Pragmatische Bayern feiern neues Elfer-Schlitzohr
Aus Lille berichtet Mathias Frohnapfel
Lille - Um in die Rolle des armen Mickael Landreau zu schlüpfen, benötigte man am späten Dienstagabend in Lille nicht viel Phantasie.
Denn auf welch geheimnisvolle Weise Thomas Müller seine Elfmeter verwandelt, das war dem Siegtorschützen nach dem wichtigen 1:0-Erfolg des FC Bayern nicht zu entlocken.
Lilles Torhüter Landreau sprang jedenfalls ins falsche Eck und Schlitzohr Müller feixte danach angesprochen auf sein Elfergeheimnis gegenüber den Reporter:
"Na, das müsst ihr jetzt herausfinden."
Einen ruhenden Ball aus elf Meter ins Tor zu bugsieren, damit hatten die Bayern ja zuletzt mehr Schwierigkeiten als ihnen lieb war.
Bei Arjen Robben und Bastian Schweinsteiger sollte man angesichts des vergeigten Champions-League-Finales nicht allzu hartnäckig nachfragen.
Im Training muss Starke gegen Müller ran
Selbst Torgarant Mario Mandzukic hatte jüngst die Seuche ereilt, als er vom Punkt Nerven zeigte.
Elfmeter-Neuling Müller durfte derweil die Komplimente der Kollegen aufsaugen.
"Er hat das geschickt gemacht", sagte Manuel Neuer im Gespräch mit SPORT1. Und er gab zu, es im Training seinem Vertreter Tom Starke zu überlassen, sich den Elfmetern des gewieften Oberbayern auszusetzen.
"Da wehr ich mich immer", meinte Neuer mit einem Grinsen.
Zur Art, wie Müller den Torwart ausguckt, wollte der Keeper lieber schweigen - Firmengeheimnis sozusagen.
OSC mit harter Ganghart
Müllers Coolness tat den Münchner so gut wie ein unlesbares Gesicht beim Poker, denn aus dem Spiel heraus mühte sich die Kannoniere der Bundesliga (26 Tore in acht Spielen) gegen die robusten Nordfranzosen ohne Ertrag.
Zudem zerstörten zig Fouls der "Doggen" den Kombinationsfluss.
"Wir mussten uns strecken"
"Der Gegner hat sehr ordentlich gespielt", kommentierte Müller.
"Wir mussten uns strecken, wir haben dann das in die Waagschale geworfen, was man in dieser Situation braucht: Kampf und Einsatz."
Der Sieg in Lille bringt die Bayern gleichauf mit Valencia und Borissow, die nun ebenfalls sechs Punkte vorweisen.
Dass die Partie teilweise nicht schön anzuschauen war, sich Bayern deutlich weniger Torchancen als sonst erspielte, störte Müller daher nicht.
Nadelstich gegen Mehmet Scholl
"Wenn man so ein Spiel gewinnt, ist es für einen Fussballer der schönste Sieg", sagte der Nationalspieler, ehe er noch eine Spitze gegen Mehmet Scholl, Trainer des Münchner Regionalliga-Teams und TV-Experte, nachlegte.
"Das war ein Mehmet-Scholl-Sieg", sagte Müller voller Ironie bei "Sky".
Nach Deutschlands 2:1-Erfolg über Österreich hatte Scholl noch gemäkelt, dass sich der 23-Jährige trotz des schwachen Spiels über den Dreier freuen konnte.
Heynckes spricht von "Arbeitssieg"
Auch Jupp Heynckes ordnete den dreifachen Ertrag im "Grand Stade Lille Metropole" sachlich als "Arbeitssieg" ein und gestand:
"Wir haben nicht so gut gespielt, aber die Mannschaft hat gefightet und deshalb verdient gewonnen."
Der Bayern-Trainer sah sich um Mitternacht in seiner Einschätzung bestätigt, als sich Karl-Heinz Rummenigge im Fünf-Sterne-Hotel "Lucien Barriere" das Mikro griff.
"Es waren wichtige Punkte"
Nach dem Beifall der Bayern-Familie und Edelfans für das Team räumte der FCB-Vorstandschef milde ein, dass nunmal kein "Spiel für die Geschichtsbücher" zu erwarten gewesen sei.
"Es waren wichtige Punkte, wir standen durch die Niederlage bei BATE Borissow unter Druck, das hat die Mannschaft gut gemacht", betonte er stattdessen.
"Und man darf auch nicht vergessen, es war das dritte Spiel in einer Woche, da spürt man etwas, dass die Kräfte nachlassen."
Vor allem die Nationalspieler der Münchner waren zuletzt im Dauereinsatz - klar, dass sie sich am Buffet reichlich mit Rinderfilet, Seeteufel-Medaillon und Pasta stärkten.
Lahm: Elfmeter war berechtigt
Für Philipp Lahm lag das stockende Kombinationsspiel auch daran, dass das erlösende 2:0 eben nicht fiel, der knappe Vorsprung musste so abgesichert werden.
Der Bayern-Kapitän hatte den Elfmeter rausgeholt und stellte klar, dass der Pfiff von Schiedsrichter Martin Aktinson berechtigt war.
"Es ist eine klare Torchance, der Abwehrspieler kommt von hinten und hat keine Chance an den Ball zu kommen."
Die Aussichten der Bayern aufs Achtelfinale stimmen angesichts der beiden nächsten Heimspiele gegen Lille und Borissow.
Ribery wohl wieder dabei
Zuerst werden die Münchner die Zeit bis Sonntag und der Partie gegen Leverkusen aber zum Regenerieren brauchen, auch Franck Ribery sollte dann wieder dabei sein.
In Lille musste er zur Pause raus - wegen einer Muskelverhärtung.
Mit Feuereifer und reichlich Fouls hatten ihn die Gegenspieler seines Ex-Jugendklubs bekämpft, Ribery nahm es gelassen hin:
"Die Rückkehr war gut, alles normal, wichtig waren die drei Punkte."
SPORT1

