''Wusste nicht, dass Tönnies Körpersprachen-Experte ist''
Von Matthias Becker
München - Michael Zorc kennt das Kribbeln - und trotzdem ist es immer noch etwas ganz Besonderes.
Als Spieler und Sportdirektor bei Borussia Dortmund hat Zorc im Revierderby gegen den FC Schalke 04 schon alles erlebt.
Wenn am Samstag das 81. Bundesliga-Duell der Erzrivalen ansteht , wird auch bei der BVB-Legende der Puls wieder in die Höhe schnellen.
Im SPORT1-Interview spricht Zorc über die Zwischenbilanz des Double-Siegers, Sticheleien aus Gelsenkirchen und die Bedeutung eines Derby-Siegs.
SPORT1: Herr Zorc, war in der Länderspielpause nach sieben Spieltagen Zeit, schon eine kleine Zwischenbilanz zu ziehen?
Michael Zorc: Ich persönlich halte von Zwischenbilanzen nicht so viel. Wir haben das Gefühl, dass wir einen ordentlichen Start hingelegt haben, in der Bundesliga durch das ein oder andere Unentschieden und die unnötige Niederlage in Hamburg aber - in Relation zu dem Aufwand, den wir betreiben - einige Punkte zu wenig auf dem Konto haben. Aber wir sind im DFBPokal weiter und stehen auch in der Championsleague mit vier Punkten nicht so schlecht da.
SPORT1: Wenn man nur die Zahlen sieht, steht der BVB sogar besser da als vergangenes Jahr zu diesem Zeitpunkt. Ist es der Fluch der guten Tat, dass die Betrachtung von aussen doch leicht kritisch ist?
Zorc: Wie das von aussen betrachtet wird, ist für uns nicht wirklich wichtig. Man muss auch nicht immer einen Quervergleich zur Vorsaison ziehen, denn dieser wäre nur bedingt tauglich. Wir sind auf einem guten Weg, haben in Spielen, die wir dominiert haben aber auch einige Chancen nicht genutzt, das ein oder andere Gegentor zu viel bekommen und unsere Dominanz nicht in Punkte umgemünzt.
SPORT1: Fällt das vielleicht auch deshalb so auf, weil die Bayern derzeit durch die Liga marschieren?
Zorc: Sie können das gerne kritisch sehen, das ist Ihr Recht als Journalist, aber wir haben da intern unsere eigene Betrachtung. Dass die Bayern momentan sehr gut und erfolgreich Fussball spielen, ist unstrittig. Das war am Anfang der vergangenen Saison übrigens ähnlich.
SPORT1: Spielt der BVB sogar besser Fussball als letzte Saison?
Zorc: Es gibt immer Veränderungen, wenn spielstarke Persönlichkeiten die Mannschaft verlassen. Das war 2011 nach dem Wechsel von Nuri Sahin so, und das ist jetzt nach dem Transfer von Shinji Kagawa auch so, schliesslich waren beide spielprägend. Wir haben diese Abgänge allerdings letztlich immer gut kompensiert und unser Spiel in eine andere Richtung entwickelt. Zum Teil sind wir nun vielleicht sogar variabler geworden. Das kann auch eine neue Stärke sein.
SPORT1: Hätten Sie erwartet, dass Marco Reus sich so problemlos in die Mannschaft einfügen lässt und gleich so überzeugt?
Zorc: Ja, deshalb haben wir ihn verpflichtet. Er war kein Unbekannter, und das, was er jetzt auch bei uns gezeigt hat, macht ihn als Spielerpersönlichkeit aus. Er ist noch nicht am Ende seiner Entwicklung, und wir werden in den nächsten Jahren noch viel Spass mit ihm haben.
SPORT1: Am Samstag steht das Derby an. Täuscht der Eindruck, oder ist die Derby-Atmosphäre zwischen beiden Klubs relativ friedlich?
Zorc: Das ist vielleicht auch der Länderspielpause geschuldet. Aber wir sehen nicht ein, weshalb wir uns im Vorfeld verbal gross beharken sollten. Wir treffen am Samstag um 15.30 Uhr aufeinander - und das reicht, denn das Duell wollen wir gewinnen.
SPORT1: Clemens Tönnies stichelte in dieser Woche, dass Jürgen Klopp es mit "seiner permanenten emotionalen Körpersprache" dem eigenen Team schwer mache. Wie bewerten Sie das?
Zorc: Ich würde es begrüssen, wenn sich Herr Tönnies über seinen Trainer und Schalke 04 äussern würde. Ich wusste übrigens noch gar nicht, dass er auch ein Experte für Körpersprache ist.
SPORT1: Haben Sie auch Respekt für die Arbeit auf Schalke? Das sieht derzeit ja fast aus wie BVB light: Junge, hungrige Spieler, grosser Teamgeist...
Zorc: Ich weiss nicht, ob das BVB light ist. Auf jeden Fall haben die Schalker eine individuell und in der Kompaktheit sehr starke Mannschaft und insgesamt einen sehr starken Kader. Sie stehen nicht zu Unrecht, wie schon im vergangenen Jahr, weit oben und werden dort aus meiner Sicht auch bleiben.
SPORT1: Ist das Derby schon ein Schlüsselspiel für die Saison? Bei einer Niederlage hätte der BVB fünf Punkte Rückstand auf Schalke.
Zorc: Wir wollen grundsätzlich unsere Heimspiele gewinnen, und das natürlich besonders gegen unseren Revier-Rivalen. Für Schlüsselspiele ist es mir am achten Spieltag deutlich zu früh. Das Derby hat seinen eigenen Reiz. Wenn du das gewinnst, gibt das enormen Rückenwind.
SPORT1: Könnte daraus so ein Lauf entstehen wie in der vergangenen Saison?
Zorc: Diese aussergewöhnliche Serie vebunden mit einer nahezu idealen Punkteausbeute ist sehr schwer wiederholbar. Wir sind aber auch damals nicht angetreten und haben gesagt: "So, jetzt starten wir mal einen Lauf!" Wir sind jedes Spiel einzeln angegangen, und so wollen wir das auch dieses Jahr wieder handhaben. Vier Tage später kommt ja schon Real Madrid in den Signal Iduna Park. Wobei es schade ist, dass zwei solche Höhepunkte direkt aufeinander folgen. Aber auf Spielpläne haben wir ja keinen Einfluss.
SPORT1



















