Löw-Elf: Der Ton wird rauer
Von Matthias Becker
München - Die nackten Zahlen stimmen.
Zwei Spiele, sechs Punkte, Platz 1 in der WM-Qualifikationsgruppe C.
Nach dem äusserst schmeichelhaften 2:1-Erfolg der deutschen Nationalmannschaft in Österreich herrscht rund um das DFB-Team allerdings alles andere als Zufriedenheit.
Die Nachwirkungen des wackligen Auftritts von Wien sind auch zwei Tage danach noch deutlich zu spüren, die Diskussion um die Defizite der aktuellen Nationalspieler-Generation nimmt jetzt erst so richtig Fahrt auf.
Öffentliche Kritik an Einzelnen
Doch nicht nur der Druck von aussen, durch Experten, Medien und Fans nimmt zu. Auch innerhalb des lange so harmonischen Gebildes Nationalmannschaft ändert sich der Tonfall.
"Philipp muss als Aussenverteidiger ein bisschen höher stehen als die Innenverteidiger. Den Raum nutzt er (Österreichs Jakob Jantscher, Anm. d. Red.) aus, da wird es brandgefährlich, und wir haben Glück gehabt", kritisierte Mats Hummels Kapitän Philipp Lahm mit Blick auf die Szene, die fast zum 2:2 der Österreicher durch Marko Arnautovic geführt hätte.
Bundestrainer Joachim Löw tadelte Linksverteidiger Marcel Schmelzer, auf dessen Seite das Gegentor und weitere gefährliche Aktionen ihren Ursprung hatten und hielt fest:
"Wir haben nicht so gut von hinten herausgespielt. Mats Hummels und Holger Badstuber hatten einige Abspielfehler, das hat uns etwas verunsichert."
DFB-Team unter "Schönwetter-Verdacht"
Öffentlich geäusserte Kritik an einzelnen Spielern wird im Normallfall vermieden. Dass sie beim DFB-Team nun gleich mehrfach geäussert wird zeigt, dass der von Manager Oliver Bierhoff geforderte Mentalitätswechsel in Gang kommen könnte.
"Nur schön spielen reicht nicht mehr", sagte Bierhoff nach der Partie gegen Austria, bei der die Gastgeber dem grossen Nachbarn läuferisch und kämpferisch den Schneid abkauften.
Die deutsche Mannschaft gerate allmählich unter "Schönwetter-Verdacht", analysierte die "Süddeutsche Zeitung".
Gegenwind für Lahm
Beim Versuch, dem entgegenzuwirken kommt ein Thema zum Vorschein, das bei Bundestrainer Löw eigentlich auf dem Index steht: die Führungsspieler-Debatte.
Vor allem Kapitän Lahm bekommt sich nach einem seiner schwächeren Auftritte im DFB-Trikot plötzlich Gegenwind. Für seine Aussage, Ziel für die WM 2014 in Brasilien müsse der Titel sein, erntete er Widerspruch aus den eigenen Reihen.
"'Vom WM-Finale zu reden ist völlig falsch. Wir arbeiten darauf hin, einen Titel zu holen. Aber wir brauchen darüber nicht noch mal zwei Jahre zu reden", sagte Sami Khedira im "kicker".
"Spricht nicht für Homogenität"
Ob daraus schon der von der "Bild" ausgerufene "Machtkampf" abzuleiten ist, sei dahingestellt. Auf jeden Fall ist es ein bemerkenswerter Vorgang.
"Wenn Philipp Lahm als Kapitän den Titel als Ziel ausgibt, und Sami Khedira ihn öffentlich zurückpfeift und sagt, vom Finale zu reden sei völlig falsch, dann spricht dies nicht für die Homogenität der Mannschaft", erklärte Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher im "kicker".
Khedira, der die U 21 2009 als Kapitän zum EM-Titel führte, ist ein Paradebeispiel der Führungskraft, wie sie der ehemalige DFB-Sportdirektor Matthias Sammer in seiner Verantwortlichkeit für die DFB-Jugendteams immer wieder eingefordert hat: Gut ausgebildet, selbstbewusst, erfolgshungrig.
Dutt: Brauchen Hierarchien
Sammers Nachfolger Robin Dutt distanziert sich im Interview mit SPORT1 von angeblich vorherrschenden flachen Führungsstrukturen im DFB-Team. (EXKLUSIV: Robin Dutt im SPORT1-Interview)
"Wir brauchen eine Hierarchie", sagt Dutt: "'Flache Hierarchie' hat es in meiner Wortwahl nie gegeben. Wir haben momentan die Führungspersönlichkeiten auf dem Platz, die der heutigen Gesellschaft entsprechen."
Hoeness fordert mehr Druck
Bayern-Präsident Uli Hoeness sieht auf dem Weg nach Brasilien vor allem die Spieler in der Pflicht, er nimmt den Bundestrainer explizit von Kritik aus.
"Er hat sehr gute Arbeit geleistet, aber ich glaube, man muss den Spielern mal mehr den Tarif ansagen und sie viel mehr unter Druck setzen", sagte Hoeness während einer Podiumsdiskussion bei der Wirtschaftsmesse "dmexco".
Dazu müssten, sagte Hoeness, "diese ganzen Flausen, die sie teilweise im Kopf haben, reduziert werden".
Löw erhöht Konkurrenzkampf
Hoeness scheint Löw aus der Seele zu sprechen, der Bundestrainer ruft seinerseits schon einen neuen Konkurrenzkampf aus.
"Wir haben uns nicht auf diesen Kader festgelegt", sagte er nach dem Österreich-Spiel der "dpa". Durchschnittliche Auftritte in der Bundesliga würden in Zukunft nicht genügen.
Man habe den Anspruch auch international top zu sein: "Da reichen durchschnittliche Leistungen in solchen Spielen nicht unbedingt aus."
SPORT1

