Jürgen Klopps neue technische Wunderwaffe
Aus Dortmund berichtet Thorsten Langenbahn
Dortmund - Die Eingebung kam in der Halbzeitpause: Beim Champions-League-Finale 2005 zwischen dem AC Mailand und FC Liverpool zeichnete Christian Güttler den ersten Entwurf einer Ballmaschine für Fussballer auf ein Blatt Papier.
Während er in seiner Berliner Wohnung vor dem Fernseher sass, startete Liverpool in Istanbul nach einem 0:3-Pausenrückstand eine irre Aufholjagd und siegte am Ende mit 6:5 nach Elfmeterschiessen.
Warum die Idee ausgerechnet bei diesem Spiel kam? "Das war reiner Zufall", sagt der Berliner gut sieben Jahre später.
Die scheinbar verrückte Idee des damaligen Cutters nahm im Laufe der Jahre immer mehr Gestalt an. Bei Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp stiess er damit gleich auf offene Ohren.
Wie in der Soccer-Halle - nur ohne Pommesgeruch
Seit dieser Saison ist der Deutsche Meister als erster und bislang einziger Klub weltweit stolzer Besitzer eines sogenannten Footbonauten, einer Trainingsmaschine für Fussballer.
Es ist Klopps neue Wunderwaffe, deren Wirkung weit über das anstehende Derby gegen Schalke hinausgehen soll: "Im Jugendbereich wird das auf Jahre hinaus extreme Effekte für den jeweiligen Spieler haben", so der BVB-Cheftrainer.
Von aussen ist der Footbonaut ein holzverkleideter Kubus, der sich von den Funktionsbauten auf dem Trainingsgelände in Dortmund-Brackel im Nordwesten der Ruhrgebietsmetropole nicht grossartig unterscheidet.
Im Innern des 4000 Quadratmeter grossen Gebäudes herrscht Soccer-Hallen-Atmosphäre - nur ohne Bumm-bumm-Musik und Pommesgeruch.
Fangnetze umgeben ein 14 mal 14 Meter grosses Kunstrasenstück, eingefasst von 72 rechteckigen Feldern aus Leuchtschranken.
Wie in einer Raumschiff-Simulation
Mustafa Amini, australisches Talent des Double-Gewinners, steht erwartungsvoll im Kreis in der Mitte. "Wuuuuusch", ertönt aus den Boxen ein Geräusch wie beim Start einer riesigen Raumschiff-Simulation.
Nach einem kurzen Piepton fliegt der erste Ball aus einer der acht Wufmaschinen auf den 19-Jährigen zu.
Konzentriert nimmt er den Ball an, wieder ertönt ein akustisches Signal, der Rahmen des Feldes unten rechts leuchtet auf, Amini dreht sich und passt den Ball so schnell er kann ins Viereck.
Kaum hat er ihn versenkt, kommt aus einer anderen Richtung mit 45 km/h schon die nächste Kugel auf ihn zugeschossen.
Mischung aus Senso und Wii
Amini, 1,75 Meter gross, 73 Kilogramm schwer und kräftig gebaut, rinnt nach knapp fünf Minuten unter Dauerbeschuss der Schweiss unter seiner roten Pumuckel-Mähne hervor.
Güttler lächelt. "Schneller und präziser zu spielen - das ist, was uns interessiert", sagt der Erfinder über das Ziel seiner neuartigen Trainingsmaschine.
Das Gerät erscheint wie eine Mischung aus dem 80er-Jahre Tastenspiel Senso von MB, einer futuristischen Computer-Simulation und der interaktiven Videospiel-Konsole Wii.
Für BVB-Trainer Jürgen Klopp ist es einfach "das beste Fussballtrainingsgerät, das ich jemals gesehen habe".
"Ballmaschine beim Tennis kostet weniger"
Rund eine Million Euro soll den Champions-League-Teilnehmer die Maschine gekostet haben.
"Klar ist das nicht supergünstig. Eine Ballmaschine beim Tennis kostet weniger", sagt Klopp in seiner nonchalanten Art. "Aber da ist jeder Euro perfekt investiert", so der 45-Jährige voller Überzeugung.
Das glaubt auch Amini. "Das ist so, als würden zehn Mitspieler um dich herum postiert. Nur zu dem Zweck, dich mit Bällen zu versorgen", sagt er noch ausser Atem.
Die Intensität ist enorm, wenn den Akteuren der Bundesliga-Einheitsball "Torfabrik" in hoher Frequenz um die Füsse fliegt. Geschwindigkeiten bis zu 120 km/h können individuell eingestellt werden.
Steuerung übers Smartphone
1500 Sensoren sorgen für einen Ablauf ohne Zeitverzögerung. Jeder Ball aus verschiedensten Winkeln ist denkbar, von oben und unten, mit und ohne Effet - nichts ist unmöglich.
Theoretisch können die Bälle auch in Flugkopfballhöhe serviert werden. Das Kopfballpendel 2.0 hängt an einem zentralen Rechner, ist aber auch über Smartphones und Tablets steuerbar.
"Als ich das erste Mal hier drin war, lief es noch nicht so gut, aber es wird besser und besser", sagt Amini.
Unmittelbar nach der Trainingssession präsentiert Sven Mislintat, Chefscout von Borussia Dortmund, die Ergebnisse des Mittelfeldspielers auf dem i-Pad.
Erfahrungswerte gibt es noch nicht
Die Diagramme weisen die Trefferquote, Geschwindigkeit und Herzfrequenz aus. Erfahrungswerte, wie sich das Training im Footbonauten auf das Spiel auswirkt, gibt es noch nicht. Das Zukunftsprojekt in Brackel ist für alle ein Testballon - oder besser gesagt: Testkubus.
"Wir sind überzeugt davon, dass der Footbonaut mindestens die Technik verbessert, aber auch die Handlungsschnelligkeit erhöht und die Wahrnehmung schult", sagt Mislintat.
Der logische Gedanke: Wer im Footbonaut schneller und sicherer passt, kann das auch im Spiel besser umsetzen.
"Schneller werde ich, wenn ich Sachen unterbewusst tue. Das kann ich nur bei einer hohen Repititionsrate", erklärt Güttler.
Profis wollen gar nicht mehr raus
Durch hohe Wiederholungsraten im Training würden auch beim Tennis oder Golf Fortschritte erzielt, so der 42-Jährige.
Weil die Spielsituationen im Teamsport Fussball aber noch vielschichtiger sind, kommt im Footbonauten auch der Zufall ins Spiel.
"Das Gerät kreiert für den Spieler zufällige Situationen. Das kann es theoretisch 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche tun", sagt Güttler.
Für die Profis ist eine Einheit im Footbonauten wie ein Sonderspiel beim Flippern. Die Spieler reinzubekommen, ist nicht das Problem. "Schwieriger ist es, sie wieder rauszukriegen", weiss Mislintat.
Bis zu 200 Ballkontakte in 20 Minuten
Drei bis vier Zyklen dauern rund 20 Minuten, in denen bis zu 200 Bälle verarbeitet werden - etwa das dreifache der Ballkontakte während eines 90-minütigen Spiels.
Das Brennen in den Oberschenkeln erinnert die Akteure schon nach kurzer Zeit daran, wie real es in dem futuristischen anmutenden Objekt zugeht.
Von der Jugend bis zu den Profis, auch im Rehabereich soll die Maschine als Trainingsvariation zum Einsatz kommen.
"Die technische Ausbildung wird damit auf eine ganz andere Basis gestellt", sagt Klopp.
Einblick für andere Vereine tabu
Ob sich auch schon andere Vereine gemeldet haben, die Klopps neue Wunderwaffe sehen wollten? "Ja", sagt Mislintat und lächelt.
Und, haben Sie die auch reingelassen? "Nein", sagt der Chefscout nur knapp, ehe sein Lächeln zu einem breiten Grinsen wird.
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