Schlaflose Nacht und böses Erwachen
Vom DFB-Team berichtet Thorsten Mesch
Berlin - Joachim Löw sah ausgelaugt und müde aus.
Ob er glaube, dass er schlecht schlafen werde, wurde der Bundestrainer nach dem 4:4 (3:0) im WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden gefragt .
"Ich denke schon, davon gehe ich mal aus", antwortete Löw.
Ob er im noblen Schlosshotel im Berliner Grunewald eine erholsame Nacht verbracht hat, ist noch nicht geklärt.
Schweden-Coach hat Mitleid
Doch die Leistung seiner Mannschaft, die in der letzten halben Stunde einen 4:0-Vorsprung verspielte und dabei im Kollektiv versagte, dürfte ihm noch manche schlaflose Nacht bescheren .
"Das muss ganz schrecklich für Joachim Löw gewesen sein. Er tut mir leid", meinte Schwedens Coach Erik Hamren, für den die Rücktrittsforderungen bis zum ersten Tor seines Teams in der 62. Spielminute schon auf der Pressetribüne vorbereitet waren .
"Löw bekommt jetzt die Kritik, die ansonsten ich empfangen hätte", meinte Hamren sichtlich erleichtert.
Löw wirkte hingegen bedrückt und hilflos, wie schon zuvor auf seiner Bank.
"So eine Situation noch nicht erlebt"
In der Rangliste der schlimmsten Spiele seiner etwas mehr als sechsjährigen Dienstzeit als Cheftrainer der Nationalmannschaft dürfte das 4:4 einen Platz gleich hinter dem 1:2 im EM-Halbfinale gegen Italien einnehmen.
"Wir alle haben so eine Situation noch nicht erlebt", meinte der 52-Jährige .
"Wir haben 60 Minuten überragend gespielt, was die Kombinationen, den Abschluss, die Ordnung, die Disziplin betraf. In den letzten 30 Minuten haben wir dann unheimlich viel falsch gemacht", erklärte Löw.
Defensivkonzept lahmt
Auch er selbst hat viel falsch gemacht. Am Dienstagabend während des Spiels, in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten.
Er hat es nicht geschafft, mit seiner Mannschaft ein funktionierendes Defensivkonzept zu entwickeln .
Offensive gewinnt Spiele, Defensive gewinnt Titel. Während der EM musste das DFB-Team diese alte Weisheit am eigenen Leib erfahren, als sie wegen ihrer Schwächen in der Abwehr an Italien scheiterte.
Mit Spanien gewann die Mannschaft die letzten drei grossen Turniere, die über eine perfekte Balance zwischen Angriff und Abwehr verfügt.
Balance? Ein Trugschluss
In der DFB-Auswahl stimmte diese Balance schon in der vergangenen EM-Qualifikation nicht.
Zehn Siege in zehn Spielen kaschierten diese Schwäche - bis die Italiener sie schonungslos aufdeckten.
Nach dem 6:1 gegen Irland sah es zumindest ein wenig so aus, als sei Löw mit seiner Mannschaft auf einem guten Weg, Themen wie die Wackel-Abwehr, verwöhnte Spieler, die zu wenig Druck vom Trainer bekommen, oder die Führungsspieler-Debatte vergessen zu lassen.
Doch das Schweden-Spiel hat gezeigt, dass dies ein Trugschluss war .
Löw: Zu wenig Selbstkritik
Löw betonte zwar, man könne und müsse aus dem 4:4 "wahnsinnig viel lernen", doch bleibt abzuwarten, ob dies auch tatsächlich geschieht.
Denn häufig erweckte der Bundestrainer in der jüngeren Vergangenheit den Eindruck der Beratungsresistenz und Dünnhäutigkeit .
Anstatt nach dem EM-Aus auch eigene Fehler einzugestehen, holte er vor dem ersten Spiel nach der EM, dem 1:3 gegen Argentinien, zur grossen Medienschelte aus.
Sicher gab es viele unsachliche Kritiken an ihm und seiner Mannschaft, doch über fachliche Aspekte wollte Löw gar nicht diskutieren.
Zu viel herumgemäkelt
Als nach dem glücklichen 2:1 in Österreich wieder Kritik aufkam, hiess es aus dem Trainer- und Mannschaftskreis sinngemäss, es würde zu viel herumgemäkelt.
Penibel wurde auf die Stimmung in der Mannschaft und ihrem Umfeld geachtet, kritische Worte von aussen wurden nicht gern gehört.
Schmelzer-Kritik bringt neue Unruhe
Als sich die Wogen geglättet zu haben schienen, sorgte Löw mit seiner öffentlichen Kritik an Marcel Schmelzer selbst für den nächsten Aufreger. Auch wenn er sich später dafür entschuldigte: Dies zeigt, wie angespannt Löw war.
Jetzt muss er sich die Frage gefallen lassen, warum er seine Spieler nach den ersten beiden Gegentoren nicht taktisch anders einstellte, warum er sein Team nicht mehr erreichte und warum er in der Nachspielzeit nicht noch einen Verteidiger einwechselte.
Richtige Schlüsse ziehen
"Ich denke nicht, dass da was hängenbleibt", sagte Löw auf die Frage, ob das 4:4 negative Auswirkungen auf sein Team haben werde.
Wichtig, und da sind sich alle einig, wird es jedoch sein, die richtigen Schlüsse zu ziehen - und diese auch in Taten umzusetzen.
Bierhoff: "Nicht zur Tagesordnung übergehen"
Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff forderte eine knallharte Aufarbeitung der Geschehnisse.
"Wichtig ist, den Finger in die Wunde zu legen. Wir dürfen jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen", betonte Bierhoff .
Man müsse "klar die Fehler ansprechen, in der Hoffnung, dass die Dinge nach wiederholter Anweisung in die Köpfe reingehen und dass es dann klick macht".
Bleibt zu hoffen, dass dies für alle Beteiligten gilt. Sonst könnte im schlimmsten Fall die Qualifikation für die WM 2014 verpasst werden.
Neue Impulse gegen Holland?
Bis Brasilien gehen Löws Planungen, in Südamerika mit einem Titel abzutreten, wäre sein Traum. Die letzten 30 Minuten gegen Schweden waren eher ein Albtraum.
Am 14. November tritt das DFB-Team zum letzten Spiel des Jahres in den Niederlanden an.
Löw muss sich etwas einfallen lassen. Sonst könnte es ein böses Erwachen geben.
SPORT1

