Von Weltklasse zu Kreisklasse in 30 Minuten
Vom DFB-Team berichten Thorsten Mesch und Andreas Ziepa
Berlin - Joachim Löw war fassungslos. Zu tief sass das Entsetzen über das kurz zuvor Erlebte.
"Ich befinde mich in Schockstarre", sagte der Bundestrainer nach dem 4:4 (3:0) gegen Schweden .
Zum ersten Mal in der 104-jährigen Länderspielgeschichte hatte eine deutsche Nationalmannschaft einen Vier-Tore-Vorsprung verspielt .
Bis zur 62. Minute stand es 4:0, das DFB-Team spielte die Schweden schwindelig und sah wie der sichere Sieger aus. Doch dann brach Löws Mannschaft in sich zusammen.
"Das habe ich nicht erwartet"
Über 60 Minuten habe sein Team "hervorragend" gespielt und den "Gegner im Griff gehabt", fand Löw.
"Dass wir uns so aus dem Rhythmus bringen lassen, habe ich nicht erwartet", meinte der angeschlagen wirkende Trainer und erklärte, warum er es nicht geschafft hatte, seine Mannschaft wieder in die Spur zu führen.
"Wenn das Spiel mal in so eine Phase gerät, ist es schwierig, von aussen richtig Einfluss zu haben", meinte Löw.
Kein dritter Wechsel
"Ich habe versucht, einzelne Spieler nochmals daran zu erinnern, wie sie in ihre Positionen gehen sollen und konsequent arbeiten. Das Spiel ist irgendwie aus dem Ufer gelaufen und war nicht mehr zu korrigieren."
Warum er in der Nachspielzeit auf einen dritten Wechsel verzichtete, verriet Löw derweil nicht .
Vielmehr kritisierte er das Verhalten seiner Mannschaft beim Freistoss in der Nachspielzeit, der schliesslich um 4:4 führte. Zu einer tiefer gehenden Analyse war er jedoch nicht in der Lage.
Schweini klagt über Konzentrationsmängel
Für Bastian Schweinsteiger war der desaströse Schlussakt vor allem Kopfsache.
"Wir haben nach dem 4:0 in den letzten 30 Minuten nicht konzentriert weitergespielt. Das darf nicht passieren", sagte der Bayern-Profi:
"Egal ob man 4:0 oder 6:0 führt, man muss konzentriert weiterspielen. Das haben wir nicht gemacht."
Sein Mittelfeldpartner Toni Kroos meinte offen: "Wir haben 60 Minuten fantastisch gespielt. Dann hat jeder einen, eher zwei Schritte weniger gemacht. Das wird nicht immer so bestraft, aber heute haben wir erlebt, wohin es führen kann."
"Nicht geschafft, den Schalter umzulegen"
Normalerweise müssen die Mannschaft "in der Lage sein, nach dem 4:1 oder 4:2 wieder mehr Sicherheit ins Spiel zu kriegen, aber heute haben wir es nicht hinbekommen. Wir haben es nicht geschafft, den Schalter wieder umzulegen", erklärte Kroos .
"Wenn man 4:0 führt und es geht 4:4 aus, dann ist was schief gelaufen", gestand auch Kapitän Philipp Lahm offen ein:
"Nach zwei Toren ist alles zusammengebrochen, das darf einer Spitzenmannschaft nicht passieren."
Mangelnde Cleverness und gravierende Fehler
Es passierte aber. Die deutsche Mannschaft liess Cleverness und Kaltschnäuzigkeit vermissen und machte den Gegner durch gravierende Fehler im Defensivverhalten stark.
"In der ersten Halbzeit hat Deutschland extrem gut gespielt", sagte Schwedens Superstar Zlatan Ibrahimovic, der in der 62. Minute den ersten Treffer für die Skandinavier erzielte, nachdem Deutschland durch zwei Tore von Miroslav Klose und je eins durch Per Mertesacker und Meut Özil scheinbar uneinholbar vorne lag.
"Wir hatten ein bisschen zu viel Respekt und waren nicht aggressiv genug. Nach dem 4:1 haben wir angefangen zu glauben, dass wir aufholen können", ergänzte der Torjäger.
"Es ist alles möglich im Fussball"
Plötzlich schwamm die deutsche Defensive bei fast jedem gegnerischen Angriff und musste fast zwangsläufig die weiteren Gegentreffer bis zum Last-Minute-Ausgleich hinnehmen.
"Es ist alles möglich im Fussball. Selbst, dass ich mal ein Tor schiesse und auch, dass Schweden nach 0:4 zurückkommt und ein Unentschieden schafft", sagte Mertesacker und ergänzte:
"Es reicht nicht mehr, wenn jeder ein bisschen weniger macht."
Das seien "wichtige Lehren, die wir vielleicht auch mal brauchen in der Phase vor einem wichtigen Turnier".
"Müssen den Finger in die Wunde legen"
Dabei hatte es nach dem 6:1 gegen Irland noch so ausgesehen, als habe das DFB-Team den EM-Frust endgültig abgehakt.
Doch gegen Schweden standen die Schwächen dermassen krass im Gegensatz zur starken ersten Stunde, dass eine schonungslose Aufarbeitung unumgänglich ist.
"Wichtig ist, den Finger in die Wunde zu legen. Wir dürfen jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen", betonte Teammanager Oliver Bierhoff .
"Natürlich muss man das analysieren und darüber sprechen", meinte auch Löw, dessen Team nach vier Spielen in der WM-Qualifikation die Gruppe C mit zehn Punkten vor Schweden (7) anführt.
"Wenn wir konzentriert sind, können wir auf unglaublich hohem Niveau spielen. Aber nur dann. Wenn wir nachlassen, passieren eben solche Dinge. Es soll uns eine Lehre für alle Zeiten sein."
SPORT1

