Irische Geister-Show: Luft für Trap immer dünner
Von Martin Volkmar und Thorsten Mesch
Dublin/München - Fans und Spieler nahmen den bitteren Abend für den irischen Fussball beinahe gleichmütig auf, doch Experten und Medien kochen.
"Das war die schlechteste Leistung, die ich in meinem ganzen Leben von Irland gesehen habe", schimpft der frühere Nationalspieler Ronnie Whelan.
"Eine Horror-Show! Halloween kam zu früh", schreibt die "Irish Times" nach der höchsten Heimpleite seit 1931: (Spielbericht)
"Die Gespenster, Geister und langbeinigen Monster der Deutschen bescherten den Fans die fürchterlichsten 90 Minuten, an die man sich in Irland erinnern kann. Sie waren wie Übermenschen."
"Nacht der Schande"
Und der "Irish Independent" kommentiert: "Albtraum an der Lansdowne Road. Eine Nacht der Schande. Schon wieder gedemütigt! Trap zeigt ein letztes verzweifeltes Aufbäumen."
Denn Giovanni Trapattoni liess auch nach dem 1:6-Debakel gegen die DFB-Elf keine Spur von Amtsmüdigkeit erkennen, obwohl ihn die meisten Iren mittlerweile auf den Mond wünschen und die WM-Teilnahme höchst fraglich ist.
So wehrte der 73-jährige Italiener die Pressekonferenz vehement jegliche Fragen zu seiner Zukunft emotional und in seinem gewohnten Kauderwelsch aus mehreren Sprachen ab.
"Ich habe in vier Ländern trainiert und bin dort Meister geworden", polterte "Trap", dessen Auftritt phasenweise an seine berühmte "Flasche leer"-Wutrede als Bayern-Coach erinnerte.
"Deutschland ist das zweitbeste Team der Welt! Diese Spieler spielen in der Championsleague, sie spielen in der Premier League und in den besten deutschen Mannschaften. Männer dieser Qualität haben wir nicht. Wir haben nur die Spieler, die wir haben!"
Lieber in Mailand als in London
Doch die Kritiker bezweifeln mittlerweile, ob Trapattoni das überhaupt noch beurteilen kann.
Denn der Hauptvorwurf lautet, dass der "Maestro" lieber fernab an seinem Wohnort Mailand bleibt statt sich die potenziellen Kandidaten in der Premier League vor Ort anzuschauen.
Und das er deshalb bei seinem defensiven, unmodernen Fussball weitgehend auf jüngere Spieler verzichtet.
"Er macht seinen Job nicht vernünftig"
"Dieser Manager macht seinen Job nicht vernünftig", ätzte Ex-Nationalspieler Eamon Dunphy, Irland renommiertester TV-Experte:
"Seine Taktik ist steril, seine Arbeit schlampig und deshalb müssen wir natürlich seine Position mehr als je zuvor in Frage stellen."
Nachfolgekandidaten McCarthy, Strachan, Hughton
Dunphy empfahl den einstigen Nationalcoach Mick McCarthy, der Irland von 1996 bis 2002 betreute, als Nachfolger. Zudem sind Gordon Strachan vom FC Middlesbrough und Birminghams Chris Hughton im Gespräch.
Gut möglich, dass schon bald eine Nachfolgeentscheidung getroffen werden muss.
Denn in der Verfassung vom Freitag dürfte es für den EM-Teilnehmer am Dienstag selbst auf den Färöern schwer werden.
Und bei einer Blamage gegen den Fussball-Zwerg wäre Trapattoni sicher nicht mehr zu halten.
Kein Interesse an Blackburn
Zuletzt war er bei den Blackburn Rovers gehandelt worden, hatte ein Interesse aber dementiert.
"Für eine Nanosekunde war die Hoffnung der Iren zurückgekehrt", hatte der "Herald" daraufhin geätzt.
"Aber selbst Trap müsste dann den Glanz Mailands verlassen und nach Blackburn ziehen."
Stattdessen könnte es nun passieren, dass der Trainer-Routinier demnächst noch mehr Zeit in Italien verbringen kann.
Dass der Druck gestiegen ist, weiss zumindest auch Trapattoni.
"Stolz auf diese Mannschaft"
"Wir bekommen eine Chance, dieses Spiel vergessen zu lassen", meinte er, verteidigte aber gleichzeitig sein Team:
"Ja, ich bin stolz auf diese Mannschaft. Wir haben eben nicht die grosse Auswahl, aber die Spieler haben eine starke Mentalität. Sie spielen mit hundert Prozent Hingabe."
Davon war bei der Pleite gegen die Deutschen spätestens nach dem 0:2 nichts mehr zu sehen.
"Sind gedemütigt worden"
"Wir sind gedemütigt worden", gab Verteidiger John O'Shea zu.
Und der verletzt fehlende Kapitän Robbie Keane meinte: "Die ganze Nation ist enttäuscht."
Nur Trapattoni wollte das offensichtlich nicht wahr haben. Lange aber wird auch er nicht mehr die Augen vor der Realität verschliessen können.
SPORT1











