Niersbach kontert Blatter-Vorwürfe: Alles sauber
Von Andreas Kloo
München - Mit seinen Vorwürfen gegen die deutsche WM-Bewerbung 2006 hat FIFA-Präsident Sepp Blatter für mächtig Wirbel gesorgt.
DFB-Präsident Wolfgang Niersbach lässt Blatters Aussagen jedoch kühl an sich abperlen: "Wenn Sepp Blatter meint, er müsse komische Nebelkerzen werfen, kann er uns damit nicht verwirren", sagte Niersbach bei "Sky Sport News HD".
Zu den Vorwürfen selbst bezog er klar Stellung: "Ich bin total gelassen, weil ich ein absolut reines Gewissen habe. Ich war vom ersten Tag dabei bis zur Entscheidung am 6. Juli 2000. Wir haben sauber gearbeitet."
Dennoch waren Blatters Hinweise auf ein gekauftes Sommermärchen 2006 am Sonntag Thema des Tages.
Und genau das war offenbar Blatters Ziel.
Nur ein Ablenkungsmanöver
Für den früheren FIFA-Mediendirektor Guido Tognoni sind Blatters Anfeindungen nur ein Ablenkungsmanöver von den Vorwürfen gegen seine eigene Person.
Wie vergangene Woche klar wurde, hat Blatter Bestechungszahlungen an Ehrenpräsident Joao Havelange und das frühere Exekutivmitglied Ricardo Teixeira geduldet.
"Er braucht einen Befreiungsschlag ", sagte Tonogni im "ARD-Morgenmagazin".
"Schuss in den eigenen Fuss"
Im Interview mit dem "SonntagsBlick" hatte Blatter erklärt: "Gekaufte WM ... Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verliess. Und man so statt 10 zu 10 bei der Abstimmung ein 10 zu 9 für Deutschland hatte".
Auf die Nachfrage, ob er, Blatter, vermute, die WM 2006 in Deutschland sei gekauft gewesen, antwortete der Schweizer: "Nein, ich vermute nichts. Ich stelle fest."
Tognoni wertet diese Aussagen Blatters als klassisches Eigentor: Schliesslich sei der FIFA-Chef über alle Vorgänge rund um die WM-Vergabe informiert gewesen: "Das ist ein Schuss in den eigenen Fuss, denn alles ist unter Aufsicht von Sepp Blatter geschehen."
Und weiter: "Sepp Blatter war immer dabei. Er hätte es damals stoppen können, er wusste über jedes Detail Bescheid. Jetzt im Nachhinein zu kommen, finde ich billig."
Schwere Vorwürfe von Tognoni
Tognoni war von 1984 bis 2003 in verschiedenen Exekutivfunktionen in der FIFA und der UEFA tätig. Zwischen 2001 und 2003 war der Jurist FIFA-Marketingdirektor.
Er erhebt schwere Vorwürfe gegen den Weltverbands-Boss: "Unter der Präsidentschaft von Sepp Blatter sind Dinge geschehen, die eigentlich nicht in einem Fussball-Betrieb geschehen sollten."
Gefälligkeiten des DFB
Zur deutschen WM-Kandidatur erklärte er: "Der Deutsche Fussball-Bund hat damals den Rahmen des Möglichen ausgeschöpft und zwei Jahre lang harte Lobbyarbeit betrieben." .
Er sprach dabei auch von Gefälligkeiten vonseiten des DFB, die es ohne WM-Bewerbung wohl nicht gegeben hätte.
Als Beispiel nannte er den Abschluss von Freundschaftsspielen.
Neuseeländer enthält sich
Franz Beckenbauer, damals Präsident des deutschen Bewerbungskomitees, hatte die Vorwürfe Blatters jedoch bereits am Sonntag entkräftet. Via "Twitter" legte der "Kaiser" am Montag nach: Das Abstimmungsergebnis war 12:11 (nicht 10:9) und die enthaltene Stimme war schriftlich Deutschland zugesichert."
Bei der Abstimmung am 6. Juli 2000 hatte sich der Neuseeländer Charles Dempsey der Stimme enthalten.
Bei einer Stimmengleichheit hätte Blatters Votum den Ausschlag gegeben. Und der hätte damals Südafrika den Vorzug gegeben.
DFB rückt von Blatter ab
Der DFB, der sich unter Theo Zwanzigers Führung trotz schon schwelender Korruptionsvorwürfe noch zu Blatter bekannt hatte, ist nun jedenfalls vom FIFA-Boss abgerückt.
Niersbach hatte sich geschockt von der neuen Dimension des Schmiergeld-Skandals gezeigt: "Wenn nicht unbedeutende Persönlichkeiten der FIFA Geld kassiert haben und die Reaktion darauf ist, dass das damals nicht verboten war, dann können wir uns als DFB davon nur klar distanzieren."
Liga-Boss Reinhard Rauball Blatter forderte Blatter in einem Telefonat zum Rücktritt auf.
Sitzung zur Ethik-Kommission
Am Dienstag wird das Thema Korruption bei der FIFA offiziell zur Sprache kommen. Dann nämlich trifft sich die FIFA-Exekutive in Zürich zu einer Ausserordentlichen Sitzung und befasst sich dabei mit der Ethik-Kommission.
Diese war von Blatter nach den Bestechungsvorwürfen im Zusammenhang mit der WM-Vergabe 2022 nach Katar geschaffen worden.
Nun soll es um die konkrete Ausgestaltung dieser Kommission gehen. Ob dabei auch die WM-Vergabe 2006 zur Sprache kommt, ist unklar.
Kaum Unterstützung für Deutschland
Persönlich hat Blatter am Dienstag aber nichts zu befürchten. Für eine Abwahl Blatters müsste erst ein Ausserordentlicher FIFA-Kongress einberufen werden.
Den Antrag dafür müsste entweder die Exekutive selbst, die felsenfest hinter Blatter steht, stellen. Oder 20 Prozent der insgesamt 209 Mitgliedsverbände müssten einen schriftlichen Antrag einreichen.
Doch Tognoni macht Rauball und Niersbach wenig Hoffnung auf internationale Unterstützung.
Deutschland stehe "ziemlich alleine" da, erklärte der Schweizer: "Wenn morgen ein Kongress einberufen würde mit 209 Verbänden , hätte Sepp Blatter keine grosse Mühe, 105 Verbände auf seine Seite zu ziehen."
Blatters Eigentor ist also vorerst nicht spielentscheidend.
SPORT1











