''Reden wieder mit im Konzert der Grossen''
Von Thorsten Langenbahn
Düsseldorf - Norbert Meier gilt als der Vater des Düsseldorfer Erfolgs.
Der 53 Jahre alte Trainer übernahm 2008 die Fortuna und führte sie von der Regional- bis in die Bundesliga.
Überschattet wurde die erfolgreiche Aufstiegs-Relegation gegen Hertha BSC mit dem Platzsturm der glückseligen Fortuna-Fans. Die Mannschaft trainierte weiter, sagte die Aufstiegsfeier und ihre Mallorca-Fahrt ab.
"Diese Euphorie des Aufstiegs, die man eigentlich über mehrere Tage ausleben muss, um Dinge zu verarbeiten, all das ist mit Abschluss dieser Saison verloren gegangen", bedauert Meier das juristische Nachspiel.
Im SPORT1-Interview spricht er ausserdem über das Saisonziel Klassenerhalt, das Geisterspiel zum Heimspielauftakt gegen Mönchengladbach, den neuen Dauerkartenrekord und den Umbruch im Kader mit 16 Neuzugängen.
SPORT1: Herr Meier, mit der 50. Bundesliga-Spielzeit steht eine Jubiläumssaison bevor. Sie halten einen Rekord in den Geschichtsbüchern. Wissen Sie welchen?
Norbert Meier: Nein, das kann ich Ihnen auf Anhieb nicht sagen.
SPORT1: Ebenso wie Mehmet Scholl und Ulf Kirsten wurden Sie am häufigsten ausgewechselt - insgesamt 111 Mal. Sie sind quasi der Auswechselkönig.
Meier: Da können Sie mal sehen, wie wenig Zeit ich für die ganzen Tore hatte, die ich erzielt habe (84 Treffer in 331 Spielen für Werder und Gladbach, Anm. d. Red.) .
SPORT1: Jetzt haben Sie gemeinsam mit Manager Wolf Werner 16 neue Spieler geholt. Damit landen Sie erneut in den Geschichtsbüchern (DIASHOW: Bundesliga-Transfermarkt).
Meier: Zunächst freuen wir uns darüber, dass es eine Jubiläumssaison wird. Mit dem Aufstieg der Fortuna hat das genau gepasst, um im 50. Jahr der Bundesliga dabei zu sein. Normal ist das ungewöhnlich, wenn eine Mannschaft in die Bundesliga aufsteigt, dass sie so grosse Veränderungen vornehmen muss wie wir jetzt. Es ist aber auch nicht von vornherein geplant gewesen aufzusteigen. Aber die Möglichkeit hat sich eben ergeben und wir haben natürlich mit beiden Händen zugegriffen.
SPORT1: Bei allem Respekt: Wie wollen Sie mit so vielen Neuen in acht Wochen eine konkurrenzfähige Erstliga-Elf formen?
Meier: Das ist die Herausforderung, die uns bevorsteht. Wir müssen das Bestmögliche versuchen, um in einer etwas längeren Vorbereitungszeit als sonst eine Mannschaft zusammen zu stellen, die nachher leistungsfähig sein wird.
SPORT1: In Maximilian Beister (nach Leihe zurück zum HSV), Sascha Rösler (zu Aachen) und Thomas Bröker (zum 1. FC Köln) sind drei der vier Top-Torschützen der Aufstiegssaison weg. Wie schwer sind sie zu ersetzen?
Meier: Sie haben natürlich perfekt in unser Mannschaftsgefüge gepasst. Aber diejenigen, die jetzt kommen, denen vertrauen wir auch wieder. Wir haben in den vergangenen Jahren relativ gut gelegen, was Positionsveränderungen anging, etwa bei Bamba Anderson, Martin Harnik oder Maxi Beister. Das lässt sich gewiss nicht immer so einfach wiederholen, aber wir haben uns bei dem, was wir machen, etwas gedacht.
SPORT1: Welches andere Ziel ausser Klassenerhalt geben Sie Ihrer Mannschaft mit auf den Weg in die neue Saison?
Meier: Damit haben Sie eigentlich alles gesagt (lacht). Da wird es auch nichts Anderes geben. Erfolg ist immer eine Frage der Definition. Für uns wird Erfolg etwas anderes sein als für Borussia Dortmund oder Bayern München.
SPORT1: Mit Axel Bellinghausen kommt aus Augsburg ein früherer Fortune zurück. Ist er mit seiner Kämpfermentaliät und als Identifikationsfigur für die Fans auch einer, der auf dem Platz die Richtung vorgeben kann?
Meier: Das muss er. Damit setze ich ihn auch gar nicht unter Druck. Bei Axels Verpflichtung konnten wir davon profitieren, dass er eine Fortuna-Vergangenheit hat. Ihn lieben die Leute hier, weil er immer mit gutem Beispiel vorangeht und auf dem Feld umsetzt, was insbesondere die Fans hier in Düsseldorf sehen wollen. Und er hat auch in der Zeit, als er nicht hier spielte, bewiesen, dass sein Herz für die Fortuna schlägt - und ist beispielsweise Mitglied geblieben.
SPORT1: So wie Andreas Lambertz (27), der es als erster Spieler mit dem gleichen Klub von der Oberliga bis in die Bundesliga geschafft hat. Was macht das Phänomen "Lumpi" Lambertz aus?
Meier: Der ist relativ unbekümmert, was gewisse Dinge angeht. Der macht sich nicht so einen grossen Kopf, spielt frisch, fromm, fröhlich, frei. Bei Lumpi muss man sich immer an gewisse Dinge gewöhnen. Wenn er woanders auftauchen würde, würden die Trainer bisweilen graue Haare kriegen. Er ist ein Musterbeispiel an Einsatzwillen. Er macht urplötzlich Sachen, mit denen man nicht rechnet. Die Leute sind stolz drauf, dass einer nach so einer langen Zeit immer noch dabei ist.
SPORT1: Nach dem Relegationsspiel gegen Hertha hat ihm ein Fan ein bengalisches Feuer in die Hand gedrückt, weshalb er zunächst zwei Spiele gesperrt ist. Wie gut sind Sie zurzeit eigentlich auf den DFB zu sprechen?
Meier: Es ist nicht meine Aufgabe, Vorgänge dieser Art zu kommentieren. Dafür haben wir andere Verantwortliche im Verein.
SPORT1: Wie haben sie ihren Spielern den bitteren Nachgeschmack durch die juristische Verlängerung der Relegation gegen Hertha genommen?
Meier: Den konnte ich ihnen nicht nehmen. Wir haben ja die ganze Zeit weiter trainiert. Diese Euphorie des Aufstiegs, die man eigentlich über mehrere Tage ausleben muss, um Dinge zu verarbeiten, all das ist mit Abschluss dieser Saison verloren gegangen. Das ist schade, gerade weil Fortuna so lange aus der Bundesliga verschwunden war.
SPORT1: Zum Heimspielauftakt gegen Gladbach droht mit dem Geisterspiel die nächste bittere Pille wegen des Platzsturms. Hat der Einspruch der Fortuna eine Chance?
Meier: Das kann ich nicht sagen. Es ist nur bedauerlich, dass dieses Niederrhein-Derby, das von einer grossen sportlichen Rivalität gekennzeichnet ist und worauf beide Fan-Lager 15 Jahre lang warten mussten, möglicherweise nicht vor vollem Haus mit all seinen Emotionen stattfinden kann.
SPORT1: Trotzdem gibt es mit mehr als 25 000 Saisontickets schon jetzt einen neuen Dauerkartenrekord. Was bedeutet diese Rückkehr in die höchste deutsche Spielklasse für den Klub und die Stadt?
Meier: Wir haben viele Fans, die uns schon in der Vergangenheit begleitet haben, auch als ich noch gar nicht hier war. Die sind stolz darauf, wie sich alles entwickelt hat und dass jetzt wieder Erstliga-Fussball zu sehen ist. Bei Traditionsvereinen gibt es immer besondere Ereignisse, wie bei uns das Europapokal-Endspiel 1979 gegen Barcelona, wo sich die Leute gerne dran erinnern und wo man wieder von träumt. Dementsprechend ist die Erwartungshaltung weiterhin sehr hoch, dass man gewisse Dinge wieder mal packen kann. Doch davon sind wir noch weit entfernt. Aber die Fortuna wird in ganz Fussball-Deutschland und darüber hinaus wieder wahrgenommen. Unsere Fans können beruhigt zur Arbeit gehen, weil sie wieder mitreden können im Konzert der Grossen. Zumindest werden sie auch mal gefragt: Was macht denn euer Klub?
SPORT1



















