Spektakel statt Ergebnis: Gegenwind für Löw
Vom DFB-Team berichten Matthias Becker und Thorsten Mesch
Frankfurt/Main - Es ist ja nicht so, als hätte das Testspiel der Nationalmannschaft gegen Argentinien keine aufregende Szenen geboten.
Ein Eigentor, ein Elfmeter, ein Platzverweis, ein Sonntagsschuss und ein Superstar - alles war zu sehen an diesem schwülwarmen Sommerabend in Frankfurt.
Von Schlafmützigkeiten in der Abwehr bis hin zu sehenswerten Kombinationen im Angriff bot die DFB-Elf bei der letztlich auch in der Höhe verdienten 1:3 (0:1)-Niederlage gegen die Südamerikaner (Bericht) die komplette Palette an.
Doch trotz all des Spektakels spielten sich die interessantesten Szenen des Abends in einem kleinen fensterlosen Raum ab, in dem Ex-Nationalkeeper Oliver Kahn zu einer Generalkritik gegen das Auftreten der deutschen Mannschaft ausholte.
Kahn kritisiert Defensivarbeit
"In den letzten Monaten hat sich immer wieder gezeigt hat, dass die Mannschaft in der Defensive relativ grosse Probleme hat", sagte Kahn im "ZDF" und machte daran auch den ausbleibenden Triumph bei einem grossen Turnier fest:
"Wir wissen alle, wie Titel gewonnen werden, das ist Stabilität in der Defensive. Da muss man grundsätzliche Überlegungen anstellen."
Der Plan von der eigenen Spielphilosophie und der offensiven Ausrichtung sei ja schön und gut, erklärte der frühere Welttorhüter: "Aber grundsätzlich hat der Gegner zu viele Torchancen."
"Bedingt teile ich seine Meinung"
Löw, der sich noch am Montag vehement gegen die Kritik nach dem Halbfinal-Aus bei der EM gewehrt hatte, stimmte in diesem Punkt sogar zu.
"Bedingt teile ich Kahns Meinung", sagte der Bundestrainer: "In einigen Situationen hätten wir das besser lösen können. In Unterzahl haben wir das Zentrum zu früh aufgemacht."
Auch die Chancenverwertung gelte es zu verbessern, stellten sowohl Löw als auch Manager Oliver Bierhoff fest, wirkten dabei aber nicht gerade beunruhigt.
Reus treibt Spiel an
Tatsächlich hatte die deutsche Mannschaft vor allem in den ersten 25 Minuten ein ordentliches Spiel gemacht.
Angetrieben vom spielfreudigen Marco Reus und von Kader-"Opa" Miroslav Klose (34 Jahre), erspielten sich die DFB-Kicker einige gute Gelegenheiten und zogen schnell auch das Publikum auf ihre Seite.
Da aber keine der Chancen genutzt wurde, genügte ein Moment, um das Spiel kippen zu lassen.
Platzverweis als Wendepunkt
"Es gab eine spielentscheidende Szene, das war der Elfmeter mit dem Platzverweis für Zieler. Bis dahin hatte die deutsche Mannschaft sogar ein Übergewicht", analysierte Argentiniens Nationaltrainer Alejandro Sabella korrekt.
Obwohl Superstar Lionel Messi den fälligen Strafstoss gegen den eingewechselten Marc-Andre ter Stegen verschoss, übernahmen die Gäste von da an die Kontrolle.
"Es kam dann vieles zusammen und dann läufst du die ganze Zeit hinterher. Nach drei Wochen Vorbereitung hast du dann nicht mehr die Kraft, die du normal hättest", kommentierte Holger Badstuber im Gespräch mit SPORT1 den Spielverlauf:
"Wir müssen das Spiel analysieren und ich denke, wir können einiges Positives daraus ziehen. Wir dürfen nicht zu viel in die Niederlage hinein interpretieren."
Kahn vermisst den Willen
Dass sich auch einige Kollegen ähnlich äusserten, brachte Kahn auf die Palme.
"Da kann ich doch als Spieler nicht zufrieden sein, da muss ich doch auch mal sauer sein. Wir haben gegen die Italiener blutleer verloren und jetzt wieder drei Stück kassiert. Da muss man sich auch mal ärgern", forderte er und vermisste zudem "die letzten zehn Prozent" Wille.
Ein Vorwurf, den Löw zurückwies. "Zehn Prozent, acht Prozent, zwölf Prozent - wer will so etwas einschätzen. Man kann niemandem den Vorwurf machen, heute nicht alles gegeben zu haben", sagte er.
Der Ton wird rauer
Löw will die Debatte um angeblich fehlende Einstellung der Spieler im Keim ersticken.
Die Stimmung war dabei am Mittwochabend zwar deutlich entspannter als bei seinem scharfen Vortrag vom Montag ("Wutrede? Ich habe nur meine Meinung gesagt"). Aber der Bundestrainer spürt, dass der Geduldsfaden vieler Beobachter und Anhänger ausfasert.
Der Ton wird rauer. "Mist gegen Messi", titelte die "Bild", der böse Vergleich mit Holland (Schön spielen, nichts gewinnen) macht schon die Runde.
Zum Start der WM-Qualifikation gegen Aussenseiter Faröer und in Österreich steht das DFB-Team deshalb schon kräftig unter Druck.
Das Spektakel alleine reicht nicht mehr.
SPORT1











