HSV: Durchhalteparolen am Abgrund
Aus Hamburg berichtet Martin Volkmar
Hamburg - Es war ein herrlicher Spätsommertag in Hamburg.
Und als am Montagabend die Sonne hinter der Elbe unterging, trafen sich zahlreiche Sportstars und andere Prominente in der Fischauktionshalle am Hafen zur jährlichen Gala der "Sport Bild".
Mittendrin auch zwei treue Fans des Hamburger SV, die für ihre Verdienste den ersten Preis der Sportzeitschrift gewannen.
Sie hatten kurz vor Ende der vergangenen Saison eine eine riesige Choreographie im heimischen Stadion initiiert und damit nach Ansicht der Jury massiven Anteil, dass sich der Bundesliga-Dino als 15. noch vor dem Abstieg retten konnte.
Doch irgendwie wirkte die Preisverleihung unpassend. Schliesslich steht der HSV schon nach nur einem Spieltag der neuen Saison wieder genau da, wo er vor wenigen Monaten stand: am Abgrund.
Kredit schon jetzt aufgebraucht
Die Stimmung in der Stadt und der gesamten Region, die sich grösstenteils mit dem Traditionsverein identifiziert, ist komplett negativ. Der Kredit des Teams, das zeigten die frühen Pfiffe beim 0:1 am Samstag gegen Nürnberg, ist bereits jetzt komplett aufgebraucht.
"Ich habe schon mitbekommen, dass viele nervös sind. Aber ich denke, wir können in dieser Saison etwas aufbauen. Es ist der erste Spieltag und bei uns herrscht Weltuntergangsstimmung, das muss man sich mal überlegen", sagte Trainer Thorsten Fink:
"Ich habe keine Sorgen. Wir halten weiter zusammen. Und wir glauben, dass jetzt irgendwann wieder positive Nachrichten kommen."
Durchhalteparolen des Trainers
Für die meisten Beobachter und Anhänger hört sich das aber verdächtig nach Gesundbeten an. Schon jetzt wird Fink in den regionalen Medien als Schönredner kritisiert, der nur Durchhalteparolen verbreite.
Bei seiner Verpflichtung im vergangenen Herbst sprach der ehemalige Bayern-Star noch perspektivisch von der Rückkehr an die Spitze, stattdessen sind die Hamburger keinen Schritt weiter gekommen.
"Jetzt schauen wir, dass wir die Kurve kriegen. Es ist völlig klar, dass ich meine Mannschaft schütze", meinte der Coach im Gespräch mit SPORT1 (das Interview ab 23.30 Uhr im TV in den SPORT1 News).
Probleme in allen Mannschaftsteilen
Doch die Abwehr ist löchrig, im Mittelfeld mangelt es an Qualität.
Vorne ist nach den Verkäufen von Mladen Petric und Paolo Guerrero kein gefährlicher Stürmer mehr im Kader.
Fink muss dennoch schnellstens die Kurve bekommen, sonst droht ihm das gleiche Schicksal wie dem im Vorjahr nach sechs sieglosen Spielen entlassenen Michael Oenning.
"Fink ist die ärmste Sau"
"Ich hätte nicht gedacht, dass die Mannschaft so schlecht ist", sagte ein ehemaliger HSV-Coach zu SPORT1. "Aber Thorsten Fink ist die ärmste Sau."
Denn die in den vergangenen zwei Spielzeiten von zahlreichen Leistungsträgern "befreite" Mannschaft sei einfach nicht erstligatauglich. Weshalb der dafür Verantwortliche immer mehr in den Fokus rückt: Sportchef Frank Arnesen.
Unter der Hand teilen viele die Auffassung von SPORT1-Experte Mario Basler, der dem Dänen im Volkswagen Doppelpass vorwarf, dass er sich "nicht so gut auskennt".
Seeler greift Arnesen an
Offen kritisiert auch HSV-Idol Uwe Seeler den Sportdirektor.
"Ich bin nachdenklich geworden, weil ich überhaupt keinen Fortschritt sehe", sagte Seeler der "Welt".
Und er fügte an Arnesen gewandt zu: "Er sagt immer nur: Die Mannschaft kommt noch. Und der kommt noch, und der kommt noch. Wenn ich das höre oder lese, dann schüttele ich manchmal mit dem Kopf. Es sind eben Spieler da, die für die Bundesliga nicht tauglich sind, das muss man einfach so klar sagen."
Seelers Forderung ist klar: "Wir brauchen einen kreativen Spieler, der im Mittelfeld die Fäden zieht, einen Knipser, der für Unruhe sorgt, und einen Stabilisator für die Abwehr."
Arnesens verheerende Bilanz
Arnesens Bilanz nach nur einem Jahr ist jedenfalls verheerend. Während Führungskräfte wie David Jarolim abgegeben wurden, konnte keiner der Zugänge bislang überzeugen.
Dabei hat das einstige Chelsea-Vorstandsmitglied insgesamt rund 17 Millionen Euro für Neue ausgeben dürfen, auch bei den Spielerkosten steht der HSV als Siebter weit besser da als in der Tabelle, wo Freiburg oder Mainz dem Ex-Meister den Rang abgelaufen haben.
Letzte Hoffnung sind nun die beide gerade verpflichteten Petr Jiracek vom VfL Wolfsburg und Milan Badelj von Dinamo Zagreb. Dabei hätte das Team statt den beiden ähnlich veranlagten Mittelfeldspielern eher einen Abwehrchef und einen Torjäger nötig.
35 Millionen für Van der Vaart?
Stattdessen aber träumt der ganze Verein von einer Rückkehr von Rafael van der Vaart -ebenfalls Mittelfeldspieler.
Doch der Niederländer ist mit einem Gesamtpaket von rund 35 Millionen Euro an Ablöse und Gehalt nur durch das Geld des eigentlich ungeliebten Investors Klaus-Michael Kühne bezahlbar.
"Es wäre natürlich toll, wenn der Junge zu uns kommen würde. Aber wir haben das Geld nicht und von daher sind wir immer auf andere angewiesen", sagte Fink.
Auch der nur wenige Meter weiter stehende Klubboss Carl-Eduard Jarchow widersprach einer kurz bevor stehenden Verpflichtung: "Davon weiss ich nichts."
SPORT1



















