''Die Bayern stehen mehr unter Druck als wir''
Von Reinhard Franke
München - Er ist 100 Prozent Schwarz-Gelb.
Seine 463 Bundesligaspiele absolvierte Michael Zorc allesamt für Borussia Dortmund und ist somit Bundesliga-Rekordspieler des Vereins.
Mit drei Titel in den vergangenen zwei Jahren ist der 49-Jährige bei den Westfalen auch als Sportdirektor erfolgreich.
Doch Zorc Erfolgshunger ist noch lange nicht gestillt - vor allem nicht gegen den FC Bayern:
Dabei gelangen gegen den Rekordmeister zuletzt fünf Siege. Im Supercup gegen die Münchner erwartet Dortmunds Strippenzieher dennoch ein Duell auf Augenhöhe.
Mit SPORT1 spricht Zorc über das Duell mit dem FCB, Borussias Vorbereitung, Jungstar Mario Götze - und schwärmt von Neuzugang Marco Reus.
SPORT1: Herr Zorc, wie heiss sind Sie auf den ersten Titel der Saison?
Michael Zorc: Wir freuen uns, dass es langsam wieder losgeht, das Kribbeln beginnt, und es gibt einen ersten Titel, den wir holen können. Es treten die aktuell zwei besten deutschen Mannschaften gegeneinander an. Es lohnt sich, dieses Spiel ernst zu nehmen. Beide Teams haben den Pokal schon drei Mal gewonnen. Nichtsdestotrotz sind wir noch in der Vorbereitung. Dennoch freue ich mich auf das Spiel.
Welchen Stellenwert nimmt der Supercup ein?
Einen hohen. Ich kann mir vorstellen, dass beide Klubs eine Mannschaft auf den Platz schicken werden, die hohe Ähnlichkeit mit der des 1. Bundesliga-Spieltags haben wird. Der Supercup ist gerade dabei, sich zu etablieren, aber die Bundesliga steht natürlich über den Dingen. Sie ist kein Produkt, sondern eine Institution. Wir haben volle Stadien, viele Familien gehen regelmässig geschlossen zum Fussball. Das ist eine tolle Entwicklung.
Nach zwei Meisterschaften und dem Pokal-Sieg: Warum ist Borussia Dortmund so zurückhaltend im Vorfeld auf die neue Saison?
Wir orientieren uns gerne an Realitäten. Der FC Bayern rangiert in vielen Bereichen weit vor uns, vor allem im wirtschaftlichen Segment. Wir haben zwei Jahre lang mit überragenden Leistungen die vermeintliche Regel ausser Kraft gesetzt, dass der Klub mit den grössten finanziellen Möglichkeiten auch Meister werden muss. Aber über einen längeren Zeitraum hinweg ist das schwierig. Unsere Aufgabe ist es, aus den Möglichkeiten, die Borussia Dortmund hat, das Bestmögliche zu machen.
Kapitän Sebastian Kehl kritisiert den Vorbereitungsstand - wie zufrieden sind Sie?
Sebastian Kehl hat nicht den Stand der Vorbereitung an sich kritisiert, sondern meines Wissens mit Blick auf das jüngste Spiel gegen Bremen (4:5 im Elfmeterschiessen beim LIGA-total!-Cup, Anm. d. Red.) eine verbesserte Defensivarbeit angemahnt. Unsere Vorbereitung war nicht ganz einfach, weil die Nationalspieler zu unterschiedlichen Zeitpunkten wieder zur Mannschaft stiessen, und wir deshalb in Gruppen arbeiten mussten. Von der Koordination und von der Dosierung der Trainingsbelastung her, war es für den Trainer nicht immer leicht, aber generell sind wir zufrieden. Zuletzt war es nur unglücklich, dass Mario Götze wegen einer Augenentzündung nicht richtig mittrainieren konnte.
Wie sehen Sie Götze denn, der davor schon lange verletzt war?
Mario konnte durchgehend im läuferischen Bereich trainieren. Am Mittwoch hat er zum ersten Mal wieder mit der Mannschaft gearbeitet, und es ist ja auch noch ein bisschen Zeit, bis es wirklich losgeht. Ich bin in dieser Hinsicht völlig entspannt. Er wird uns wieder viel Freude bereiten.
Alles andere als erfreut war Jürgen Klopp zuletzt über das Abwehrverhalten: Er sagte, er vermisse die Galligkeit. Machen Sie sich da auch Sorgen?
Nein. Man kann nicht von einem Testspiel auf eine generelle Problematik schliessen. Wir haben gegen Bremen in der Defensive mit vielen Neuen gespielt, was keine Ausrede sein soll, aber insgesamt passte unser Auftreten dem Trainer überhaupt nicht. Grundsätzlich glaube ich aber, dass wir unsere gewohnte Stabilität im Defensivbereich erreichen werden.
Wie schnell kann sich Neuzugang Marco Reus voll einbringen? Er wirkt überglücklich im BVB-Trikot, und man nimmt ihm ab, wenn er das Klub-Logo küsst.
(schmunzelt) Marco braucht das Logo gar nicht zu küssen. Bei ihm weiss man auch so, dass er den BVB im Herzen trägt. Er ist ein Dortmunder Junge. Er hat sich in der Gruppe sehr gut eingelebt. Und er hat vor allem auch unsere besondere Spielweise, die wir pflegen, schnell verinnerlicht. Marco freut sich, und wir freuen uns noch mehr, dass er bei uns ist und dass wir ihn bald im schwarz-gelben Dress im Stadion sehen.
Ilkay Gündogan hat der Konkurrenz gedroht und gesagt, dass der BVB noch stärker ist als in der letzten Saison. Ist das in Ihrem Sinn?
Das war ja nicht im Ansatz eine Drohung, er hat lediglich sehr zurückhaltend betont, dass er glaubt, die Mannschaft könne sich noch weiterentwickeln. Und er hat Recht. Die Entwicklung jedes Einzelnen und der Mannschaft ist angesichts ihrer Jugend selbstredend noch nicht abgeschlossen.
Früher war Matthias Sammer Ihr Mitspieler beim BVB, dann war er Trainer, unter Ihnen als Sportdirektor. Jetzt sind Sie Kontrahenten. Wie gehen Sie damit um?
Wir haben als Spieler und später in den verschiedensten Funktionen gut und erfolgreich zusammengearbeitet, es sind einige Titel dabei herausgekommen. Jetzt gehen wir kollegial und freundschaftlich miteinander um - als Kontrahenten, aber das ist nun einmal so. Der grösste Unterschied ist, dass Matthias früher volleres Haar hatte. (lacht)
Wie sehen Sie den Dauer-Zoff zwischen Bayern-Präsident Uli Hoeness und BVB-Boss Hans-Joachim Watzke?
Ich sehe überhaupt keinen Zoff zwischen beiden Vereinen. Im Gegenteil! Es gibt da gar keine Distanz, und Gott sei Dank werden die Spiele ja auf dem Rasen entschieden. Ich denke, Herr Hoeness weiss, was wir in den letzten Jahren geleistet haben. Wir respektieren im Gegenzug die grossartigen Leistungen des FC Bayern München und seiner Führungspersonen. Wenn es mal Sticheleien gibt, nehmen wir diese lächelnd zur Kenntnis. Ich denke die Bayern stehen mehr unter Druck als wir.



















