Hoffnung im Kampf gegen Rassismus heisst Balotelli
Rom/München - Muskelprotz Mario Balotelli ist der neue Heros in Italien.
Der exzentrische Angreifer der Azzurri, der mit seinem Doppelpack Deutschland im EM-Halbfinale quasi im Alleingang aus dem EURO-Turnier befördert hatte, geniesst bei den Tifosi allergrösste Wertschätzung.
Viele Eskapaden und Skandale werden dem 21 Jahre alten Kraftpaket, das gegen die DFB-Elf so werbewirksam seine Muskelberge einem Millionen-Publikum präsentierte, mittlerweile nachgesehen.
Und Balotelli ist der neue Hoffnungsträger auf dem Apennin im Kampf gegen den Rassismus, der sich im Land des viermaligen Weltmeisters wie ein Flächenbrand ausgebreitet hat.
Balotelli: Mehr Einfluss als alle anderen?
"Es braucht Pioniere, aber Balotelli hat vielleicht mehr Einfluss als alle anderen", sagte Simon Martin der Nachrichtenagentur "Reuters".
Der Fussball-Historiker der Amerikanischen Universität in Rom zieht Parallelen zu den rassistischen Auswüchsen in England in den 1970er Jahren.
Prävention und Integration
Carlo Balestri wiederum sieht vor allem vonseiten der italienischen Politik noch viel Nachholbedarf:
"Prävention und Integration wurden lange Zeit nicht entsprechend ernst genommen", sagt der Funktionär der anti-rassistischen Sport-Organisation UISP.
Und ergänzt: "Jetzt gerade hat eine Bewegung eingesetzt, aber der Prozess ist schwierig und langwierig, denn die italienische Politik reagiert nur auf aktuelle Ereignisse. Aber sie geht die Probleme nicht mittel- oder langfristig an."
Lebensgeschichte macht Mut
So fokussiert sich alles zurzeit auf Balotelli, der polarisiert, aber dem inzwischen sogar eine integrative Kraft nachgesagt wird.
Eine ganze Menge Verantwortung lastet auf den Schultern des jungen Stars, der schon viel Kritik einstecken musste und sich nicht immer vorbildlich verhalten hat.
Aber seine Lebensgeschichte macht vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Stiefelstaat Mut.
Balotelli: Tragische Kindheit
Balotelli war als Sohn ghanaischer Einwanderer, der von seinen leiblichen Eltern im Krankenhaus zurückgelassen wurde, weil sie das Geld für die Magen-Behandlung des kleinen Mario nicht bezahlen konnten, von einer Pflegefamilie grossgezogen worden.
Damals war er drei Jahre alt.
Nach dem Triumph gegen Deutschland fiel er Adoptivmutter Silvia auf der Tribüne in Warschau in die Arme und bedankte sich: "Diese Tore waren für dich!"
"Es gibt keine schwarzen Italiener"
Dieser emotionale Moment kam in ganz Italien an. Vergessen waren rassistische Verunglimpfungen gegen Balotelli wie Affenlaute oder Gesänge wie "Es gibt keine schwarzen Italiener!" bei Serie-A-Spielen in der Vergangenheit.
Der Wechsel zu den Citizens aus Manchester war für viele Beobachter auch so etwas wie eine Flucht.
Seit der EURO ist es anders. Der dunkelhäutige Angreifer geniesst grosse Popularität auf dem Apennin.
Entschuldigung bei Balotelli
So musste sich die angesehene italienische Sporttageszeitung "Gazzetta dello Sport" bei Balotelli persönlich entschuldigen, als sie den italienischen Angreifer vor dem Viertelfinalduell gegen England in einer Karikatur als King-Kong auf Big Ben in London sitzend abbildete.
Als rassistisch beleidigend wurde die Zeichnung empfunden.
Die Blattmacher zeigten Reue.
Herrlichste Nebensache der Welt
Der Calcio in Italien ist wie in Deutschland die wichtigste und herrlichste Nebensache der Welt.
Die Tifosi freuen und leiden mit ihren Teams, vereint sind alle in der Liebe zur Squadra Azzurra, der trotz aller Wett- und Manipulationsskandale in Italien immer noch eine besondere Rolle zukommt.
"Ihr habt aussergewöhnliche Ergebnisse erzielt und es gibt immer noch viel zu tun, um eine fundamentale Erneuerung durchzuführen - aber spreche ich über Italien oder über Fussball? Die Argumente sind sehr ähnlich", fabulierte Staatspräsident Giorgio Napoletano beim Empfang nach der Rückkehr der italienischen EM-Helden.
SPORT1











