''Würde Löw mehr Lockerheit wünschen''
Von Christian Stüwe
München - Unmittelbar nach Abpfiff wirkte Joachim Löw ratlos.
So richtig konnte der Bundestrainer nicht erklären, warum seine Mannschaft in der Schlussphase gegen Schweden einen Vier-Tore-Vorsprung verspielte.
Am Tag nach dem 4:4 des DFB-Teams in der WM-Qualifikation diskutiert ganz Fussball-Deutschland über den Einbruch in Schlussphase.
"So ein Spiel muss man nach Hause bringen", sagt Thomas Berthold im SPORT1-Interview.
Der frühere Verteidiger trug 62mal das deutsche Trikot und wurde 1990 Weltmeister. Zwischen 1996 und 1998 spielte der 47-Jährige unter dem damaligen Trainer Löw beim VfB Stuttgart.
Im Interview spricht der SPORT1-Kolumnist über Löw, die Probleme des DFB-Teams und Erkenntnisse aus der Partie gegen Schweden.
SPORT1: Die Nationalmannschaft hat in den letzten 30 Minuten gegen Schweden eine 4:0-Führung verspielt. Hätte Bundestrainer Joachim Löw reagieren müssen?
Thomas Berthold: Unabhängig von der Möglichkeit, eingreifen zu können oder zu müssen: So ein Spiel muss man nach Hause bringen. Das steht ausser Frage. Natürlich kann man in einer Phase, wo es 4:3 steht, die verbliebene Wechselmöglichkeit in der 91. oder 92. Minute auch wahrnehmen, um Zeit zu schinden. Das machen alle so.
Warum wurde das nicht gemacht?
Im Nachhinein sind wir alle schlauer. Aber man kann sich natürlich auch die Frage stellen, warum bei den Auswechslungen nicht zwei defensive Spieler ins Spiel gebracht wurden. Um einfach kompakter zu sein, um den Sack zuzumachen. Diese Fragen wurden im Fernsehen nach dem Spiel nicht gestellt, das hat mich auch ein bisschen gewundert.
Muss in einer solchen Schlussphase wie gegen Schweden auch ein Spieler wie Bastian Schweinsteiger mehr zeigen?
Das ist eine sehr gute Frage. Wir haben Spieler wie Bastian Schweinsteiger, Per Mertesacker, Philipp Lahm oder Miroslav Klose mit vielen Länderspielen, mit viel Erfahrung. Da hat es mich schon gewundert, dass in einer Phase, wo es 4:2 steht, nicht mal der eine oder andere gesagt hat: Hey, wir müssen jetzt wieder kompakt werden! Wir wollen das Ding nach Hause fahren! Und dann kam da so eine Dynamik rein, es lief völlig in die falsche Richtung. Und es hat sich keiner so richtig dagegen gewehrt.
Sehen Sie die Probleme hauptsächlich in der Defensive?
Wenn man 4:0 führt, muss man auch nach vorne spielen, den Ball halten. Die Bälle kamen viel zu schnell zurück in der letzten halben Stunde. Da wurde kaum noch ein Ball verteidigt. Wenn man vorne einen Ball verliert, muss man offensiv attackieren. Das ist es zu einfach zu sagen: "Die Abwehrspieler, die Abwehrspieler." Es ist ein Prozess von mehreren Umständen, die zum Tor führen. Es ist ja nicht so, dass nur einer hinten steht, der wird ausgespielt und dann kriegt man ein Tor.
Schon vor dem Spiel gab es Kritik an der Nationalelf. Denken Sie, die Position von Löw ist geschwächt?
Das glaube ich nicht. Wir werden uns als Gruppenerster für die Weltmeisterschaft in Brasilien qualifizieren. Allerdings meine ich, dass das Ausscheiden im Halbfinale gegen Italien bei der Europameisterschaft Spuren hinterlassen hat. Ich glaube vielleicht, dass er sich ein bisschen verletzt fühlt. Auch aufgrund der Kritiken, die teilweise ein bisschen unter die Gürtellinie gingen. Auf der anderen Seite muss man sich in einem so exponierten Job wie dem des Bundestrainers diesen Themen stellen.
Was muss Löw anders machen?
Wir wünschen ihm und der Mannschaft ja alle nur das Beste. Ich würde ihm wünschen, dass er einfach ein bisschen mehr Lockerheit mitbringt. Der eine oder andere, der auch mal Fussball gespielt und vielleicht auch etwas gewonnen hat, gibt mal einen Hinweis oder eine Anregung. Vielleicht sollte man diesen Dingen offener entgegen treten. Um vielleicht auch etwas aufzunehmen, was ihm oder der Mannschaft in Zukunft helfen kann.
Haben Sie gegen Schweden Fehler gesehen, die auch zuvor schon aufgefallen sind?
Das gehört einfach zu dem Lernprozess dazu. Bei jedem Spiel nimmt man positive und negative Aspekte mit. Man muss erkennen, wo man sich verbessern kann. Jede Mannschaft kann sich noch verbessern, jeder Spieler kann sich noch verbessern. Es gibt ja keine perfekte Mannschaft. Vielleicht ist es gut, dass es jetzt relativ früh auf dem Weg nach Brasilien passiert ist. Dass man, wenn Gegenwind kommt, wenn man mal ein Gegentor bekommt und in Rückstand gerät, als Mannschaften solche Situationen bewältigen muss.
Was muss Löw nun in den kommenden Monaten tun?
Spannend zu sehen wird sein, wie sich die Mannshaft entwickelt, wenn sie mal Gegenwind bekommt, wenn es gegen einen Gegner geht, der körperlich dagegenhält. Welche Reizpunkte wird Löw setzen, damit die Mannschaft in Zukunft in solchen Situation anders reagiert? Das 4:4 gegen Schweden muss der Mannschaft eine Lehre sein.
SPORT1











