Brunos Zorn entblösst Stuttgarts Gräben
Von Martin Hoffmann
München - Stuttgart und Wutbekundungen, das ist ein Zusammenhang, der sich eingebrannt hat seit dieser gewissen Sache mit diesem gewissen Bahnhof.
Die Südwestmetropole ist gerade dabei einen neuen Bürgermeister zu wählen, der die Gräben nach dem Stuttgart-21-Konflikt zuschütten soll, am Sonntag gab es den ersten Wahlgang.
Und es ist ein bemerkenswerter Zufall der Ereignisse, dass an demselben Tag ein neuer Wutauftritt die Stadt beschäftigt.
Bruno Labbadias Brandrede nach dem 2:2 gegen Bayer Leverkusen wirft ein gleissendes Schlaglicht auf die Zustände beim VfB - und auf ein Gräbengewirr, deren Schliessung nach dieser denkwürdigen Pressekonferenz ähnlich kompliziert werden dürfte.
Zündfunke Holzhauser
Die Trainer seien nicht "die Mülleimer von allen", ärgerte sich der Coach des Tabellenfünfzehnten, sprach von "absoluten Unwahrheiten", durch die die Zuschauer "aufgewiegelt" wären, dass das Fass "absolut voll" wäre.
Labbadias Worte waren zum einen eine generelle Medienschelte, der sich im "NDR" flugs auch sein Wolfsburger Kollege Felix Magath anschloss ("Es ist so, wie er gesagt hat: Es hat sich in diesem Geschäft eingebürgert, wenn was schiefläuft, dann geben wir dem Trainer die Schuld.")
Sie waren aber auch sehr konkret auf die sehr spezielle Lage in Stuttgart gemünzt - und es war kein Zufall, dass sich die nun an der Auswechslung des 19-jährigen Raphael Holzhauser entzündete.
Kritik an der Talentpflege
Labbadia sah sich in den vergangenen Wochen in Medien und Fanforen dem Vorwurf ausgesetzt, er vernachlässige die Stuttgarter Youngster - ein heikles Thema bei einem Klub, der sich Talentwerkstatt empfindet.
Dazu passt aus Sicht der Kritiker unter Fans und Medien nicht, dass Labbadia Spieler wie Holzhauser ihrer Meinung nach stiefmütterlich behandelt.
Befeuert wurden die Emotion vom angekündigten Abschied zweier Führungskräfte aus dem Jugendbereich in Richtung Red Bull Leipzig und durch einen Bericht der "Stuttgarter Zeitung", in dem es hiess, Labbadia hätte bei einem Treffen mit der Nachwuchsabteilung im Sommer nur über die Mängel der Talente geredet.
"Bruno-raus"-Rufe bei Auswechslung
Dass Labbadia Holzhauser inzwischen ins Team integriert hat, sah in der Logik der Kritiker wie ein Einknicken vor den Anwürfen aus.
Und dass er ihn trotz starker Leistung gegen Leverkusen auswechselte, kam als erneute Abkehr vom rechten Weg herüber: Es gab Pfiffe und "Bruno-raus"-Rufe aus der Kurve.
Was die Fans nicht wussten: Holzhauser war angeschlagen und hatte selbst um seine Auswechslung gebeten.
Frust über "Polemik"
Labbadia stellte das hinterher klar - ebenso wie sein generelles Verhältnis zu seinem österreichischen Schützling: "Holzhauser wäre nicht mehr beim VfB, wenn ich nicht mein Veto eingelegt hätte."
Sportdirektor Fredi Bobic bestätigte es - und ärgerte sich mit Labbadia über die Holzschnittartigkeit der Diskussion:
"Das ist auch so eine Geschichte, die immer wieder vereinfacht wird. Es wird immer gesagt: 'Werft sie (die Talente, Anm. d. Red.) früher rein'. Aber der Junge braucht seine Zeit."
Generell klagte Bobic über die "Polemik", mit der "die Jugendgeschichten in Stuttgart" debattiert würden.
Druck vom Präsidenten
Es geht aber um mehr als ein schlichtes Kommunikationsproblem zwischen Verein und ungeduldigem Umfeld.
Die "Wiederbelebung des Konzeptes der 'jungen Wilden aus dem wilden Süden'" steht schliesslich ganz oben im Wahlprogramm, mit dem VfB-Präsident Gerd Mäuser im vergangenen Jahr auf den Schild gehoben wurde.
Die prominente Betonung des Themas durch den ehemaligen Porsche-Vermarkter schürte Erwartungen - und erhöhte den Lieferdruck auf Bobic und Labbadia.
Auf Distanz zur Klubführung
Generell scheinen sich beide damit zu plagen, dass sie vor einer ebenso kritischen wie erwartungsfrohen Öffentlichkeit den Kopf hinhalten müssen für Dinge, die nicht ihre Idee waren.
Labbadia verwies am Sonntag auf die "Etatkürzung von 20 Millionen Euro, die ich mitgemacht habe". Und auf die Frage: "Gehe ich einen schweren Weg mit? Oder sage ich: Am Arsch geleckt!"
Während Bobic kritische Distanz zur eigenen Vereinsführung und ihrem vielpropagierten "Stuttgarter Weg" erkennen liess: "Ich bin nicht im Vorstand, ich bin der Sportdirektor. Ich versuche, das umzusetzen, was man mir vorgibt - was schon schwer genug ist."
Es würden "viele Dinge vermischt, und plötzlich ist der Trainer Schuld. Der kann gar nix dafür. Er geht den Weg sogar absolut mit."
Labbadia vor dem Rücktritt?
Labbadia sagte in der Pressekonferenz auch den bemerkenswert fatalistischen Satz, dass es ihn nicht wundere, dass es "alle paar Monate" einen neuen Trainer in Stuttgart gebe.
Bald wieder? Labbadia läuft Gefahr, sich vor seinem Klubumfeld unmöglich zu machen - ähnlich wie seinerzeit mit dem spektakulären Interview in der "Süddeutschen Zeitung", in dem er die Zustände bei seinem (Bald-dann-nicht-mehr-)Arbeitgeber Bayer Leverkusen anprangerte.
Damals wie heute lassen sich Labbadias Worte als nach innen gerichteter Wende-oder-Ende-Ruf lesen.
Bobic meinte jedenfalls auf die Frage, ob er einen Rücktritt Labbadias befürchte, nur: "Ich bin kein Wahrsager."



















