sich sehr wohl in München, sagt er. Überhaupt ist immer alles "bueno", wenn er über seine Situation spricht, alles gut also.
Ein Blick in die Statistik unterstützt diese Selbsteinschätzung. In der Bundesliga hat Martinez 54 Prozent seiner Zweikämpfe gewonnen (Champions League: 60 Prozent), er kommt damit auf den gleichen Wert wie Schweinsteiger.
Alle 24 Minuten ein Foul
Geht es darum, einen Gegenspieler zu stoppen, um einen "Defensiv-Zweikampf" also, kommt er auf 57 Prozent (CL: 66) und ist damit etwas besser als sein Nebenmann. Wenn ein Gegenspieler auf ihn zudribbelte, blieb Martinez in zwei Drittel der Fälle Sieger (CL: 75), seine Passquote ist mit 91 Prozent (CL: 95) stark.
Auffällig ist: Wenn Martinez spielt, geht es zur Sache. Er spielt alle 24 Minuten Foul (CL: alle 43), Schweinsteiger langt nur alle 47 (CL: 96) Minuten zu.
Und: Martinez spielt "spanische Schule" - also kaum lange Pässe. In der Bundesliga waren es bei sieben Spielen nur sieben, einer alle 34 Minuten.
Schweinsteiger entscheidet sich alle 13 Minuten für einen langen Ball. Mit 84 Ballkontakten (CL: 71) pro Spiel ist Martinez schon jetzt eine äusserst wichtige Anspielstation, Schweinsteiger kommt hier auf einen Wert von 98 (CL: 73).
"Ein intelligenter Spieler"
"Javi ist ein intelligenter Spieler. Er macht sehr viele Dinge richtig", sagt Schweinsteiger. Innerhalb der Mannschaft ist der teure Neue ohnehin "voll anerkannt", wie Heynckes betont. Er lobt den spanischen Nationalspieler als "sehr offen und bodenständig" und als "wunderbaren Menschen".
Bei den Fans ist die anfängliche Euphorie um den vermeintlichen Supermann jedoch etwas abgeflaut. Beim Training am Mittwoch hielt ihm ein kleiner Junge ein Foto hin, bat um ein Autogramm. Martinez stutzte, blickte den Jungen verständnislos an. "Pizarro?", fragte er - und schlich zurück in die Kabine.
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