Mondmann Özil ist wieder Zauber-Geiger
Von Martin Hoffmann
München - Mesut Özil "kommt nicht aus dem Quark", schreibt "AS", er sei "geistig nicht auf der Höhe".
Er sei "langsam" und "einfallslos", befindet "ABC", sein Spiel habe "weder Hand noch Fuss".
"Publico" stellt fest: "Özil ist auf dem Mond." Und "El Mundo" meint: "Real Madrid braucht einen Mittelfeldspieler, der mehr Tore schiesst und mehr Vorstellungskraft hat als Özil."
So sah es Spaniens Presse vor dem Auftritt des Real-Madrid-Regisseurs beim Clasico in Barcelona.
"Der kunstvolle Stierkämpfer"
Nun meint "El Mundo": "Der kunstvolle Stierkämpfer hat die Melancholie weggelassen und den Ball zu seinem Freund gemacht."
"Publico" stellt fest, er habe "das Ruder in die Hand genommen" und sei auf dem Weg, "wieder der beste Özil" zu werden.
"ABC" befindet: "Özil führt den Ball, als wäre der eine Verlängerung seines Fusses." Seine Torvorlage zum 2:2-Endstand von Cristiano Ronaldo sei "wie von einem Geiger" gewesen.
Und "AS" schreibt über eine Leistung, die "würdig eines Magiers" sei.
Özil wehrt sich
Eben noch der unfähige Mondmann, ein Spiel später wieder der Super-Torero und Zauber-Geiger: So schnell geht es in Spanien.
"Die Wortwahl der spanischen Journalisten ist halt krass", sagt Özil nun der "Bild": "Man muss sich daran gewöhnen."
Er hoffe nun schlicht, dass Bundestrainer Joachim Löw für die anstehenden Länderspiele gegen Irland und Schweden "einen guten Özil bekommt".
Berechtigt war die mediale Kritik für ihn jedenfalls nicht - und auch kein Antrieb: "Ich brauche das nicht, um Leistung zu bringen. Ich spiele nicht Fussball, um jemandem etwas zu beweisen, sondern weil ich Spass am Fussball habe."
Schritt aus der Krise
Dahingestellt, wie viel Wahrheit und wie viel Schutzbehauptung in dieser Aussage steckt: Fest steht, dass der Auftritt im Clasico ein bedeutender Schritt war, um den besagten Spass zurückzufinden.
Özil hat ein Leistungsloch hinter sich, das keine freie Erfindung der spanischen Presse war.
Auch Trainer Jose Mourinho demonstrierte seinen Unmut mit diversen kritischen Anmerkungen und wiederholten Degradierungen Özils zum Ein- und Auswechselspieler.
Auswechslungen und böse Gerüchte
Er müsse wieder "sein normales Niveau" erreichen monierte Mourinho vor dem vorletzten Ligaspiel gegen La Coruna.
Was ihm dann offensichtlich nicht gelang: Aufmerksame TV-Kameras fingen ein, wie Mourinho seinen Spielmacher zweimal von der Seitenlinie aus anfuhr.
Özil wurde in der Halbzeit ausgewechselt und war dann in der Championsleague gegen Ajax Amsterdam wieder nur Joker.
Die sportliche Krise bekam eine noch unangenehmere Note durch Medienberichte, Özil stehe wegen seines angeblichen Hangs zur Nachtaktivität in der Kritik, der Gescholtene sah sich zu einem Dementi via Facebook gezwungen.
Lob mit Widerhaken
Gegen Barca gelang Özil nun wieder das, was derartige Kritik wirkungsvoller verstummen lässt: eine bemerkenswerte Leistung.
"Özil hat sehr gut gespielt", kommentierte Mourinho zufrieden. Er wechselte ihn zwar erneut aus, diesmal aber nur "weil er völlig erschöpft war. Er ist es eben nicht gewohnt, so viel zu laufen in einem Spiel."
Was nun wieder ein Lob mit gewissen Widerhaken ist.
Mourinho: Nicht alles "ein Drama"
Es ist nun an Özil, seine Leistung aus dem Barcelona-Spiel zu bestätigen, die verstärkte Konkurrenz durch Neuzugang Luka Modric erfordert es.
Mourinho mühte sich in der Clasico-Nacht, dem Konkurrenzkampf die Schärfe zu nehmen.
Es solle nicht jedesmal "ein Drama" daraus gemacht werden, wenn ein Spieler auf der Bank sitze: "Ich werde dafür bezahlt, die Startaufstellung vorzunehmen, ich versuche dabei mein Bestes und es gibt Spieler, die draussen sitzen. Punkt."
Lob und Kritik für Khedira
Özils Teamkollege Sami Khedira musste sich mit diesem Problem zuletzt ebenso auseinandersetzen, auch er hat neuen Druck durch die Verpflichtung von Mourinhos altem Chelsea-Weggefährten Michael Essien.
Wie Özil rutschte auch der Defensivspieler im Clasico wieder zurück in die Startaufstellung und wie Özil verdiente auch er sich gute Kritiken.
Gemäkel kam nur von der häufiger khedira-kritischen "Marca", die notierte: "Das Spiel mit dem Ball am Fuss ist nichts für Khedira."
Wobei er auch er bei der nächsten Torvorlage wohl wieder ein Magier ist.
SPORT1











