BVB feiert galaktischen Sieg ohne Sektdusche
Aus Dortmund berichtet Thorsten Langenbahn
Dortmund - Als um 23.30 Uhr der Real-Bus die Katakomben des Dortmunder Stadions verliess, sass Cristiano Ronaldo ziemlich in der Mitte ganz links am Fenster.
Den Kopf leicht gesenkt, schaute Madrids Superstar aus dem dunklen Businneren hinab auf Sebastian Kehl, in seinem Blick eine Mischung aus Niedergeschlagenheit, Neid und Respekt.
Nur drei Meter entfernt erklärte der BVB-Kapitän in der Freiluft-Mixed-Zone für Spieler und Journalisten gerade im Scheinwerferlicht der SPORT1-Kamera den 2:1-Sieg gegen die Galaktischen.
Kehl: "Die richtige Antwort"
"Die letzten Tage haben sehr wehgetan. Da war es wichtig, die richtige Antwort zu geben", sagte Kapitän Kehl sachlich nach der Entthronung der Königlichen.
Nach der Derbypleite gegen Schalke hatte BVB-Manager Michael Zorc eine Trotzreaktion gefordert - das setzte die Mannschaft eindrucksvoll um.
Mit aggressivem Zweikampfverhalten und starkem Gegenpressing zwangen die Gastgeber die Spanier zu Fehlern und hatte sich den Sensationssieg durch die Treffer von Robert Lewandowski und Marcel Schmelzer nach 90 Minuten verdient.
Özil verschwindet wortlos im Bus
"Wir sind super zufrieden. Genau das ist es, was man sich als Zehnjähriger ausmalt", sagte Nationalverteidiger Mats Hummels über die Erfüllung eines Kindheitstraums.
Sein DFB-Kollege Mesut Özil, seinen Rollkoffer im Schlepptau, verschwand dagegen wortlos im Bus.
Die Stimmung in der BVB-Kabine war trotz des Sieges über den weltgrössten Klub nicht übermütig.
"Wir haben nicht mit Weinflaschen durch die Gegend gespritzt. Wir haben ja nichts gewonnen und verfallen jetzt nicht in Euphorie. Wir sind noch längst nicht weiter", sagte Hummels.
17. Real-Niederlage auf deutschem Boden
Gewonnen haben die Dortmunder zumindest drei Punkte, die den Doublegewinner mit nun sieben Zählern an die Spitze der Gruppe D katapultierten.
Madrids schwache Serie auf deutschem Boden hat dagegen Bestand. Erst einen Sieg trug der erfolgreichste Klub der Welt aus 24 Spielen davon, in Dortmund kassierte Real hierzulande die 17. Niederlage.
"Wenn man sieht, wie Di Maria dribbelt, dann weiss man, dass Real mehr ist als Cristiano Ronaldo", liess Hummels an der Qualität der Unterlegenen aber auch hinterher keine Zweifel aufkommen.
Die BVB-Spieler wissen genau: Die schöne Momentaufnahme kann beim Rückspiel in zwei Wochen in Madrid ganz schnell wieder vergessen sein.
Subotic: "Eine Menge Respekt gewonnen"
Dass der BVB in der Gruppe der Landesmeister mehr als nur mithalten kann, zählte zu den erfreulichsten Erkenntnissen aus BVB-Sicht.
"Wir haben mit diesem Sieg eine Menge Respekt gewonnen und gezeigt, dass das Spiel in Manchester nichts Einmaliges war", betonte Innenverteidiger Neven Subotic.
Die gegen Schalke verletzten Rückkehrer Marcel Schmelzer und Mario Götze verliehen der bewährten 4-2-3-1-Formation mehr Sicherheit und spielerische Qualität.
Läuferisch stark, verschoben die Spieler von Jürgen Klopp immer wieder zum Ballführenden, schafften so Überzahl und liessen die Madrilenen vielfach gar nicht erst zur Entfaltung kommen.
Klopp lobt Engagement
"Wir hatten sie sehr gut im Griff. Natürlich gibt es immer wieder mal brenzlige Situationen, dafür ist es Real Madrid, die wollen die Champions League gewinnen", sagte Kehl zu SPORT1.
Die mannschaftliche Geschlossenheit war der Schlüssel zum Sieg. "Du musst dich mit allem reinwerfen, um Ronaldo und Di Maria auf den Flügeln zu bändigen. Das haben heute alle gemacht", lobte BVB-Trainer Jürgen Klopp.
Einen hob der 45-Jährige besonders hervor: "Was Marcel Schmelzer gespielt hat, war von einem anderen Stern."
Vor den Augen von Bundestrainer Joachim Löw zeigte der Linksverteidiger, dass er auch auf internationalem Top-Niveau mithalten kann
Schmelzers schlaflose königliche Nacht
So abgeklärt die Analyse der BVB-Profis teilweise klang, so gross war aber auch die Freude, vor allem beim hochgelobten Matchwinner.
"Ich bin einfach froh, dass wir heute gegen Real Madrid als Mannschaft drei Punkte geholt haben und auch sehr glücklich darüber, dass ich das Siegtor geschossen habe", sagte Schmelzer.
Der 24-Jährige wusste: "Mit dem Schlafen wird es heute schwierig."
Klopps ganz eigener Motivationstrick
Sein Trainer hatte vor der Partie in der Kabine und auch bei "Sky" eine drastische Marschroute vorgegeben und erklärt, wer sich an so einem Abend defensiv nicht komplett einbringe, "der ist ein Arschloch".
"Ich hätte nicht gedacht, dass er das euch auch gesagt hat", meinte Schmelzer später überrascht. Jedenfalls rannten Grosskreutz und Co. auf dem Platz, was die Lunge hergab.
"Wenn man uns als Mannschaft kennt, der weiss, dass wir laufen wie die Verrückten. Das macht uns stark", meinte Schmelzer.
Mourinho: "Der Dortmunder Sieg ist verdient"
Viel Anerkennung gab es auch von den Verlierern. "Es war sehr spektakulär und umkämpft. Auch wenn wir das Spiel ebenfalls hätten gewinnen können, ist der Dortmunder Sieg verdient", sagte Madrids Startrainer Jose Mourinho.
Der erste BVB-Dreier gegen Real im fünften Aufeinandertreffen zeugt von der Weiterentwicklung und der zunehmenden internationalen Reife der Klopp-Elf.
Zum Geniessen dieses historischen Erfolgs bleibt den Dortmundern jedoch kaum Zeit. "Wir müssen am Samstag gegen Freiburg nachlegen, damit es auch in der Bundesliga wieder nach oben geht", forderte Kehl.
Auch das klingt reif. Da kann einer wie Cristiano Ronaldo schon mal einen Seitenblick riskieren.
SPORT1

