Wettmeisseln an den Denkmälern
Von Martin Hoffmann
München - Für Lionel Messi musste am Ende sogar das grosse Anliegen warten.
Pünktlich nach 17 Minuten und 14 Sekunden der zweiten Halbzeit wollten die Anhänger in Camp Nou eigentlich nach "Independencia" rufen, nach der in Zeiten der politischen Krise ersehnten Unabhängigkeit der Region Katalonien.
Doch die Anhänger des FC Barcelona hielten den Termin nicht ein. Zu beschäftigt waren sie noch mit dem Jubel über das 2:1 durch den Argentinier eine Minute zuvor.
Es war eine Randnotiz, die die Botschaft des 254. Clasico gegen Real Madrid auf den Punkt brachte: Denn für 90 Minuten stellten Messi und sein kongenialer Rivale Cristiano Ronaldo alles andere in den Hintergrund.
Poetische Gerechtigkeit
Zweimal traf Messi, zweimal Ronaldo, 2:2 hiess es dann am Ende eines "epischen Spiels", wie es Tribünengast Dirk Nowitzki via Twitter auf den Punkt brachte.
Es wirkte wie ein Akt poetischer Gerechtigkeit, dass das Drehbuch dieses Sonntagabends keinen Sieger im Stück "Messi und Ronaldo aus Gold" ("Marca") vorsah.
Und damit auch keinen Anschein der Entscheidung in der so endlosen wie müssigen Debatten, wer von den beiden denn nun der goldenere ist.
"Von einem anderen Planeten"
Natürlich war es dann hinterher wieder Thema, die Reporter wühlten nach Antworten auf die Frage, ob Ronaldo es diesmal schaffen würde, Messi nach drei Jahren Regentschaft als Weltfussballer des Jahres abzulösen.
Real-Coach Jose Mourinho gab die denkbar weiseste Antwort: "Ich weiss es nicht. Alles was ich weiss, ist dass es verboten sein sollte zu sagen, wer im Moment der beste Fussballer der Welt ist. Sie sind einfach beide so gut."
Ronaldo wie Messi kämen beide "von einem anderen Planeten".
Auch Vilanova verzückt
Auch Mourinhos Gegenüber Tito Vilanova pries die beiden Superstars als "unglaublich" und meinte mit Blick auf den des Gegners:
"Vielleicht würde Ronaldo noch etwas mehr Anerkennung bekommen, würde er nicht zur selben Zeit wie Messi spielen."
Das Wettmeisseln von Ronaldo und Messi an ihren eigenen Denkmälern ging am Sonntagabend auch im Bereich Statistiken und Rekorde weiter.
Ronaldo schafft Einmaliges
Ronaldo schaffte es als erster Spieler der Geschichte, in sechs Clasicos hintereinander das Tor zu treffen.
Messi brachte sich mit seinen Clasico-Treffern 16 und 17 derweil in Position, bei nächster Gelegenheit zum Rekordtorjäger des legendären Duells aufzusteigen.
Nur noch ein Tor ist der grosse Alfredo di Stefano dem Argentinier voraus.
Auch in der aktuellen Torjägerliste der Primera Division teilen sich Ronaldo und Messi mit je acht Treffern Platz eins - zusammen mit Atletico Madrids Falcao, der am Abend noch beim 2:1-Sieg gegen Malaga traf.
Real hinkt weiter hinterher
Die Begeisterung über Ronaldo und Messi sorgte selbst bei Mourinho dafür, dass er seinen sportlichen Ehrgeiz für einen Abend zurückstellte.
Eigentlich hätte sein Team ja schliesslich einen Sieg gut gebrauchen können: Das Remis sorgte zwar dafür, dass Barca der Startrekord von sieben Triumphen in sieben Spielen entging.
Trotzdem sind die Katalanen der Madrilenen, bei denen Mesut Özil - Vorbereiter des 2:2 - und der grundsolide Sami Khedira wieder gemeinsam in der Startelf standen, weiter acht Punkte voraus.
"Die Welt ist glücklich"
Und Real steht vor weiteren Problemen, wenn sich Ronaldos Schulterverletzung, die er sich bei einem Fallrückzieher zuzog, in den anstehenden Untersuchungen als etwas Schlimmeres wie eine Stauchung herausstellt.
Am Sonntagabend mochte sich Mourinho die Laune davon aber nicht verderben lassen.
"Die Lage in der Liga ist dieselbe wie vorher", hielt er fest: "Meine Mannschaft hat mich sehr erfreut - die Welt ist glücklich."

