''Ich habe schon so einen Helferinstinkt''
Vom FC Bayern berichtet Mathias Frohnapfel
München - Wann immer es in den vergangenen Wochen ging, hat Manuel Neuer Olympia geschaut.
Seine Lieblingssportarten? "Die, bei denen wir Gold geholt haben", meint der Bayern-Keeper mit schelmischem Blick.
Die Mannschaftssportarten hatten es Neuer vor allem als Fernseh-Zeitvertreib in der Saisonvorbereitung angetan: Hockey und Beachvolleyball, aber auch der Kampf der Einzelsportler mit der eigenen Konzentrationsfähigkeit wie beim Fechten und Schiessen.
Mit den Bayern hat der 26-Jährige sich inzwischen fit für die neue Spielzeit gemacht:
Im Supercup luchsten die Münchner dem Dauerrivalen Borussia Dortmund die erste Trophäe ab und erwischten auch im DFBPokal in Regensburg beim 4:0-Sieg einen guten Auftakt.
Im SPORT1-Interview spricht der Nationaltorhüter über Bayerns Saisonstart bei Greuther Fürth, die Nachwehen des verlorenen Champions-League-Finales und die neue Linie von Jupp Heynckes.
SPORT1: Herr Neuer, Sie haben im Champions-League-Finale einen Elfmeter pariert, einen selbst verwandelt. Als Einzelsportler hätten Sie nach so einer Finalleistung wohl einen Titel gehabt. Warum sind Sie dennoch lieber Mannschaftsportler?
Manuel Neuer: Ich denke, wenn man alleine etwas gewinnt, freut man sich vielleicht mit seinen nächsten Leuten, seiner Familie und Freunde zusammen. Wenn man zusammen auf dem Platz spielt und ein Tor schiesst, freut man sich immer zusammen, da ist die Freude viel grösser. Wenn man einen Titel mit der Mannschaft gewinnt, zählt das viel mehr, als Fussballer des Jahres zu werden.
SPORT1: Wie sind Sie mit der Champions-League-Finalniederlage umgegangen?
Neuer: Ich habe diese und die Niederlagen in den anderen Wettbewerben hinter mir gelassen, sie gehören zu meiner Karriere dazu, aber es geht immer weiter.
SPORT1: Sie sind auch von Schalke zum FC Bayern gewechselt, um Deutscher Meister zu werden. Im ersten Jahr hat es nicht geklappt. Was macht Sie zuversichtlich, diesmal am Ende die Schale in den Händen zu halten?
Neuer: Es stand ja im letzten Jahr nicht nur die Deutsche Meisterschaft im Raum, wir waren bis zum Schluss bei allen drei Hochzeiten mit dabei. Vielleicht war der nationale Wettbewerb da nicht das Augenmerk Nummer eins, in dieser Saison ist das Finale der Championsleague nicht in München, ich hoffe, dass wir dann national wieder die Nummer eins werden.
SPORT1: Gegen eine Reise nach London zum Champions-League-Finale in Wembley hätten Sie aber nichts einzuwenden?
Neuer: Es wäre nicht schlecht, dort gegen Arsenal London mit Per Mertesacker und Lukas Podolski zu spielen, da sehen wir die beiden Deutschen auch. Darüber möchte ich jetzt aber nicht sprechen, das ist noch zu weit weg. Die Bundesliga hat für mich Priorität, nicht die Champions League.
SPORT1: Der Druck ist beim FCB nach zwei Jahren ohne Meisterschaft gross.
Neuer: Es liegt nur an uns. Natürlich gehe ich nicht in die Saison und sage: Oh je, jetzt müssen wir Deutscher Meister werden. Wir haben einen guten Kader, wir haben letzte Saison einen guten Fussball mit dieser Mannschaft gespielt und sind in der Breite noch besser geworden.
SPORT1: Der grosse Rivale wird erneut Borussia Dortmund sein. Wie stark schätzen Sie das Team ein?
Neuer: Dortmund ist eine sehr gute Mannschaft, die Borussia war national in den letzten beiden Jahren die Nummer eins, sie hat sich verstärkt mit guten, jungen Spielern. Sie wird unser grösster Konkurrent sein.
SPORT1: Zum Auftakt muss Bayern in Fürth antreten. Wie sehen Sie den Aufsteiger, der ja von Ihrem früheren Schalker Weggefährten Mike Büskens trainiert wird?
Neuer: Man hat ja noch das Pokalspiel gegen Dortmund in Kopf, sie haben bis zur 120. Minute Paroli geboten. Ich kenne Mike Büskens sehr gut und weiss, dass er in der Vorbereitung sehr gut trainiert und die Mannschaft auf einem sehr guten Level sein wird. Sie versuchen natürlich über die Motivation und den Willen zu kommen, das wird nicht leicht für uns.
SPORT1: Die Motivation bei den Franken dürfte enorm sein, es ist das erste Bundesliga-Spiel in der Geschichte des Vereins, für viele Profis ist es auch das Erstliga-Debüt.
Neuer: Ja, sie haben sich lange nach solch einem Spiel gesehnt und dann geht es direkt gegen Bayern. Und noch vor eigenem Publikum. Besser kann es für sie nicht kommen.
SPORT1: Wie haben Sie Jupp Heynckes in der Vorbereitung wahrgenommen? Ist er strenger geworden?
Neuer: Was heisst strenger geworden? Er macht seinen Job wie vorher zu 100 Prozent, so wie er es vorher gemacht hat, er legt vielleicht noch mehr Wert auf Kleinigkeiten.
SPORT1: Glauben Sie, der Trainer wird nun rascher wechseln, die Alternativen sind ja vorhanden, oder?
Neuer: Wir sind in der Breite besser geworden, es ist dann immer gut für eine Mannschaft, wenn ein starker Konkurrenzkampf da ist.
SPORT1: Sport-Vorstand Matthias Sammer hat angedeutet, Jupp Heynckes könnte womöglich über 2013 hinaus Bayern-Trainer bleiben. Wie würde das Ihnen gefallen?
Neuer: Er ist ein guter Trainer, er hat Erfahrung, hat schon alles mitgemacht im Fussball.
SPORT1: Sammer hat Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Sie als Säulen des Teams hervorgehoben. Sehen Sie sich auch selbst als Führungsspieler beim FCB?
Neuer: Ich denke, dass ich meine erste Saison hinter mir habe und die Mannschaft natürlich nicht von vorneherein führen konnte. Wenn ein neuer Spieler zum Team hinzustösst, da kommt er nicht mit ausgebreiteten Ellenbogen in die Truppe rein und versucht, alles umzustrukturieren. Wenn man ein Jahr hier gespielt hat, weiss man, in welche Richtung es geht. Und wenn man sich mit den anderen beiden gut versteht, kann man schon eine Richtung vorgeben. Und mit mehreren Leuten kann man eine Mannschaft besser führen als allein.
SPORT1: Sie sind auch beim FC Bayern Ihrem Torwartspiel treu geblieben. Warum gehen Sie in bestimmten Situationen wie zuletzt auch im Supercup gegen Dortmund immer wieder das Risiko ein, weit aus dem Strafraum herauszukommen?
Neuer: Ich möchte für die Mannschaft da sein. Wenn ich mich persönlich betrachte, habe ich schon so einen Helferinstinkt, falls ein Abwehrspieler falsch steht und ein Ball in die Tiefe kommt, helfe ich aus, in Situationen, wo man denkt: Was macht der da draussen? Solche Szenen versuche ich zu antizipieren, bevor der Stürmer in eine 1:1-Situation gegen mich kommt.
SPORT1



















