''Ein Bild, das dem gesamten Fussball schadet''
Von Tobias Wiltschek
München - Nicht nur die Spieler bereiten sich auf die anstehende Bundesliga-Saison vor.
Auch die Schiedsrichter stimmten sich in einigen Lehrgängen auf die 50. Spielzeit ein.
Im Mittelpunkt standen dabei die Regelauslegungen, die noch einmal präzisiert wurde
Im Gespräch mit SPORT1 erklärte der ehemalige Referee Lutz-Michael Fröhlich, in welchen Bereichen die Schiedsrichter einer noch klareren Linie folgen werden.
Ausserdem nimmt der stellvertretende Vorsitzende der DFB-Schiedsrichterkommission Stellung zu den umstrittenen Entscheidungen der jüngsten Vergangenheit und verurteilt die Attacke des Benfica-Profis Luiso gegen den Unparteiischen Christian Fischer.
SPORT1: Auf welche regeltechnischen Änderungen sollen sich Medien und Fans vor der neuen Saison einstellen?
Lutz-Michael Fröhlich: Zunächst einmal hat sich im Regelwerk nichts Signifikantes geändert. Wir haben bei den Sommerlehrgängen mit den Schiedsrichtern die letzte Saison aufgearbeitet. Speziell bei der Betrachtung von Strafraumsituationen haben wir uns gefragt, wo können wir noch einen Beitrag leisten für eine noch eine transparentere, klarere Linie. Das gilt auch für die Anwendung der Disziplinarkontrolle, insbesondere bei Ellbogen- und Unterarmvergehen, bei Fussvergehen und bei taktischen Fouls.
SPORT1: Beim Thema Handspiel gibt es zwischen absichtlich und nicht absichtlich immer noch Grauzonen. Haben Sie dahingehend die Entscheidungskriterien noch etwas präzisiert?
Fröhlich: Wir werden diese Grauzonen mit Sicherheit nicht ganz rausbekommen. Wir versuchen aber, die klaren Eckpunkte noch etwas weiter auszudehnen, also weniger Grau und mehr Klarheit. Wenn ein Spieler auf eine Situation frontal zugeht, seine Arme beziehungsweise Hände vom Körper weg bewegt, dadurch sein Körpervolumen vergrössert, und dann den Ball mit dem Arm oder der Hand aufhält, dann liegen die Voraussetzungen für ein strafbares Handspiel vor. Wird einem Spieler bei einer natürlichen Laufbewegung ohne Blickkontakt zur Spielsituation der Ball von hinten an den Arm geschossen, dann ist das sicherlich ein nicht strafbares Handspiel.
SPORT1: In diesem Zusammenhang ist auch immer wieder von einer natürlichen und einer unnatürlichen Handbewegung die Rede. Können Sie uns über diesen Unterschied aufklären?
Fröhlich: Natürlich kann hier als ein in sich schlüssiger Bewegungsablauf definiert werden, bei dem sich der Arm oder die Hand nicht mehr als notwendig vom Körper weg bewegt. Bei der Bewertung der Strafbarkeit hilft dann auch noch die Einschätzung zur Fahrlässigkeit einer Aktion. Geht ein Spieler zum Beispiel mit der Hand weit über dem Kopf gestreckt in einen Luftzweikampf, ohne dabei direkt zum Ball zu schauen und bekommt dann den Ball an diesen ausgestreckten Arm, dann ist das ein strafbares Handspiel. Der Spieler nimmt durch seine Bewegung in Kauf, dass der Ball mit der Hand gespielt wird.
SPORT1: Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Handelfmeter-Entscheidung beim Pokalspiel zwischen Offenbach und Fürth?
Fröhlich: Arm und Hand blieben im Bewegungsablauf vor dem Körper, eher an den Körper gepresst und daher ist auch keine Aktion zur Vergrösserung der Körperfläche zu erkennen. Der Ball wird zwar letztendlich deutlich mit dem Unterarm berührt, aber unmittelbar am Körper. Daher sollte das aus unserer Sicht hier nicht als strafbar gelten.
SPORT1: Haben Sie auch die EM in diesem Jahr auf bestimmte Faktoren hin aufgearbeitet? Auch die sorgte ja für manche Diskussionspunkte.
Fröhlich: Ein interessanter Aspekt bei der Europameisterschaft war die Art der Spiel- und Spielerführung durch die Unparteiischen. Hier haben wir einen neuen und modernen Schiedsrichtertyp sehen können: kommunikativ, dialogorientiert und durchaus partnerschaftlich im Umgang mit den Spielern. Das ist dann nicht mehr der Schiedsrichter, der seine Spielleitung ausschliesslich über Entscheiden und Sanktionieren gestaltet. Uns war wichtig, dass wir das auch mit unseren Schiedsrichtern besprechen und sie auf die Erfolgschancen dieser neuen Art der Spiel- und Spielerführung hinweisen, gerade auch in der Aussenwirkung. Das erleichtert den Job auf dem Spielfeld, schafft mehr Akzeptanz. Allerdings steht im Zentrum der Spielleitung natürlich nach wie vor die Richtigkeit der Entscheidung.
SPORT1: Es gab aber auch ein zu Unrecht aberkanntes Tor im Spiel Ukraine gegen England und ein nicht gegebener Elfmeter bei Spanien gegen Kroatien.
Fröhlich: Natürlich waren das zwei Situationen, die, richtig gelöst, am Ende ein Plädoyer für den Einsatz von Torrichtern wären. Aber das zeigt eben, dass dort, wo Menschen am Werk sind, immer auch ein menschlicher Fehler einzukalkulieren ist. Deshalb darf man auch das Torrichtersystem nicht mit dem Anspruch der Unfehlbarkeit besetzen. Ob das für ein technisches System möglich sein wird, das bleibt abzuwarten, da laufen entsprechende Tests und Prüfverfahren.
SPORT1: Wie ist allgemein die Reaktion der deutschen Schiedsrichter auf die Einführung der Torlinientechnologie?
Fröhlich: Grundsätzlich sind die Schiedsrichter nach dem jetzigen Erkenntnisstand sehr aufgeschlossen gegenüber einem vollständig funktionsfähigen System für die Beantwortung der Frage "Ball hinter der Torlinie oder nicht?". Aber wie gesagt, da müssen erst noch Test, Prüf- und auch Zertifizierungsverfahren durchgeführt werden.
SPORT1: Können Sie ausschliessen, dass in Deutschland noch vor der WM die Torlinientechnologie kommt?
Fröhlich: Eine Einführung vorher wird wegen der Verfahren, die ich angesprochen habe, sehr schwierig.
SPORT1: Wurden Sie als Schiedsrichter schon einmal so heftig umgestossen wie Christian Fischer von Luisao im Testspiel Düsseldorf gegen Benfica und welches Strafmass wäre für Sie in diesem Fall angebracht?
Fröhlich: Zum Glück ist mir ein solcher Vorfall, überhaupt eine gewaltsame Attacke gegen mich, in meiner Laufbahn erspart geblieben. So etwas hat im Fussball nichts zu suchen. Das ist ein Bild, das dem gesamten Fussball - weltweit - schadet. Daher bin ich hier auch eher für eine rigorose Linie. Aber das muss man den dafür zuständigen Instanzen überlassen.



















