Der steinige Weg von Weltklasse zu Weltspitze
Vom DFB-Team berichtet Thorsten Mesch
Frankfurt/Main - Ziemlich gewaltig war das Aufsehen, das Joachim Löw mit seiner Wutrede entfacht hat.
28 Minuten hatte der Bundestrainer aufgewandt, um seinem Ärger über die Kritik nach dem EM-Aus Luft zu machen .
Auch Sami Khedira störte sich am Dienstag an medialen Vorwürfen, die "teilweise beleidigend" gewesen seien und "nichts mit dem Sport zu tun gehabt" hätten. Bestes Beispiel: die Hymnen-Debatte, die für ihn "nicht relevant" sei.
Fast unter ging in dem damit verbundenen Trubel, was für Löw wie Khedira das eigentlich Relevante ist: Die Mission WM-Titel, auf die Mannschaft und Trainer vor dem Testspiel gegen Argentinien den Blick richten wollen.
"Wahnsinnige Fortschritte"
"Ich glaube, dass wir in den letzten zwei, drei Jahren wahnsinnige Fortschritte gemacht haben", erklärte Löw, ergänzte aber auch: "Es ist immer noch ein kleiner Schritt von der Weltklasse, in der wir uns befinden, bis zur Weltspitze."
Dass "in bestimmten Momenten noch kleine Fehler passieren, daran müssen wir arbeiten", betonte der Bundestrainer.
Seine Aufgabe wird es in den kommenden zwei Jahren auf dem Weg zur WM in Brasilien sein, seiner Mannschaft den nötigen Feinschliff zu verpassen. "Die Schritte, die wir gemacht haben, waren gross, jetzt werden sie kleiner", ist er sich der Problematik seiner Arbeit bewusst.
Spanien als Referenz
"Um einen Titel zu gewinnen, muss alles passen", weiss Löw und nennt den Welt- und Doppel-Europameister als Referenz.
"Die Spanier haben bei den letzten drei Turnieren gezeigt, dass sie eine Ausnahmemannschaft haben, die seit klein auf zusammenspielt. Ihre Automatismen reichen fast bis zur Perfektion", erklärte Löw: "So ist das bei uns nicht."
Der Bundestrainer bemängelte die schlechte Chancenverwertung bei der EM ("In Südafrika haben wir für ein Tor fünf Chancen gebraucht, bei der EM haben wir neun gebraucht.") und führte noch einen anderen Kritikpunkt an.
"Wir waren nicht gut darin, früh den Ball zu verteidigen, den Gegner frühzeitig zu attackieren", erklärte Löw und räumte auch Versäumnisse ein: "Da haben wir vielleicht zu wenige Trainingseinheiten gemacht."
Bedingt durch die kurze Vorbereitungszeit und dem Fehlen eines Grossteils seiner Spieler bis kurz vor der Abreise nach Polen, war dies allerdings auch kaum möglich.
"Müssen kaltschnäuziger werden"
Auch in punkto Pressing nannte Löw Spanien das Vorbild. "Gegen den Ball sind sie in den ersten zehn Sekunden besonders aktiv. Bei Ballbesitz ruhen sie sich fast schon aus", analysierte der Bundestrainer.
"Wir müssen es schaffen, nicht nur in der defensiven Organisation gut zu sein, sondern auch im frühen Stören. Da müssen wir in den nächsten Monaten und Jahren den Hebel ansetzen", forderte Löw.
"Wir haben wieder zwei Jahre Zeit, uns auf das nächste Turnier vorzubereiten. Wir sind besessen davon, uns in jedem Bereich ständig zu verbessern", erklärte Khedira und forderte: "Wir müssen kaltschnäuziger werden."
"Wir müssen einfach geiler werden auf Tore und Siege", findet auch Marco Reus, "aber wir dürfen nicht den Fehler machen und alles schlecht reden, was vorher vielleicht gut war."
Löw hält an Konzept fest
Es ist nicht alles schlecht, nur weil das DFB-Team im EM-Halbfinale gegen Italien verloren hat. Aber es gibt noch viel zu tun. "Unser Weg, den wir vor einigen Jahren eingeschlagen hatten, der stimmt", betonte Löw: "Es gibt keinen Grund, von unserem Konzept abzuweichen."
Und auch hier kann sich Deutschland die Spanier zum Vorbild nehmen. Vor ihrem EM-Triumph 2008 galten die Iberer als eine Mannschaft, die zwar viele gute Spieler habe, aber wohl nie einen grossen Titel gewinnen werde.
Am Ende zahlte sich bei den Spaniern ein langfristiges Konzept verbunden mit einem Reifungsprozess der Spieler aus.
Khedira fordert eigenen Stil
"Was das Fussballerische und die Einstellung angeht, sind wir schon sehr reif", findet Khedira. Man solle sich aber "nicht zu sehr auf Spanien versteifen, sondern unseren eigenen Stil verfolgen".
Die deutsche Mannschaft sei "auf einem sehr guten Weg. Natürlich fehlt noch der Titel, aber wir werden weiter hart arbeiten und uns nicht entmutigen lassen", kündigte der Spanien-Legionär an. "Ich glaube, dass wir bis 2014 noch besser werden und irgendwann mal wieder in der Lage sind, einen Titel zu gewinnen."
Ein erster Schritt auf dem Weg zur Weltspitze soll im Spiel gegen Argentinien am Mittwoch gemacht werden. "Wir werden versuchen, die Fans auf unsere Seite zu bekommen, zu gewinnen und dabei einen guten Fussball zu spielen", versprach Khedira.
SPORT1

