Keine Balance, keine Cleverness, keine Führung
Vom DFB-Team berichtet Thorsten Mesch
Berlin - Es war diese eine Frage, auf die alle eine Antwort suchten: Wie konnte das nur passieren? Und warum?
Bundestrainer Joachim Löw, Teammanager Oliver Bierhoff und die Spieler, die zuvor im WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden eine überlegen herausgespielt und hochverdiente 4:0-Führung noch leichtfertig aus den Händen gegeben hatten.
Während Löw nach dem 4:3 (3.0) rat- und fassungslos wirkte, die Spieler zwar Fehler erkannten, aber nicht so recht wussten, warum sie diese nicht hatten abstellen können, erkannte Bierhoff Parallelen zu einer anderen Partie .
"Die Fehler, die wir heute am Ende gemacht, haben wir schon gegen Österreich gemacht", sagte Bierhoff .
Wie beim glücklichen 2:1-Sieg im September "haben wir ständig Rückpässe zu Manuel Neuer gespielt, der die Bälle nach vorne schlägt."
Statt die Partie zu beruhigen, brachte die DFB-Elf die nach dem 4:0 durch Mesut Özil in der 56. Minute kurz vor der Kapitulation stehenden Schweden durch hektische Aktionen und Fehler in der Rückwärtsbewegung wieder ins Spiel und hatte am Ende sogar Glück, dass sie die Partie nicht verlor.
SPORT1 nennt die Schwächen der deutschen Mannschaft:
Fehlende Balance:
Vorne hui, hinten pfui - leider nichts Neues im DFB-Team. Im Spiel nach vorn phasenweise absolute Weltklasse bei der Kombination zum 2:0 durch Klose (15.), dann aber in der Rückwärtsbewegung und in der Abwehr nur noch Kreisklasse, wie beim 4:2 in der 62. Minute.
"Nach zwei Toren ist alles zusammengebrochen, das darf einer Spitzenmannschaft nicht passieren", sagte Philipp Lahm.
"Anscheinend haben wir es nach dem 4:0 abgehakt, das ist es normal ja auch. Aber wir haben unkonzentriert gespielt, Fehler gemacht, waren nicht mehr in der Ordnung, dann kassiert man gegen Schweden auf einmal vier Tore", kritisierte der Kapitän.
Fehlende Kompromisslosigkeit:
Kompromisslos alles weggrätschen, mal einen Befreiungsschlag auf die Tribüne knallen, beides war nicht zu sehen und gehört auch nicht zu den Mitteln, derer sich die DFB-Elf gerne bedient .
"Wir müssen uns auch einfach mal hinten rein stellen", klagte Per Mertesacker, ergänzte aber: "Wir können das nicht, dieses Reinstellen da hinten, wir wollen das auch vielleicht nicht."
Fehlende Cleverness:
Bezeichnend war eine Szene in der Nachspielzeit: Freistoss in der Hälfte des Gegners, und innerhalb von Sekunden war der Ball bei Neuer, der ihn den Schweden servierte. Kurz darauf fiel das 4:4 .
"Da spielen wir zwei Pässe, und der Ball ist beim Torwart, anstatt dass wir zur Eckfahne laufen", schimpfte Löw.
Fehlende Konzentration:
Innenverteidiger Holger Badstuber sah bei drei von vier Gegentreffern schlecht aus.
Nach einer guten ersten Halbzeit liess der Münchner nach der Pause stark nach.
Vor dem 4:1 verlor er Schwedens Superstar Zlatan Ibrahimovic aus den Augen, beim 4:2 unterlief er eine Flanke und beim 4:3 stand er neben Johan Elmander, als der den Ball durch seine Beine ins Tor spitzelte.
"Es muss einfach wieder diese letzte Konzentration in den Köpfen der Spieler sein", hatte Lahm nach dem 6:1 gegen Irland gefordert. Seine Worte sind wirkungslos verpufft .
Fehlende Konstanz:
Aber nicht nur Badstuber und seine Abwehrkollegen bauten dramatisch ab, auch im Mittelfeld liessen einige stark nach, wie Marco Reus, der das 1:0 und 2:0 vorbereitete, im zweiten Durchgang aber nur noch durch seine Gelbe Karte auffiel.
Er ist für das nächste Qualifikationsspiel im März gegen Kasachstan gesperrt.
"Es war nicht die Schuld von einzelnen Spielern, man kann das auch nicht an individuellen Fehler festmachen", beschwichtigte Löw:
"Im gesamten Kollektiv ist nicht mehr konsequent gearbeitet worden. Wir haben im Mittelfeld die Bälle verloren, wir haben nicht mehr die Ordnung herstellen können."
Fehlende Ruhe:
Es gab keinen Spieler, der spätestens nach dem zweiten Gegentor ein Signal setzte, auf den Ball trat und so seinen Teamkollegen etwas Zeit zum Durchatmen und zur Orientierung verschaffte.
Auch der so erfahrene Bastian Schweinsteiger füllte diese Rolle trotz aller Bemühungen nicht aus.
"Normal müssten wir in der Lage sein, nach dem 4:1 oder 4:2 wieder mehr Sicherheit ins Spiel zu kriegen, aber heute haben wir es nicht hinbekommen", sagte Toni Kroos.
Der Mittelfeldmann vom FC Bayern erfüllte seine offensive Rolle tadellos, war an zahlreichen schönen Aktionen beteiligt. In der Defensive war er seinen Mitspielern jedoch keine grosse Hilfe.
Fehlende Spieler:
Für mehr Robustheit, Stabilität und Struktur hätte vielleicht Sami Khedira sorgen können. Der Profi von Real Madrid fehlte wegen muskulärer Probleme im Oberschenkel.
So war das für die Stabilität enorm wichtige defensive Mittelfeld absolut unterbesetzt, denn auch Lars Bender fehlte verletzt, sein Bruder und dessen Dortmunder Vereinskollege Ilkay Gündogan standen ebenfalls nicht zur Verfügung.
So war Linksverteidiger Marcel Schmelzer, der wegen einer Fussverletzung kurz vor dem Spiel passen musste, am Ende einer der Gewinner - weil er eben nicht gespielt hatte.
Fehlende Führung:
Auf dem Platz füllte Schweinsteiger in der Phase, als Not am Mann, war, seine Chefrolle ebenso wenig aus wie Lahm, und von der Bank aus kamen auch keine Impulse .
Löw wirkte rat- und hilflos, als das Unheil über seine Mannschaft hereinbrach.
Nach dem zweiten Gegentor wechselte er Mario Götze für Thomas Müller ein, aber der Dortmunder blieb wirkungslos und ging mit dem Rest des Teams unter.
Den stark abbauenden Reus wechselte Löw erst in der 88. Minute aus und brachte Lukas Podolski, was zumindest nachvollziehbar war.
Warum Löw aber nach der Ankündigung von drei Minuten Nachspielzeit nicht noch einmal tauschte, um mit Benedikt Höwedes oder Heiko Westermann die Defensive zu stärken und wertvolle Sekunden verstreichen zu lassen, ist vollkommen unverständlich. In der 93. Minute fiel das 4:4.
SPORT1

