''Vielleicht brauchen wir einen wie Effenberg''
Von Reinhard Franke
München - 54 Tore schoss Hansi Müller zwischen 1976 und 1982 für den VfB Stuttgart.
Später spielte er für Inter Mailand, Calcio Como und Swarovski Tirol, der VfB aber war für Müller immer eine Herzensangelegenheit. Heute ist er den Schwaben als Mitglied des Aufsichtsrates verbunden.
Der Europameister von 1980 hat bessere Zeiten gesehen, aktuell liegt sein Team als 15. in der Abstiegszone.
Müller fordert nun zwar "nicht den Kopf zu verlieren" - ist aber der Meinung, dass die VfB-Spieler womöglich etwas zu brav sind.
Im SPORT1-Interview spricht Müller ausserdem über die Wutrede von Trainer Bruno Labbadia und darüber, wie ihn private Schicksalsschläge verändert haben.
SPORT1: Herr Müller, der VfB Stuttgart steht auf dem 15. Tabellenplatz, einen Punkt vor einem Abstiegsrang. Können Sie noch ruhig schlafen?
Hansi Müller: Klar, wir wissen doch, dass der derzeitige Tabellenplatz nicht der Anspruch des VfB ist, aber die Mannschaft, die jetzt auf dem Platz steht, hat im Frühjahr super Leistungen gebracht, hat acht Mal einen Rückstand aufgeholt und hat gezeigt, dass in ihr Potenzial steckt. Das Gesicht ist nahezu das gleiche und deshalb dürfen sie jetzt nach sieben Spielen nicht an sich zweifeln. Bruno Labbadia geht unbeirrt seinen Weg und macht seine Arbeit, jetzt hat er mal einen rausgelassen und es wird sich schnell wieder auf das Wesentliche konzentriert.
SPORT1: Sie sprechen es an. War Labbadias Wutrede nach dem Leverkusen-Spiel sinnvoll?
Ab und an müssen die Dinge auch raus, die einen stören. Jetzt spielt wieder das sportliche Abschneiden eine zentrale Rolle.
SPORT1: Bruno Labbadia steht im Ruf, dass er sich nach einer gewissen Zeit abnutzt. Sehen Sie die Gefahr nun wieder?
Das hat er doch schon widerlegt. Er hat den Umschwung mit der Truppe geschafft. Bruno hat die Mannschaft vor anderthalb Jahren zum Leben erweckt, sie war zur Halbserie mit 12 Punkten am Boden. Er hat sie dann in die Europa League geführt. Nach dieser Wutrede - er hat eben auch italienisches Blut in sich (lacht) - jetzt den Stab über Bruno zu brechen, halte ich für völlig falsch. Man darf jetzt nicht den Kopf verlieren.
SPORT1: Was läuft konkret falsch?
Wir bräuchten vielleicht auch mal einen auf dem Platz, der den Mut hat sich unbeliebt zu machen wie einen Stefan Effenberg oder zu meiner Zeit einen Paul Breitner, der die anderen anstachelt und dann ist drin. Zu sagen 'wir waren stets bemüht', das ist einfach zu wenig.
SPORT1: Fehlt so einer schon seit Jahren beim VfB?
Schwer zu sagen. Ein Georg Niedermeier könnte diese Position zum Beispiel einnehmen, aber er ist momentan nicht gesetzt. Es könnte ebenso ein Mittelfeldspieler sein wie William Kvist, der unumstritten ist, aber etwas zu ruhig agiert.
SPORT1: Hauen Sie als Aufsichtsratsmitglied mal dazwischen?
Das ist nicht meine Aufgabe. Ich bin auch noch im Sportbeirat und da gibt es turnusmässig Sitzungen, wo man gewisse Dinge bespricht. Ich würde nie zum Training gehen und Ratschläge verteilen. Zu meinen Aufgaben gehört aber auch, dass wir miteinander sprechen, wenn mir etwas auffällt. Aber ansonsten halte ich mich völlig zurück, weil das operative Geschäft Fredi Bobic (VfB-Sportdirektor, Anm. d. Red.) und Bruno Labbadia machen. Ich kann nur Einschätzungen abgeben.
SPORT1: Sie waren vor 12 Jahren unter Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder im Vorstand (für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit) des VfB. Hat es Sie nie gereizt nochmal aktiv ein Amt zu bekleiden?
Diese Zeit war nicht einfach, weil ich unter dem Präsidenten Mayer-Vorfelder zunächst Spieler war und dann mit einmal Vorstandskollege. Ich habe damals gelernt, was das operative Geschäft bedeutet. Ich habe jetzt nicht mehr die Zeit dafür, weil ich privat und familiär zu viele Verpflichtungen habe. Ich habe einen dreijährigen Sohn und zwei grosse Kinder, die studieren, meine Frau ist vor sieben Jahren gestorben, meine Mutter ist auch nicht mehr da und mein Papa ist im Pflegeheim. Auch engagiere ich mich für soziale Zwecke. Ich habe einfach das Bedürfnis das, was mir der Fussball gegeben hat, zurück zu geben, indem ich mich sozial engagiere.
SPORT1: Wie sehr haben Sie Ihre privaten Schicksalsschläge verändert?
Es war sehr hart, aber entweder so was drückt dich zu Boden oder du sagst ich bin dankbar für das, was ich gehabt habe. Es ist nicht selbstverständlich eine tolle Mutter und eine tolle Frau gehabt zu haben, die mir drei super Kinder geschenkt hat. Das Leben geht weiter und ich muss nach wie vor ein super Vater und ein guter Mensch sein. Ich bin an der Situation gewachsen.
SPORT1: Wird der VfB gestärkt aus der Krise hervorgehen? Am Samstag geht es zum wiedererstarkten Hamburger SV.
Wir haben ein ganz leichtes Programm. In Hamburg, zu Hause gegen Frankfurt und in Dortmund. Leichter geht es nicht. (lacht) Mir sind diese Spiele aber lieber. Wir tun uns schwerer gegen Teams, die hinten drin stehen.
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