Dem Perfektionisten entgleitet sein Werk
Von Martin Hoffmann und Christian Arias Losada
Dortmund/München - Bei Alvaro Dominguez klang es, als wäre alles nicht weiter wild.
"Nein", antwortete der Verteidiger bei SPORT1 auf die Frage, ob man nun von einer Krise bei Borussia Mönchengladbach sprechen könne.
"Wir müssen jetzt Stück für Stück unsere Punkte sammeln", meinte der Spanier: "Dann stehen wir auch wieder weiter oben. Ganz sicher."
Beruhigungsrhetorik, die etwas skurril wirkte nach der 0:5-Demontage bei Borussia Dortmund, nach der die "Fohlen" nur noch ein Punkt vom Relegationsplatz 16 trennt.
"Das ist Schüler-Fussball"
Denn während Dominguez dafür plädierte, dass seine Kollegen "die Köpfe nicht hängen lassen und noch mehr als vorher zusammenstehen" sollten, sahen andere die Zeit für Weckrufe gekommen.
"Für mich spielen wir gegen den Abstieg", warnt Juan Arango, während Angreifer Mike Hanke festhielt: "Man kann sich nicht so abschlachten lassen. Das war blamabel, das ist Schüler-Fussball."
Wie "Junioren" hätten einige gespielt, befand auch Trainer Lucien Favre: "Wir machen immer die gleichen Fehler. In der Bundesliga ist das Tempo hoch, da muss man stets alles geben."
Alarmruf, der kaum lauter geht
Einige seiner Spieler würden denken, "dass das Verteidigen keine Pflichtaufgabe ist".
Als "Schande" bezeichnete Favre das Defensivverhalten beim dritten Dortmunder Treffer durch den ehemaligen Gladbacher Marco Reus.
Ein Teil seiner Spieler hätte "nicht kapiert", was von ihnen gefragt sei. Ein Alarmruf, der in Favres Tonart eigentlich nicht lauter geht. Für den Schweizer ist klar: "So kann es nicht weitergehen."
Spielidee nicht vermittelt
Eine Feststellung, die aber auch auf Favre selbst zurückfällt. Bei Beobachtern wächst nämlich langsam die Irritation über den Coach.
So wundert sich der "kicker", dass Favre es nicht schafft, "die Neuen zu integrieren und der Mannschaft eine neue Spielidee zu vermitteln".
Wo er Gladbach doch vor eineinhalb Jahren noch "quasi auf Knopfdruck" seine Handschrift verpasste.
Kunst statt Kampf
Dem Taktik-Perfektionisten ist sein Werk entglitten, gegen Dortmund wurde es deutlich wie nie.
Ehe die Saison losging, hatte Gladbach unter Favre nie mehr als zwei Tore kassiert, in Dortmund war von der einstigen Defensivstärke nichts mehr zu sehen.
Es mangelte am Stellungsspiel, am Kampfgeist, am Verständnis für die Defensivarbeit als kollektive Aufgabe.
"Wir vergessen die elementarsten Dinge des Fussballs", bemerkte auch Manager Max Eberl voller Entsetzen: "Alle wollen nur noch kreativ sein und den Ball in den Winkel schnippeln, statt den Gegner aggressiv zu bearbeiten."
Reus und Co. auf dem Index
Nicht mehr hören mögen die Gladbacher drei Namen, mit denen in der Hätte-wäre-wenn-Welt womöglich noch alles besser wäre: Dante, Neustädter und Reus - der mit seiner offensiven Klasse auch die Abwehr entlastete.
"Dass wir so schlecht spielen, hat nichts mit den Abgängen zu tun", meint Abwehrmann Tony Jantschke.
Es war allerdings Jantschkes eigener Trainer, der vor der Saison überdeutlich gemacht hat, dass die Spielzeit im Zeichen der Weggänge stehen würde.
Es war Favre, der im SPORT1 BUNDESLIGA SONDERHEFT sagte, dass seine Mannschaft ihr "Rückgrat" verloren hätte: "Das ist so, wie wenn Barcelona Messi, Xavi und Pique abgeben muss."
Helmer: "Immer gejammert"
Favre muss sich also nicht vorwerfen lassen, die lauernden Gefahren nicht thematisiert zu haben.
Im Gegenteil stellt sich Kritikern aber inzwischen die Frage, ob er sich nicht mehr um eine positive Grundstimmung bemühen hätte können, statt zu sehr auf den Schwierigkeiten des Neuaufbaus herumzureiten - was die aktuellen Spieler sowohl als Misstrauensbekundung wie auch als Alibi verstehen können.
"Favre hat sich in der Vorbereitung immer beklagt und immer gejammert", wunderte sich am Sonntag SPORT1-Experte Thomas Helmer im Volkswagen Doppelpass: "Dabei ist es seine Aufgabe die Probleme zu bewältigen."
Favres Lage erinnert langsam an die bei Hertha BSC im Jahr 2009: Auch damals hatte er ein Team in der Vorsaison in ungeahnte Höhen geführt - und sah dann ratlos zu, wie sein Team in ebenso ungeahnte Tiefen abstürzte. Nach sieben Spieltagen musste er gehen, die Berliner stiegen am Ende ab.
Ärger über Erwartungen
Etwas seltsam mutet aber auch Manager Max Eberl an, der vor der Saison zwar 30 Millionen Euro für den Umbau des Teams ausgab, zugleich aber wünscht, dass sich davon möglichst niemand etwas versprechen möge.
"Das sind für mich zwei paar Schuhe", sagt er im "kicker" über den Zusammenhang zwischen den Einkäufen und der sportlichen Situation:
"Wir wurden doch von aussen mit Erwartungen konfrontiert, die wir selbst nie hatten. Diese Erwartungen werden uns jetzt aufgedeckelt, also eine Krise aus der aktuellen Situation gemacht."
Was wiederum klingt wie: Eigentlich haben wir ja keine.
SPORT1



















