''Alle sollen sich ein Beispiel an van der Vaart nehmen''
Von Reinhard Franke
München - Horst Hrubesch ist keiner, der seinen alten Klub im milden Licht sieht, wenn es nicht angebracht ist.
Als der HSV im vergangenen Jahr dem Abstieg entgegen taumelte, befand die Stürmerlegende: "Manchmal hat man das Gefühl, da stehen keine richtigen Männer auf dem Platz."
Im Sommer ging er dann schonungslos mit der Klubführung ins Gericht, hielt fest, dass er "keine Philosophie beim HSV" erkenne.
In letzter Zeit hatte der Mann, den sie früher "Kopfballungeheuer" nannten, mehr Freude am Klub, für den er zwischen 1977 und 1983 96 Tore erzielte: Vier von drei Spielen gewann die Elf von Trainer Thorsten Fink.
Doch auch jetzt hebt der 61-jährige Coach der deutschen U 18 mahnend den Finger.
Vor dem Heimspiel des HSV gegen den VfB Stuttgart spricht Hrubesch bei SPORT1 über den Aufwärtstrend bei den Hamburgern, Rafael van der Vaart, Rene Adler - und über den Grund, warum er selbst nie die Hamburger trainierte.
SPORT1: Herr Hrubesch, was sind die Gründe für den Aufschwung beim HSV?
Horst Hrubesch: Man muss die Sache realistisch bewerten. Der Wechsel von Rafael van der Vaart hat sich positiv ausgewirkt. Was auch dazu beigetragen hat, war Rene Adler mit seinen Top-Spielen. Das war schon überragend und hat natürlich geholfen. Wenn alle Spieler diesen Einsatz bringen wie van der Vaart und Adler, dann wird die Geschichte positiv weiter laufen.
SPORT1: Wie wichtig war die Rückholaktion von van der Vaart?
Mit ihm hat man ganz klar einen Hoffnungsträger geholt. Van der Vaart kennt den Verein, der Verein kennt van der Vaart. Dass es wirklich so gut passt, davon konnte man nicht unbedingt ausgehen. Es war einfach ein gelungener Transfer. Alle sollen sich ein Beispiel an van der Vaart nehmen und den Weg gemeinsam gehen. In dieser Liga musst du als Mannschaft bestehen und brauchst eine klare Hierarchie und Identifikation.
SPORT1: So eine Identifikationsfigur scheint auch Rene Adler zu werden...
Absolut. Eine Identifikationsfigur wirst du, wenn du es dir verdienst. Du musst vorne weg laufen und vorbildmässig sein. In der heutigen Zeit kommt das zu kurz. Der HSV hat genug Spieler, die lange genug dabei sind und das vorleben können. Es ist nur eine Phrase, aber sie stimmt doch, wenn man sagt "Gemeinsam sind wir stark". Man muss etwas geschlossen angehen.
SPORT1: Ein Spieler, der durch sein Comeback in der Nationalmannschaft neu motiviert ist, ist Heiko Westermann.
Es wäre traurig, wenn es nicht so wäre. Er ist ein Spieler, der beim HSV Verantwortung übernehmen muss. Wenn er beim HSV wirklich so glücklich ist, wie er sagt, dann muss er das auch leben. Nach ihm muss der dritte, vierte und fünfte Spieler einen Schub bekommen, dann gibt es eine stabile Mannschaft. Dann kann man sich die Ziele neu setzen und nach vorne schauen. Wichtig ist, dass man einen Schritt nach dem anderen geht.
SPORT1: Was stimmt Sie zuversichtlich, dass es anders als in der Vergangenheit auf ein Zwischenhoch nicht der nächste Absturz folgt?
Jetzt muss man auf diese gute Ausgangslage, die man sich zuletzt geschaffen hat, aufbauen. Jeder muss wissen, dass es harte Arbeit sein wird. Fussball musst du arbeiten. Dass wir gute Spieler haben, ist klar, aber nur spielerisch und dabei lustig sein klappt das nicht. Man hat jetzt van der Vaart und Adler, die vorne weg laufen und da müssen sich die anderen dranhängen und das ähnlich machen.
SPORT1: Was war Ihrer Meinung nach der Hauptgrund für die Dauer-Krise beim HSV?
Es wurden viele Sachen gemacht, die sich im Nachhinein nicht ausgezahlt haben. Transfers, der Umbruch mit jungen Leuten - das alles birgt ein Risiko, wenn du keinen klaren Weg gehst. An Mannschaften wie Mainz und Dortmund hat man in den letzten Jahren gesehen, was eine klare Linie ausmacht. Es waren auch viele Trainer da und da muss jetzt endlich Kontinuität rein.
SPORT1: Trainer Thorsten Fink ist jetzt ein Jahr beim HSV. Wie bewerten Sie seine Arbeit?
Das ist ein Gesamtbild, es ist nicht vom Einzelnen abhängig. Ich finde es in Ordnung, dass man an ihm festgehalten hat. Es war auch kein normaler Zustand, als er kam. Ich denke, dass er alles macht und das Beste will, aber letztendlich wird er am Erfolg gemessen. Fink wird der letzte sein, der den Kopf runter nimmt, sondern der vorangehen will. Ich hoffe, dass auch er den Schwung jetzt mitnimmt.
SPORT1: Viele träumen jetzt schon wieder von Europa.
Man kann sich immer noch neue Ziele setzen, wenn es weiter gut läuft. Ich würde davon abraten, zu schnell zu träumen, sondern einfach zu sehen, wo man steht und das zuletzt zu bestätigen und auszubauen.
SPORT1: Was ist gegen den VfB Stuttgart drin?
Man hat jetzt drei Spiele gemacht, die okay waren. Jetzt geht es darum das zu bestätigen. Das, was gestern war, kannst du mitnehmen, aber du musst nach vorne gucken. Die Kunst im Fussball ist Erfolge zu bestätigen. Stuttgart wird ein Spiel sein, wo man das Spiel machen muss, zumal im eigenen Stadion. Das muss von Anfang an eine Einstellung an den Tag gelegt werden und eine Aggressivität, dass jeder sieht, wer das Spiel gewinnen will. Das wird eine Mentalitätsfrage sein, ob man bereit ist für den nächsten Schritt.
SPORT1: Herr Hrubesch, wollten Sie eigentlich nie Trainer bei ihrem HSV werden?
Die Frage kam nie auf. Ich bin jetzt das 13. Jahr beim DFB und wenn das mal konkret an mich herangetreten wäre, dann hätte man darüber reden können. Das war aber nie der Fall. Ich diskutiere aber nur über Dinge, die konkret sind. Hätte, wenn und aber ist alles nur Gelaber. (lacht)
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