Sammer: Kein Zeitlimit für Heynckes
Vom FC Bayern berichtet Reinhard Franke
München - Matthias Sammer war bester Laune.
Gar nicht wie sonst im Anzug empfing er SPORT1 und andere ausgewählte Medien an der Säbener Strasse - nein, Bayerns starker Mann erschien in legeren Trainingsklamotten.
"Wenn der Trainer mich braucht, bin ich bereit", scherzte er. Auch mit der Mitarbeiterin, die ihm einen Kaffee hinstellte, flachste er: "Ist da schon Zucker drin? Ich bin nämlich ein süsser Junge."
Als er dann seine erste Bilanz als Sportvorstand zog, sprach Sammer dann aber Klartext: über die ersten sechs Wochen bei den Bayern, Mehmet Scholl, Trainer Jupp Heynckes, das Interesse an Javi Martinez - und die jüngsten Sticheleien von Jens Lehmann.
Frage: Herr Sammer, Sie haben im Trainingslager am Gardasee gesagt, dass Sie ein Schleudertrauma hatten, als Sie beim FC Bayern angefangen haben. Haben Sie inzwischen ausgeschleudert?
Matthias Sammer: (lacht) Es war nicht nur für mich eine Veränderung, sondern auch für Bayern. Da ist jetzt einer für den Sport zuständig und schaut da anders drauf wie in der Vergangenheit. Man musste sich natürlich aneinander gewöhnen. Nach zehn Tagen habe ich gemerkt, dass sich die Dinge ordnen und die Orientierung da war. Die Zeit beim DFB war da sehr wichtig, weil ich viele Dinge im theoretischen Bereich lernen konnte. Ich bin sehr glücklich beim FC Bayern zu sein.
Was war in den ersten Wochen Ihre Hauptaufgabe?
Wichtig ist, dass man Dinge nur dann im Detail beurteilen kann, wenn man die Details auch sieht. Mich wundert, dass mir die Frage gestellt wurde, warum ich mir jedes Training anschaue. Ich halte das für selbstverständlich. Das Detail hängt aber nicht damit zusammen, dass ich den Trainer in seiner täglichen Arbeit kritisieren will. Jupp Heynckes ist mein Partner und er kriegt immer eine Antwort auf eine Frage.
Jupp Heynckes hat von Prüfungen gesprochen, die noch kommen. Welche sind das?
Erst mal muss ich sagen, dass ich zu Jupp Heynckes ein ausgezeichnetes Verhältnis habe. Ich weiss gar nicht, ob ihm das gefällt, aber vom Menschlichen könnte er mein Papa sein. Die Art und Weise, wie er über Fussball denkt, begeistert mich. Unsere erste Prüfung wird das Spiel in Regensburg sein. Wir gewinnen bestimmt nicht alle Spiele, aber wir müssen bei vielen Prüfungen Geschlossenheit beweisen.
Sie haben beim DFB ja in einer Art Paradies gelebt. Das kann man nicht mit den ersten Wochen in München vergleichen, oder?
Ja, stimmt. Nachwuchsarbeit ist ja auch konzeptionell und strategisch ausgelegt. Da hat man natürlich mehr Ruhe. Wenn ich das Gefühl hatte, dass die Leitlinien in der Vorbildwirkung von ganz oben nach ganz unten gefährdet sind, dann habe ich dazwischengegrätscht. Meine Dankbarkeit gegenüber dem Verband ist natürlich gross. Ich konnte dort sehr frei arbeiten und viele Dinge wurden auf den Weg gebracht mit der Unterstützung des Hauses. Davon profitiere ich heute natürlich auch.
Die volle Unterstützung erhalten Sie von Mehmet Scholl. Wie wichtig ist Ihnen das? Sie waren nicht immer beste Freunde.
Wir haben uns als Spieler gehasst. Nach seinem Karriere-Ende hat er mir erzählt, dass er irgendwann gerne bei Bayern als Trainer im Nachwuchsbereich arbeiten will. Als er das konkret erklären sollte, ist er ungemütlich geworden. Als ich dann noch gesagt habe, dass er erst mal in die Lehre gehen soll, war es kurzfristig ganz aus zwischen uns. Unsere erste Begegnung war nicht von Harmonie geprägt. Es wurde aber Respekt daraus. Er hat seine Lehrzeit gemacht und sich auf den Hosenboden gesetzt. Er geht einen bemerkenswerten Weg und wir werden uns weiter austauschen.
Finden Sie den Weg von Markus Babbel auch bemerkenswert? Er wird immer wieder als Nachfolger von Heynckes gehandelt.
Eigentlich war es mit dem Markus genauso wie mit dem Mehmet. Mit ihm hatte ich mich auch ein paar Mal in den Haaren. Aber er geht ebenfalls konsequent seinen Weg. Aber Jupp Heynckes ist unser Trainer und wir sind überhaupt nicht dazu bereit, darüber nachzudenken oder uns zeitlich zu limitieren. Er macht einen sehr guten Job und ist nach Innen und Aussen anerkannt. Jetzt über ein Limit zu sprechen, das geht gar nicht in mein Grundverständnis rein. Das steht bei uns überhaupt nicht auf der Tagesordnung.
Zuletzt wurden Sie persönlich von Jens Lehmann kritisiert, der behauptete, dass Sie nur mit Leuten streiten, die unter ihnen sind. Haben Sie dafür Verständnis?
Wer mich ein bisschen kennt, der weiss, dass das nicht meine Sache ist. Es liegt in seiner eigenen Klugheit, das so zu empfinden. Ich hätte eigentlich von den Medien erwartet, dass man seine Aussagen etwas ins Lächerliche zieht. Dass so etwas unkommentiert stehen blieb, hat mich schon gewundert. Er hätte nur dann Recht, wenn ich so ein grosser Fisch wäre, dass die gesamte Nation unter mir steht (lacht). Weil Lehmann und ich auch TV-Kollegen waren, erwarte ich von einem Sender etwas zur Klärung. Das sage ich in aller Deutlichkeit.
Ist Ihnen der Trubel um Ihre Person manchmal zu viel?
Nein. Ich habe zu meiner Frau gesagt, dass das eigentlich hilft. Am Anfang war es keine stabile Mitte, sondern jeder wollte etwas von mir. Aber irgendwann kommen wir von diesem Übertriebenen in die Mitte, zur Normalität. Der Trubel um meine Person war mir also nicht unrecht.
Nach dem Supercup-Finale gegen Borussia Dortmund hiess es, dass auf höchster Ebene noch einmal beratschlagt wurde, ob mit diesem Kader in die Saison gegangen wird oder nicht. Wie lautet das Resultat? Kommt Martinez?
Wir sehen unglaubliches Entwicklungspotenzial in dieser Mannschaft, aber Martinez ist im zentralen Bereich interessant. Das ist ein Spielertyp, den wir so nicht haben. Wir vertrauen unserer Mannschaft, aber wenn wir das Gefühl haben, dass etwas unter sportlich-wirtschaftlichen Gesichtspunkten Sinn macht, dann kann es passieren, dass wir noch etwas tun.
SPORT1



















